Mittwoch, 13. Juli 2011

Schweizer Studie sieht keine Hinweise für erhöhtes Krebsrisiko bei Kindern in der Nähe von Kernkraftwerken

Archiv: Atomkraftwerk aus der Ferne | Copyright: grewi.de


Bern/ Schweiz - Kindliche Krebserkrankungen treten in der Nähe von Kernkraftwerken nicht häufiger auf als anderswo. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie des "Instituts für Sozial- und Präventivmedizin" (ISPM) an der der Universität Bern und reiht sich damit in eine ganze Reihe von entsprechenden Studien mit jeweils unterschiedlichen Ergebnissen.

Die "International Journal of Epidemiology" publizierte Studie der Wissenschaftler um Matthias Egger fand kein erhöhtes Risiko für Kinder, die in der Nähe von Kernkraftwerken leben gegenüber anderen, die anderswo in der Schweiz leben.

"Die Ergebnisse sind statistisch also sowohl mit einer Risikoreduktion als auch mit einer Risikoerhöhung vereinbar", so der ISPM-Direktor auf einer Medienkonferenz.

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Die Schweizer Studie bestätigt die im Dezember 2007 veröffentlichte Untersuchung aus Deutschland also nicht, welche ein mehr als zweifach erhöhtes Risiko für Leukämie bei Kleinkindern im Umkreis von fünf Kilometern von Atomkraftwerken gezeigt hatte (...wir berichteten). In der Folge dieser deutschen Untersuchung kam es seither immer wieder zu weiteren ähnlichen Analysen, mit jeweils unterschiedlichen Ergebnissen (...wir berichteten, s. Links).

Gemeinsam mit dem "Schweizer Kinderkrebsregister" und der "Schweizerischen Pädiatrischen Onkologiegruppe" haben die Berner Epidemiologen die Langzeituntersuchung durchgeführt und dabei alle 1,3 Millionen Kinder im Alter von 0 bis 15 Jahren seit 1985 in der Schweiz geborenen Kinder miteinbezogen. Insgesamt ergibt dies eine Beobachtungszeit von über 21 Millionen Lebensjahren.

Für das Untersuchungsdesign, so erläutert es die Pressemitteilung der Forscher, wurde die Schweiz in vier Zonen aufgeteilt: "Zone I bezeichnet das Gebiet innerhalb von 5 Kilometern des nächsten KKW, Zone II das Gebiet zwischen 5 und 10 Kilometern, Zone III den Bereich zwischen 10 bis 15 Kilometer und Zone IV den Rest des Landes außerhalb des 15-Kilometer-Perimeters. Die Forschenden haben das Krebsrisiko für jede Zone berechnet. Die in den Zonen I bis III beobachteten Krankheitsfälle wurden mit den aufgrund des Risikos in Zone IV (Referenzgruppe) erwarteten Fällen verglichen."

Das Ergebnis fassen die Forscher wie folgt zusammen: "Bei Kindern im Alter unter 5 Jahren, die besonders strahlenempfindlich sind, wurden von 1985 bis 2009 insgesamt 573 Leukämien diagnostiziert. Das Risiko in der Zone I war ähnlich demjenigen in Zone IV: 8 Fälle wurden diagnostiziert, verglichen mit 6,8 erwarteten Fällen (Differenz: +1,2 Fall). In der Zone II wurden 12 Fälle diagnostiziert, verglichen mit 20,3 erwarteten Fällen (Differenz: -8,3 Fälle) und in Zone III waren es 31 beobachtete und 28,3 erwartete Fälle (Differenz: +2,7 Fälle). Mit anderen Worten: Das relative Risiko einer Leukämieerkrankung in Zone I liegt verglichen mit Zone IV bei 1,2 – denn das relative Risiko von Kindern, die mehr als 15 Kilometer von einem KKW entfernt geboren wurden, ist 1,0. Dies bedeutet gemäß Studie eine Erhöhung des Risikos um 20 Prozent. Der Wert in Zone II lag bei 0,60, was einer Reduktion von 40 Prozent entspricht. In Zone III lag das Risiko wiederum um 10 Prozent höher. Die Forschenden betonen in ihrer Mitteilung, dass 'in keiner Analyse jedoch das Risiko für eine Krebserkrankung statistisch signifikant erhöht oder erniedrigt war'."

Das bedeutet: "Das Risiko einer kindlichen Krebserkrankung im Umkreis von Schweizer Kernanlagen unterscheidet sich kaum vom Risiko, welches auch weiter entfernt wohnende Kinder haben", so Egger. Am ehesten seien die geringen Abweichungen vom gesamtschweizerischen Risiko zufallsbedingt. Die Epidemiologen halten fest, dass aufgrund der kleinen Fallzahlen die statistische Unsicherheit allerdings relativ groß sei: Für das Leukämierisiko bei den unter Fünfjährigen in Zone I seien die Daten mit dem Vertrauensintervall von 0,60 bis 2,41 sowohl mit einer Risikoreduktion als auch mit einer Risikoerhöhung vereinbar.

Kinder seien viel strahlenempfindlicher als Erwachsene, insbesondere treffe dies auf die Zeit der vorgeburtlichen Entwicklung und der ersten Lebensjahre zu, sagt Claudia Kuehni, Leiterin des Schweizer Kinderkrebsregisters. Deshalb wurde primär der Wohnort zum Zeitpunkt der Geburt untersucht. "Dies und die Tatsache, dass wir alle Schweizer Kinder in einer Kohortenstudie untersuchen konnten, macht den CANUPIS-Ansatz einzigartig", so die Berner Epidemiologin.

In der Schweiz gibt es insgesamt fünf Kernkraftwerke. Laut der Berner Universität leben rund ein Prozent der Schweizer im Umkreis von 5 Kilometern und 10 Prozent wohnen im Umkreis von 15 Kilometern eines Atomkraftwerks: "Die Radioaktivität in der KKW-Umgebung wird regelmäßig vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) überwacht: Die Strahlenexposition von direkten Anwohnern durch Emissionen der KKWs liegt unter 0,01 Millisievert (mSv) pro Jahr. Dies entspricht weniger als 1/500 der durchschnittlichen Strahlenexposition pro Einwohner und Jahr, welche sich aus Radongas, kosmischer und terrestrischer Strahlung sowie medizinischen Untersuchungen und Behandlungen zusammensetzt."

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Quellen: uniaktuell.unibe.ch / grenzwissenschaft-aktuell.de
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