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Mittwoch, 19. November 2008

Volkstümliches 'Zauberbuch' im Saarland entdeckt

Historische Aufnahme von "Uhrmachers Haus" in Engelfangen | Copyright: H.-J. Kühn/Staden Verlag

Engelfangen/ Deutschland - Es klingt fast schon wie eine Szene aus einem Abenteuerroman: In einem alten Bauernhaus findet ein Archivar in einem alten Schrank ein handschriftlich geführtes, so genanntes Schreibbuch aus dem Jahre 1784. In ihm wurden über Generationen hinweg über 200 Hinweise für das bäuerliche Leben vor 20 Jahren zusammengetragen. Neben Rezepturen zur Herstellung von Salben und Haushaltschemikalien finden sich darin auch zahlreiche Beschwörungsformeln und volksmagische Zaubersprüche.

Schon der Ort, an dem das Schreibbuch aufbewahrt wurde, muss dem Entdecker, Hans-Joachim Kühn, der damals (1985) Stadtarchivar im saarländischen Püttlingen war und das Haus im Herbst gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister de Stadt besucht hatte, wie Fenster in eine längst vergangene Zeit erschienen sein. Damals wurde das bäuerliche Gebäude in Engelfangen, das heute das saarländische Uhrenmuseum beherbergt, noch von der letzten Besitzerin Frau Auguste Franz bewohnt. "Die meisten Räumlichkeiten in 'Uhrmachers Haus' befanden sich damals zwar in einem sehr verkommenen Zustand, spiegelten aber weitgehend bis ins kleinste Detail die Lebensverhältnisse vor dem ersten Weltkrieg wieder, so dass es geboten erschien, die Innenräume zumindest fotographisch zu dokumentieren."

Deckblatt und Rezeptseite aus dem "Schreibbuch" | Copyright: H.-J. Kühn/Staden Verlag

Neben alltäglichen Rezepten und Anweisungen zur Haus- und Hofführung finden sich in der Sammlung nicht wenige Rezepte, die auch Beschwörungsformeln oder Zaubersprüche - einige sogar in Reimform - beinhalten. "Somit sind sie auch als Relikte des im Köllertal bis ins 20. Jahrhundert geübten 'Besprechens' bzw. 'Brauchens' zu betrachten. Die Verwendung von Sargnägeln, Rabenhirnen, Totenköpfen als Ingredienzien oder Werkzeuge mutet die aufgeklärten Zeitgenossen mitunter etwas merkwürdig an. Solche Indizien zeugen aber davon, dass die ländliche Bevölkerung vor der Industrialisierung trotz allem bemühen der Geistlichkeit noch stark magischen Vorstellungen verhaftet war", so Kühn. "Im Einzelfall lassen sich durchaus Heilzauber bei Krankheiten, Abwehr-, Bann-, Schutz- und Schadenszauber erkennen."

2005 ist eine sorgfältige und zudem kommentierte und erläuterte Transkription des Schreibbuches unter dem Titel "Wann eine Kuh nicht stieren will" im Staden-Verlag (staden-verlag.de) erschienen. Hierin schreibt Kühn über die Bedeutung des Fundes: "Das Rezeptbuch aus 'Uhrmachers Haus' in Engelfangen hat eine unbestreitbare Bedeutung für die lokale und regionale Geschichte der mittleren Saargegend. Darüber hinaus ist es durch seinen Inhalt aber auch in einem weitaus größeren geographischen Rahmen von Interesse. Dies resultiert insbesondere aus den Hinweisen zur Geschichte verschiedener wissenschaftlicher Fachbereiche (Botanik, Pharmazie, Veterinär- und Humanmedizin, Chemie). Mag der Text auch keine wesentlich neuen fachwissenschaftlichen Erkenntnisse bereithalten, so bietet er doch en authentisches Zeugnis ersten Ranges über die Anwendung des damals bekannten Gelehrtenwissens in der Praxis des bäuerlichen Lebens."

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Das Buch, so Kühn, gebe Zeugnis vom großenteils noch magischen Denken der Bevölkerung auf dem Lande der mittleren Saargegend. Die Bedeutung der Sammlung liege aber hauptsächlich in einem "unnachahmlichen Gemisch von tier- und humanmedizinischer Praxis, magischen Vorstellungen , Kenntnis von Heilkräutern und Nutzpflanzen sowie dem Umgang mit pharmazeutischen und chemischen Stoffen."

Quelle: grenzwissenschaft-aktuell.de
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