Dienstag, 5. April 2011

Studie: Wie objektiv ist die menschliche Wahrnehmung?

Wie groß ist die Tasse? | Copyright: grenzwissenschaft-aktuell.de

Würzburg/ Deutschland - Ändert sich unser Urteil, etwa über die Größe und Entfernung von Dingen, je nachdem, was wir mit ihnen vorhaben? Diese Fragen untersuchen Würzburger Psychologen in einem neuen Forschungsprojekt - und hinterfragen damit tradierte Vorstellungen der Psychologie. Auch für Zeugen exotischer Phänomene und zur richtigen Einschätzung ihrer Schilderungen, dürften die Einsichten der Forscher von Bedeutung sein.

- Bei der folgenden Meldung handelt es sich um eine Pressemitteilung der "Julius-Maximilians-Universität Würzburg", uni-wuerzburg.de

Eigentlich klingt die Angelegenheit recht einleuchtend: Ein Wanderer, der einen schweren Rucksack trägt und schon mehrere anstrengende Stunden Marschierens hinter sich hat, schätzt einen vor ihm liegenden Berggipfel deutlich höher ein als ein ausgeruhter Bergsteiger ohne Gepäck. Aus Sicht der Wissenschaft ist dieses Phänomen allerdings gar nicht so trivial – ganz im Gegenteil.

"Damit kippt ein – man könnte fast sagen: Dogma der kognitiven Psychologie", sagt Wilfried Kunde, Inhaber des Lehrstuhls für Kognitive Psychologie der Universität Würzburg. Dieses Dogma versteht menschliches Verhalten als Reaktionen auf Reize: Man sieht einen Apfel und streckt seinen Arm aus, um ihn zu pflücken. Man spürt einen Mückenstich im Nacken und schlägt mit der Hand darauf. Man hört eine Hupe und springt zur Seite.

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Kunde hingegen ist davon überzeugt, dass die vermeintliche Einbahnstraße vom Reiz zur Reaktion keine Einbahnstraße ist. Der Psychologe glaubt vielmehr, dass es auch Prozesse gibt, die die entgegengesetzte Richtung nehmen, sodass unsere Handlungsabsichten und –möglichkeiten, beispielsweise einen Berggipfel zu besteigen – die Wahrnehmung dieses Berges – seine geschätzte Höhe – beeinflussen. Unter welchen Bedingungen sich das experimentell erhärten lässt, untersucht Dr. Waldemar Kirsch in den kommenden drei Jahren. Kirsch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kognitive Psychologie. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt das Projekt mit rund 250.000 Euro.

Kirsch wird nun keine Wanderer durchs Hochgebirge jagen und regelmäßig Bergeshöhen schätzen lassen. Er konfrontiert seine Versuchspersonen mit kleineren Objekten in einer Entfernung von maximal einer Armlänge. Eine Frage könnte dann beispielsweise lauten: Wie schätzen Menschen die Entfernung einer Kaffeetasse ein, die vor ihnen auf einem Tisch steht, wenn sie sich vorstellen, nach dieser Tasse gleich zu greifen? Ändert sich diese Einschätzung, nach einer intensiven Beanspruchung der Muskulatur, wie beispielsweise durch das Tragen von Umzugskartons?

"Wir werden dafür drei Gruppen von Versuchspersonen untersuchen", sagt Waldemar Kirsch. Während die eine Gruppe ihre Trizepsmuskulatur so lange trainieren muss, bis sich eine gewisse Ermüdung bemerkbar macht, ist bei der zweiten der Bizeps gefordert und bei der dritten die Beinmuskulatur. "Wenn der Einfluss der Handlungsplanung auf die Wahrnehmung spezifisch ist, sollte sich in der Trizepsgruppe ein starker Einfluss zeigen, weil der Trizeps die Hand zum Ziel bringt", sagt Kirsch. Bei den anderen Gruppen dürfte er sich nicht – oder nur wenig – zeigen.

Mehr als ein Dutzend solcher Experiment werden die Psychologen in den kommenden drei Jahren durchführen. Hinter allen steht die Frage: Inwieweit verändern Ziele, Möglichkeiten und Kosten von Handlungen die Wahrnehmung bestimmter Objekteigenschaften? Kirsch will herausfinden, welche Mechanismen dabei wirken und wie genau diese beschaffen sind. Am Ende steht im Idealfall ein Modell, das Vorhersagen über mögliche Wechselwirkungen zwischen motorischer Planung und Wahrnehmung erlaubt, sagt Kirsch.

Grundlagenforschung in den Bereichen der Wahrnehmung und der Handlung seien diese Experimente, erklärt Wilfried Kunde. Und korrigiert sich gleich anschließend: Es mache eigentlich keinen Sinn, diese Bereiche getrennt zu betrachten. "Wahrnehmung und Handlung sind so eng miteinander gekoppelt, dass eine Trennung nur künstlich sein kann."

Dafür gibt es seit einiger Zeit handfeste Hinweise aus den Neurowissenschaften: So arbeiten im Gehirn jede Menge Neurone, die sowohl für die Wahrnehmung von Ereignissen als auch für deren Produktion verantwortlich sind. "Diese sogenannten Spiegelneurone sind aktiv, wenn wir einen anderen Menschen bei seinen Handlungen beobachten. Und sie sind gleichermaßen aktiv, wenn wir selbst entsprechende Handlungen ausführen", sagt Kunde. Damit existiere eine funktionelle, neuro-anatomische Überschneidung dieser beiden Bereiche.

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Quelle: uni-wuerzburg.de, grenzwissenschaft-aktuell.de
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