Freitag, 30. Dezember 2011

Schimpansen wissen um die Informationen ihrer Artgenossen

Schimpanse im Budongo Wald in Uganda, | Copyright: R. Wittig/MPI f. evolutionäre Anthropologie, eva.mpg.de

Leipzig/ Deutschland - Schimpansen in freier Wildbahn warnen unwissende Gruppenmitglieder häufiger vor einer Gefahr als solche, die bereits alarmiert sind. Für die Verhaltensforscher stellt die Fähigkeit, neue Informationen mit anderen zu teilen, einen wichtigen Schritt auf dem evolutiven Weg zur Sprache dar, den der gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse vermutlich bereits vor sechs Millionen Jahren beschritten hat.

Viele Tiere stoßen in Gegenwart von Raubtieren oder anderen Gefahren Alarmrufe aus. "Dies geschieht häufiger bei Anwesenheit von verwandten oder befreundeten Tieren", erläutert die Pressemitteilung der Forscher (eva.mpg.de). "Bisher gab es jedoch keine Belege dafür, dass Schimpansen dabei auch den Wissensstand anderer Gruppenmitglieder berücksichtigen."

Doch genau dieses Verhalten haben nun Forscher um Catherine Crockford von der britischen University of St. Andrews und Roman Wittig vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig anhand frei lebender Schimpansen im Budongo Wald in Uganda beobachtet und dabei herausgefunden, dass diese offenbar erkennen, welches Tier über welches Wissen verfügt. Demnach gaben die Schimpansen Alarmrufe zur Warnung vor einer Giftschlange häufiger in Gegenwart von unwissenden als in Gegenwart von bereits informierten Gruppenmitgliedern.

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"Die Fähigkeit zu verstehen, was ein Anderer weiß oder glaubt, besitzt vermutlich nur der Mensch. Verschiedene Studien zur 'Theory of Mind', dem Wissen um das Bewusstsein anderer, fanden bislang jedoch nur mit Zootieren statt und führten zum Teil zu kontroversen Ergebnissen. Meist war dabei unklar, ob Schimpansen die Aufgabe nicht lösen konnten oder diese nicht verstanden. Ein Problem, das bei frei lebenden Schimpansen in ihrem natürlichen Umfeld nicht besteht."

In ihren versuchen konfrontierten die Wissenschaftler die Tiere mit Attrappen gefährlicher Giftschlangen. "Diese gut getarnten Schlangen liegen oft wochenlang am selben Fleck. Es lohnt sich also, wenn der Schimpanse, der sie entdeckt, seine Gruppenmitglieder vor der Gefahr warnt", sagt Catherine Crockford.

Die Forscher beobachteten das Verhalten von 33 verschiedenen Schimpansen, die jeweils eines von drei Schlangenmodellen gesehen hatten. Es zeigte sich, dass Alarmrufe häufiger dann ausgestoßen wurden, wenn der Rufer sich in der Gesellschaft von Gruppenmitgliedern befand, die die Schlange entweder selbst noch nicht gesehen oder frühere Warnrufe nicht gehört haben konnten. "Schimpansen scheinen den Wissensstand anderer zu berücksichtigen und stoßen freiwillig einen Warnruf aus, um die anderen über eine Gefahr zu informieren, von der sie nichts wissen", sagt Wittig. "Gruppenmitglieder, die die Gefahr bereits kannten, wurden seltener informiert".

Damit belegen die Forscher erstmals, dass die Tiere Alarmrufe nicht nur absichtlich, sondern auch häufiger ausstoßen, wenn sich die Zuhörer der Gefahr nicht bewusst sind. "Schimpansen verstehen offenbar, dass sie etwas wissen, was ihr Gegenüber nicht weiß. Sie verstehen ebenfalls, dass sie den anderen informieren können, indem sie eine ganz bestimmte Lautäußerung von sich geben", so Wittig.

Einige Wissenschaftlern sehen in genau dieser Fähigkeit, dem Bereitstellen von fehlenden Informationen für andere Gruppenmitglieder einen wichtigen Schritt in der Evolution von Sprache: Warum sollte man jemanden über etwas informieren, wenn man nicht vorher erkannt hat, dass derjenige diese Information benötigt?

Bisher war nicht klar, wann in der Evolution der Affenartigen (Hominoiden) oder der Menschenartigen (Hominiden) dieser wichtige Schritt gegangen wurde. Die Studie zeigt nun, dass der gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse diesen Weg möglicherweise vor 6 Millionen Jahren beschritten haben könnte.

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