Mittwoch, 15. Juni 2011

Forschungsprojekt untersucht vedische Texte und ihren Ursprung

Sanskrit-Texte auf Birkenrinde in Oriya-Schrift. Der Inhalt der Texte geht auf die Jahre 1100 bis 800 vor Christus zurück und wird an der Universität Würzburg erforscht. | Copyright: Arlo Griffiths

Würzburg/ Deutschland - Ein neues Projekt am Lehrstuhl für Vergleichende Sprachwissenschaft der "Universität Würzburg" widmet sich uralten hinduistischen Überlieferungen aus Indien, die auf linealförmig zugeschnittener Birkenrinde festgehalten wurden. Die als Veden (Veda = Wissen) bezeichneten und jahrtausendealten religiösen Texte aus dem Hinduismus sind in Sanskrit verfasst und überliefern zum Beispiel Offenbarungen von Weisen, Gesänge, Opfer- und Zaubersprüche.

Nachdem die vedischen Texte Anfangs ausschließlich mündlich weitergegeben wurden, kam es erst ab 1000 nach Christus zu ersten Niederschriften. Im Mittelpunkt des aktuellen Forschungsprojekts stehen der älteste der vedischen Texte, der "Rigveda", und der zweitälteste, der "Atharvaveda". Letzterer wird auf die Zeit um 1100 bis 800 vor Christus datiert (s. Abb) und besteht vor allem aus Zaubersprüchen. "Das sind zum Beispiel Formeln, die vor Schlangengift oder parasitischen Würmern schützen sollen", sagt Projektleiter Dr. Jeong-Soo Kim. "Aber auch magische Sprüche für Frauen, die einen Mann suchen, und andere Beschwörungsformeln sind darin enthalten."

Für die Zaubersprüche selbst interessieren sich die Würzburger Forscher nicht vorrangig. Wohl aber für die Entstehung des Atharvaveda: "Für die Kulturgeschichte und die Sprachwissenschaft ist er von höchster Bedeutung", sagt Kim.

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Der Grund dafür: Die Texte spiegeln einen historischen Sprachwechsel im Norden Indiens wider, der mit einem Halbnomadenvolk zusammenhängt, das sich selber die Arier nannte - was wörtlich übersetzt "die Gastfreundlichen" bedeutet. "Dieses Volk breitete sich vermutlich ab dem dritten Jahrtausend vor Christus von den Steppen südwestlich des Urals aus", erläutert die Pressemitteilung der Universität. "Dabei spaltete es sich in einen indischen und einen iranischen Zweig auf. Der indische Zweig gelangte, von Nordwesten kommend, in die Gangesebene, und erreichte, dass die dort einheimische Bevölkerung die Sprache der Neuankömmlinge übernahm.

In dieser Zeit entstanden die Texte des Atharvaveda. Die Worte für Tiger und für Reis zum Beispiel kommen darin bereits vor, während sie in den älteren Rigveda-Texten noch nicht auftauchen - weil die Halbnomaden vor der Einwanderung in die Gangesebene weder Tiger noch Reis zu Gesicht bekommen hatten." Somit finden sich im Atharvaveda viele neue Wörter, die es in anderen Veda-Texten nicht gibt, besonders auch umgangssprachliche Formulierungen.

Die Überlieferungsgeschichte des Atharvaveda, so der Pressetext weiter, ist relativ kompliziert: "Die Textsammlung liegt in zwei Überlieferungssträngen vor, die sich inhaltlich unterscheiden. Die bekanntere Shaunaka-Überlieferung ist gut erforscht, während das bei der so genannten Paippalada-Version noch nicht der Fall ist. Von letzterer wiederum gibt es zwei Varianten, die nach ihren Fundorten in den indischen Bundesstaaten Kaschmir und Orissa benannt sind.

Der Philologe Dipak Bhattacharya von der "Universität Kalkutta" edierte in den Jahren 1997 und 2008 einige bereits bekannte Orissa-Texte. Doch um die Jahrtausendwende tauchten dann neue Manuskripte aus dieser Linie auf: Arlo Griffiths von der "Universität Jakarta", der damals in Leiden in den Niederlanden tätig war, machte sie bei Feldforschungen ausfindig und dokumentierte sie fotografisch."

Tatsächlich scheinen die Orissa-Texte viel Neues zu bergen – zumindest die Bücher 8 und 9, mit denen Kim sich auseinandersetzt: "Buch 8 besteht aus insgesamt 228 Strophen, und nach meinen ersten Einschätzungen kommt fast die Hälfte davon in anderen vedischen Texten nicht vor“, so der Wissenschaftler. Sogar noch höher könne der Anteil bislang unbekannter Texte im Buch 9 ausfallen.

"Die vedische Forschung steht vor der großen Aufgabe, durch den Vergleich der bekannten Textvarianten einen Archetyp der Paippalada-Schriften zu erschließen“, erklärt Kim. Diese "Urmutter“ der Handschriften zu rekonstruieren, sei philologisch gut machbar. Der Würzburger Sprachwissenschaftler will seinen Beitrag dazu leisten - unter anderem durch metrische Analysen, die Übersetzung ins Deutsche, den Vergleich der Manuskripte in Form eines textkritischen Apparates und mit Kommentaren zu lautlichen und anderen Besonderheiten.

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Quellen: uni-wuerzburg.de / grenzwissenschaft-aktuell.de
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