Montag, 20. September 2010

Studie belegt: Mehr Suizide bei Konfessionslosen – weniger bei Katholiken

Archiv: Selbstmörder-Friedhof mit anonymen Holzkreuzen in Berlin-Grunewald, 1931 | Copyright: Bundesarchiv/CC3.0

Bern/ Schweiz - Eine Studie an den "Instituten für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM)" der Universitäten Bern und Zürich belegt, dass Selbsttötungen unter konfessionslosen Schweizerinnen und Schweizern häufiger auftreten als bei Protestanten und Katholiken am wenigsten suizidgefährdet sind. Die Studie, so die Autoren, belege die "starke soziale Kraft ist" von Religion.

In ihrer Studie untersuchten die Forscher um Matthias Egger, Adrian Spoerri, Marcel Zwahlen, Matthias Bopp, Felix Gutzwiller die Suizidrate unter Katholiken, Protestanten und konfessionslosen Schweizerinnen und Schweizern. Unterstützt wurde die Untersuchung vom "Schweizerischen Nationalfonds und vom Bundesamt für Statistik".

Die in der Fachzeitschrift "International Journal of Epidemiology" publizierte Studie basiert auf der Volkszählung 2000, bei welcher Daten von über drei Millionen Bewohnerinnen und Bewohnern der Schweiz im Alter von 35 bis 94 Jahren ausgewertet werden konnten: Bei Personen ohne Religionszugehörigkeit wurden auf 100.000 Einwohner 39 Selbsttötungen registriert, bei Protestantinnen und Protestanten 29. Unter den Anhängerinnen und Anhängern des römisch-katholischen Glaubens wurden 20 Suizide festgestellt.

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Die Wissenschaftler zeigen mit ihrer Untersuchung, dass "Religion eine wichtige soziale Kraft ist". Der katholische Glaube verurteilt sowohl die Selbsttötung als auch den assistierten Suizid, der in der Schweiz unter bestimmten Bedingungen legal ist. Damit bestätigen die Berner Wissenschaftler eine Hypothese, die auf den französischen Soziologen Emile Durkheim zurückgeht, der bereits 1897 den Zusammenhang zwischen Religion und Selbsttötung erforschte, erläutert die Pressemitteilung der "Universität Bern". Dieser argumentierte damals, dass die stärkere soziale Kohäsion und Integration der katholischen Schweizerinnen und Schweizer in einer tieferen Suizidrate resultierten.

Weiterhin stellen die Forscher fest, dass sich der Zusammenhang von Religion und Suizid mit dem Alter verändert: Der protektive Effekt unter den Katholiken - aber auch das höhere Suizidrisiko unter den Konfessionslosen - zeigt sich stärker, je älter eine Person ist. Bei den assistierten Suiziden - unterstützt von einer Sterbehilfeorganisation - ist der Zusammenhang mit Religion sogar noch deutlicher ausgeprägt: mit weniger assistierten Suiziden bei den Katholiken und mehr unter den Konfessionslosen, vor allem in der älteren Bevölkerung. "Gerade bei Personen, die sich nicht zu einer Religion bekennen, scheint der assistierte Suizid eine Möglichkeit zu sein, im Alter das Leben selbstbestimmt zu beenden", meint Professor Matthias Egger vom ISPM der Universität Bern zu den Untersuchungsergebnissen.

Bücher zum Thema:

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Hintergrund: Selbstmord in den Weltreligionen - ein kurzer Überblick

Die römisch katholische Kirche verurteilt den Selbstmord als Sünde und beruft sich dabei zum einen auf das Gebot "Du sollst nicht töten!", welches auch auf sich selbst anzuwenden sei. Als weiteres wichtiges Argument aus religiöser Sicht wird abgeführt, dass durch den geplanten und beabsichtigten Selbstmord die Herrschaft Gottes verletzt werde und zudem das menschliche Leben heilig und einzigartig sei. Noch bis ins frühe 19. Jahrhundert wurde Suizidopfern die Bestattung auf Friedhöfen und ein kirchliches Begräbnis von der katholischen Kirche verweigert (s. Abb) und entsprechende Leichen in einem sogenannten Eselsbegräbnis in ungeweihter Erde begraben. Heutzutage werden diese strengen Richtlinien in der Regel jedoch nicht mehr umgesetzt.


Auch das Judentum sieht es alleinig an Gott, Leben zu geben und auch wieder zu nehmen. Auch hier wurden Selbstmörder genau wie Schwerkriminelle an gesonderten Orten in der Nähe von Friedhöfen beerdigt werden, beispielsweise an deren Umfriedung. Allerdings wird hier in einigen Fällen ein Unterschied zwischen profanem und religiös motiviertem Selbstmord gemacht, wenn letzterer einem Martyrium gleichgesetzt werden und dann unter Gläubigen sogar höchstes Ansehen genießen kann.

Auch nach muslimischer Ansicht hat eigentlich nur Gott das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden. Der Islam selbst verbietet jegliche Form von Suizid in meist strenger Form. Selbstmördern droht hier "ewiges Fegefeuer" und die Verweigerung der Aufnahme ins Paradies. Allerdings beurteilen auch im Islam unterschiedliche Glaubensauslegungen den religiös motivierten Selbstmord, besonders im Kampf gegen die Ungläubigen - Stichwort Selbstmordattentäter - als Martyrium und der so gestorbene, soll direkt ins Paradies aufgenommen werden und hier zudem unterschiedliche Bevorzugungen erhalten. Ein solcher Märtyrertod bedarf allerdings stets der Zustimmung von religiösen Führern und der Glaubensgemeinschaft, da er sonst nur als Selbstmord angesehen wird.

Der Buddhismus schwankt in der Suizidfrage zwischen deutlicher Ablehnung und Zustimmung. Die Selbsttötung wird besonders dann verachtet, wenn sie mit der Gefährdung anderen Lebens einhergeht. Als Mittel, die eigene Erleuchtung vor einem Rückfall, etwa bei schwerer Krankheit, zu schützen oder um nach der Wiedergeburt zu einer höheren Daseinsform aufzusteigen, wird der Selbstmord hingegen in einigen Schriften positiv gewertet.

Im Hinduismus hingegen gilt der Selbstmord sogar als Lohn der Asketen, die damit ihre Frömmigkeit besiegeln. Die Selbsttötung sei jedoch kein Ausweg für Menschen, die nicht an die hinduistischen Götter glauben. Wenn auch, aufgrund eines offiziellen Verbots der indischen Regierung, nur noch in seltenen Fällen vorkommend, so hat sich der religiös motivierte Suizid im Hinduismus in der Form der sogenannten Witwenverbrennung erhalten, wenn Frauen ihren verstorbenen Männern ins Leichenfeuer folgen.

Quellen: grenzwissenschaft-aktuell.de / unibe.ch / wikipedia.de
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