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Dienstag, 29. März 2011

Buchneuerscheinung: Unwirkliche Wirklichkeiten - Zur Wissenssoziologie von Verschwörungstheorien

New York am 11. September 2001 | Copyright: Public Domain

Freiburg/ Deutschland - Wie entstehen Verschwörungstheorien? Wie werden sie verbreitet? Und wie wirken sie? Auf diese und ähnliche Fragen antwortet ein neues wissenssoziologisches Modell verschwörungstheoretischen Denkens. In seinem Buch "Unwirkliche Wirklichkeiten" beschreibt Andreas Anton das dem Modell zugrunde liegende theoretische Konzept praxisnah am Beispiel der verschwörungstheoretischen Deutungen der Ereignisse des 11. September 2001.

In den Blick genommen wird dabei nicht nur das Zusammenspiel zwischen orthodoxen und heterodoxen Überzeugungssystemen, sondern auch der Prozess der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit in modernen Gesellschaften generell.

"Ziel des Bandes ist es, mithilfe verschiedener wissenssoziologischer bzw. diskurstheoretischer Ansätze (Peter Berger und Thomas Luckmann, Michel Foucault, Ulrich Oevermann, Reiner Keller) eine theoretisch plausible wie empirisch tragfähige wissenssoziologische Theorie zur Entstehung und Verbreitung sowie zu den Funktions- bzw. Wirkungsweisen von Verschwörungstheorien zu entwickeln", so Autor und Verlag über das Buch.

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Hierfür wird zunächst aufgezeigt, dass die wenigen wissenschaftlichen Arbeiten, die sich generell mit Verschwörungstheorien beschäftigen, in der Regel wirkungsorientierte deskriptive Ansätze verfolgen und in erster Linie um historisch-politische Einordnungen und Problematisierung bemüht sind.

Die von Andreas Antons vorgelegte Arbeit geht einen anderen Weg: Mittels eines wissenssoziologischen Zugangs werden Verschwörungstheorien als eigenständige Formkategorie sozialen Wissens beschrieben und im Abgleich mit anderen Wissensformen (wie Ideologien, Mythen, Meinungen oder sozialen Deutungsmustern) kategorial bestimmt.

Zur empirischen Überprüfung werden die theoretischen Setzungen auf die Verschwörungstheorien rund um die Angriffe auf das World Trade Center vom 11. September 2001 angewandt. In einem weiteren Schritt wird das Verhältnis zwischen den offiziellen (orthodoxen) und den abweichenden (heterodoxen) Erklärungen dieser Ereignisse geklärt.


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"Dabei zeigt sich, dass die Verschwörungstheorien zum 11. September - und damit wohl auch andere verschwörungstheoretische Deutungen - fast zwangsläufig massive Widerstände bei den etablierten Leitmedien als 'Wächtern der Wirklichkeit' auslösen müssen geht es hierbei doch um nichts weniger als um die Verteidigung einer geltenden (orthodoxen) Wirklichkeitsordnung. So wundert es nicht, dass die Schöpfer jener abweichenden Erklärungsmodelle gerade in den Leitmedien unserer Gesellschaft als 'Wirklichkeitshäretiker' nicht nur argumentativ vorgeführt, sondern regelmäßig auch persönlich angegriffen und moralisch wie politisch diskreditiert werden", so die Herausgeber der Reihe Michael Schetsche und Renate-Berenike Schmidt.

"Insgesamt", so die Herausgeber in ihrem Vorwort zum Buch von Andreas Anton, "gelingt es dem Autor, eine theoretisch einleuchtende wie empirisch tragfähige Lösung für das Problem der Entstehung und Verbreitung von Verschwörungstheorien in modernen Gesellschaften zu liefern. Die Arbeit ist höchst innovativ und antwortet – über das eigentliche Thema hinaus - auch auf die in der Wissenssoziologie lange schwelende Frage nach dem generellen Verhältnis zwischen orthodoxen und heteordoxen Wissensbeständen in der modernen Gesellschaft

Über den Autor
Andreas Anton, geboren 1983 in Villingen, Studium der Soziologie, Geschichtswissenschaft und Kognitionswissenschaft an der "Universität Freiburg", M.A. in Soziologie; arbeitet derzeit als wissenschaftliche Hilfskraft am Freiburger "Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene"; parallel bereitet er seine wissenssoziologische Dissertation zur Frage nach dem Umgang mit abweichendem Wirklichkeitswissen in der DDR vor.

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Quellen: grenzwissenschaft-aktuell.de / logos-verlag.de

Studie findet zahlreiche Gemeinsamkeiten in Erlebnissen von Sterbenden

Hieronymus Bosch: "Der Flug zum Himmel" (Detailausschnitt), 1500-1504 | Copyright: Public Domain

Bath/ England - Was erleben wir in den letzten Stunden unseres Lebens? Die zunehmende Tabuisierung von Tod und Sterben gerade in der westlichen Kultur entfernt uns zusehends von dieser Frage und den damit zusammenhängenden Aspekten unseres Lebens. Eine Studie hat sich diesem Thema seit 2010 angenommen und belegt erstaunliche Gemeinsamkeiten in den Erlebnissen der Sterbenden.

Bei ihren Untersuchungen entsprechender Erlebnisse von "Deathbed Experiences in Irish Palliative Care" (Erlebnisse von Sterbenden in der irischen Palliativpflege) widmeten sich Una MacConville und Regina McQuillan von der vom "Center für Death & Society" (CDaS) an der "University of Bath" sogenannten Sterbebett-Visionen von Sterbenden (Deathbead Experiences, DBEs).

Ein immer wiederkehrendes Motiv dieser Erlebnisse ist beispielsweise das Wahrnehmen bereits verstorbener Verwandter, Freunde, religiöser Figuren oder ein hellleuchtend-weißes Licht im Raum. "Wahrscheinlich, weil es sich um Erlebnisse handelt, die sich einer Erklärung widersetzten, sind solche Erlebnisse von Sterbenden zwar wiederkehrende Phänomene, werden jedoch vom Pflegepersonal nur selten angesprochen oder gar diskutiert", zitiert "IrishTimes.com" die Forscherinnen.

Erstaunlich sei unter anderem auch die Übereinstimmung der Wahrnehmungen: So berichteten die Sterbenden in 62,5 Prozent der untersuchten Fälle, Personen oder Tiere aus dem Augenwinkel heraus wahrgenommen zu haben. 60 Prozent hatten trostspendende Visionen von bereits verstorbenen Verwandten. Visionen von verstorbenen Verwandten mit einer speziellen Aufgabe, etwa das "Abholen" der sterbenden Person schilderten 57,5 Prozent. Ebenfalls in 57, 5 Prozent der Fälle, in welchen Patienten plötzlich noch einmal aus einem tiefen Koma erwachten, waren sich diese der Anwesenheit von Verwandten vollständig bewusst und verabschiedeten sich von diesen.

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"Statt diesen Themen aus dem Weg zu gehen, könnte Informationen und Aufklärung über diese Erfahrungen gerade auch dem Pflegepersonal dabei helfen, diese Erlebnisse den Sterbenden und ihren Familien als etwas Normales und vielleicht sogar als trostspendenden Teil des Sterbens nahezubringen."

Dennoch belege die Studie keine wirklich neuen Aspekte der Sterbebett-Visionen an sich. "Deathbed Experiences" seien in den geschilderten Formen schon zu allen Zeiten und in allen Kulturen bekannt. In den meisten Fällen würden die Erlebnisse den Sterbenden Gefühle von Erleichterung, Frieden und Freude in den letzten Augenblicken ihres Lebens vermitteln.

In anderen Fällen komme es vor, dass die Sterbenden kurz vor ihrem Tod noch einmal sehr lebhafte Träume haben, mit deren Hilfe sie unerledigte Aufgaben ihres Lebens innerlich zu bewältigen scheinen.

Während in einer Vielzahl der Fälle die Visionen das Sterben deutlich zu erleichtern scheinen, führten sie in anderen Fällen jedoch auch zu regelrechten Schockerlebnissen und Ängsten. Zum einen für die anwesenden Verwandten und Freunde, "weil sie sich anhand der Schilderungen des Sterbenden bewusst werden, dass der Tod offenbar kurz bevor steht oder sie über die Beschreibungen des Sterbenden von für sie unsichtbaren Personen im Zimmer selbst erschrecken. Zum anderen sind derartige Erlebnisse auch für einige Sterbende selbst erschreckend, weil sie nicht darauf vorbereitet sind und diese Visionen nicht verstehen", so MacConville.

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Auch seien entsprechende Visionen, trotz ihrer meist tröstlichen Eigenschaft, kein Garant für einen ebenso friedlichen, problem- und schmerzfreien Tod. Nur 24 Prozent der untersuchten Fälle von Sterbebett-Visionen gingen in deren Folge auch mit einem friedlichen Sterben einher. 59 Prozent der Fälle wurden vom Personal als "neutral" bezeichnet und in 17 Prozent der Fälle, folgte ein anstrengender Sterbeprozess.

Während Skeptiker immer wieder behaupten, dass entsprechende Visionen unter anderem auf Halluzinationen in Folge der Medikation oder beispielsweise hohem Fieber zurückgeführt werden könnten, widersprach in 69 Prozent der Fälle das beteiligte Pflegepersonal anhand der medizinischen Hintergründe und aktuellen Beobachtungen der Qualität der Wahrnehmungen einer solchen Erklärung. Auch die Wissenschaftlerinnen schließen sich dieser Einschätzung einer Mehrheit der Fälle an: "Die Qualität der Visionen, ihre offenbare Klarheit und Bedeutungsschwere gepaart mit wichtigen Assoziationen durch und für die Sterbenden, widersprechen den eher zufällig wirkenden Halluzinationen von Patienten in Folge etwa der Medikation. Schon frühere Studie zeigten, dass Patienten mit Sterbebett-Visionen während diesen Wahrnehmungen für gewöhnlich eher ruhig und gefasst sind und damit nicht dem typischen Verhalten bei durch Medikamente oder Fieber ausgelösten Halluzinationen entsprechen, die meist mit Furcht und Verstörung einhergehen.

Die Fähigkeit, diese Wahrnehmungen zu benennen und darüber offen und frei zu sprechen, ist für die Wissenschaftlerinnern ein erster und wichtiger Schritt, Ängste und Verwirrtheit zu überwinden, wie sie zunächst von vielen Patienten dem Prozess des Sterbens entgegengebracht würden.

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Quellen: grenzwissenschaft-aktuell.de / imt.ie / irishtimes.com / bath.ac.uk
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