Dienstag, 22. November 2011

Sonderausstellung zum Antikythera-Mechanismus in Paris

Teil des Antikythera-Mechanismus | Copyright/Quelle: hublot.com

Paris/ Frankreich - Noch bis zum 1. Juli 2012 widmet das Pariser "Musée des arts et métiers" unter dem Titel "L'énigmatique machine surgie du fond des temps", (Eine geheimnisvolle Maschine erhebt sich aus den Tiefen der Zeit) dem geheimnisvollen "Mechanismus von Antikythera". 82 Fragmente dieser antiken "Machine", vornehmlich Zahnräder und Gehäuse wurden 1901 in einem Schiffswrack aus dem Jahr 220 (+/-) vor Christus vor der griechischen Insel Antikythera entdeckt und sind seither Inhalt zahlreicher Spekulationen und wissenschaftlicher Untersuchungen. Mittlerweile haben auch die klassische Archäologie und Geschichtsforschung anerkannt, dass es sich um den ältesten bis heute erhaltenen Analogrechner der Welt handelt.

Da die Vorstellung von einer "Maschine", die in der griechisch-römischen Antike konzipiert wurde, nicht in das konzeptuelle Arbeitsfeld der damaligen Wissenschaftsexperten passte, wurde der Fund jahrzehntelang vernachlässigt. Auch alternative bis hin zu exotisch und gar außerirdische Erklärungsversuche für den "Computer der Antike" vermochten keine Klärung der Rätsel um die ursprüngliche Bedeutung und Nutzung des Mechanismus zu erbringen. Erst zu beginn des 21. Jahrhunderts wurde die Entdeckung in einem interdisziplinären Forschungsprojekt detailliert untersucht.

Auf der Grundlage dieser Arbeiten, die durch tomografischen Untersuchungen (Röntgenstrahl-Scanner) auch eine detailgetreue Rekonstruktion des Mechanismus ermöglichten, gehen Wissenschaftler heute davon aus, dass es sich um eine Art "astronomisches Instrument" aus Zahnrädern aus Bronze innerhalb eines einstigen hölzernen Gehäuses mit Inschriften aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. gehandelt hatte, dessen Außenseiten von zwei mit Inschriften versehenen Bronzeplatten verschlossen wurde.

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Ein Teil der bislang entzifferten griechischen und arabischen Buchstaben auf diesen Platten konnte bereits als eine Art Bedienungsanleitung für die Maschine identifiziert werden, mit der neben Planetenbewegungen, Sonnen- und Mondzyklen sowie -Finsternisse dargestellt und auf die Kalender mehrerer griechischer Großstädte (Korinth, Delphi oder Olympia) und deren Termine für sportliche Spiele übertragen werden konnten (...wir berichteten).

Neue Theorien vermuten den Herkunftsort des Mechanismus auf Rhodos, wo eine Gemeinschaft aus Astronomen und 'Mechanikern', u. a. Hipparchis von Nicäa und Poseidonios, lebte. Diese Theorien skizzieren zudem ein Szenario, in dem der Antikythera-Mechanismus möglicherweise sogar in Zusammenhang mit Syrakus auf Sizilien steht, der Stadt des berühmten mathematischen Genies Archimedes.

Die noch vergleichsweise sehr junge Erforschung des "Mechanismus von Antikythera" steht noch lange vor ihrem Abschluss, führte jedoch bislang schon zu einer breiten Welle der Neuinterpretation und Neudeutung unseres Wissens über die Antike. Forscher vermuten sogar, dass in Texten oder in verborgenen Museumsbeständen Hinweise auf andere 'Maschinen' der gleichen Entwicklungsstufe wie jene von Antikythera entdeckt werden können.

Statt vergleichbar mit einer Uhr, die Zeit als solche darstellt, handelt es sich beim "Mechanismus von Antikythera" also vielmehr um einen Kosmografen und damit im eine Maschine zur Beschreibung des Weltalls, insbesondere aber um einen Selenografen, mit der die Mondbewegungen in sehr hoher Präzision auch andere astronomische Zyklen anzeigt werden können. Darunter der "Meton-Zyklus" (nach dem griechischen Astronomen Meton: Zeitraum von 19 Jahren, oder 235 Mondperioden) oder den kallippischen Zyklus (nach dem griechischen Astronomen Kallippos: Zeitraum von 76 Jahren oder 940 Mondperioden oder vier Meton-Zyklen), wobei der Mechanismus sogar deren Ungenauigkeiten ausglich. Der Mechanismus von Antikythera zeigte außerdem den Saros-Zyklus (223 Mondperioden in etwas mehr als 18 Jahren) sowie den Exeligmos-Zyklus an (entspricht drei Saros-Zyklen, also 54 Jahren), die zur Voraussage der Verfinsterungen von Mond und Sonne dienten.

"Der Umfang an astronomischen Daten, die zur Konzipierung eines mathematischen Modells zur Zusammenfassung derartiger Zyklen in mechanischen Räderwerken gesammelt wurden, ruft Erstaunen über die konzeptuellen Kapazitäten der Gelehrten und Mechaniker der Antike hervor", schlussfolgern auch Ingenieure, die im Auftrag des Schweizer Luxusuhrenherstellers "Hublot" (hublot.com) eine Armbanduhr-Version des Antikythera-Mechanismus entwickelten, die den Eigenschaften des antiken Mechanismus auch einen modernen Zeitmesser hinzufügt und die ebenfalls erstmals auf der Pariser Ausstellung zu sehen ist.

Die auf dem Antikythera-Mechanismus basierte Armbanduhr von Hublot. | Copyright: hublot.com

"Wenn man davon ausgeht, dass ein Rechner in der Lage ist, andere Informationen wiederzugeben, als jene, die zu Beginn eingegeben wurden, dann ist die 'Maschine' von Antikythera wohl der erste mechanische Rechner in der Geschichte der Menschheit. Er ist den ersten, in den europäischen Großstädten des Mittelalters und auf einer ganz anderen Skala konzipierten, astronomischen Uhren um ein gutes Jahrtausend voraus", so die Schweizer Uhrenmacher.

"Es ist das erste Mal in der Geschichte der Uhren, dass sich ein Uhrenentwickler so direkt von einem 'archäologischen' Mechanismus der Antike inspirieren lässt. Es ist auch das erste Mal, dass ein Team von Uhrmachern Hand in Hand mit einem Team von Wissenschaftlern, bestehend aus internationalen Größen der Archäologie, der Epigrafik und aus Maschinenhistorikern, zusammenarbeitet.

Die Uhrmacher halfen den Archäologen, bestimmte Räderwerke besser zu verstehen und bestimmte mechanische Hypothesen zu validieren, während die Wissenschaftler den Uhrmachern seit der Antike vergessene, technische Lösungen anboten (insbesondere kreisförmige Räderwerke mit nicht-linearen Zyklen). Die Fähigkeit der Mechaniker der Antike, derartig effiziente Zahnräder aus Bronze herzustellen, eröffnet neue Horizonte hinsichtlich ihres philosophischen Zusammenhangs mit dem technischen Fortschritt und anstelle der Maschinen in ihrer Weltanschauung - was im Gegenzug Fragen zu unserer eigenen Beziehung zu den Maschinen und den 'Prothesen' der Moderne aufwirft." Auf der bevorstehenden Uhrenmesse in Basel (Baselworld) soll die dann Serienreife Armbanduhr im Frühjahr 2012 dem Fachpublikum vorgestellt werden.

Die Geschichte der "Maschine" von Antikythera - von der Antike bis heute | Copyright: youtube.com/user/antikythera2012

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