Dienstag, 27. März 2012

Forscher widerlegen Mythos von explodierenden Meeresreptilien

Nicht explodiert: Ichthyosaurier-Weibchen mit herausgespülten Embryonen, gefunden in Holzmaden. | Copyright: UZH.ch

Zürich/ Schweiz - Mit explodierenden Faulgasen haben Wissenschaftler bislang rätselhafte Knochenanordnungen bei praktisch vollständig erhaltenen Saurier-Skeletten erklärt. Nun hat ein schweizerisch-deutsches Forschungsteam bewiesen, dass die Kadaver auf den Meeresgrund gesunken und nicht explodiert sind.

- Bei der folgenden Meldung handelt es sich um eine Presseinformation der Universität Zürich, uzh.ch


Das vor 182 Millionen Jahren verendete trächtige Ichthyosaurier-Weibchen aus Holzmaden gab den Forschern schon lange Rätsel auf: Das Skelett des ausgestorbenen Meeresreptils ist fast tadellos erhalten, die versteinerten Knochen des Muttertiers liegen weitgehend im anatomischen Verband. Ganz anders die Knochen der Ichthyosaurier-Embryonen: Sie liegen zumeist verstreut außerhalb des Mutterleibes. Solch eigenartige Knochenanordnungen sind bei Ichthyosaurier-Skeletten immer wieder feststellbar. Gemäß der bislang gängigen Lehrmeinung soll es sich dabei um die Folge von explodierten Kadavern handeln: Faulgase, die im Lauf des Zersetzungsprozesses entstehen, blähen den Kadaver und bringen ihn zum Platzen. Durch solche Explosionen sollen selbst Knochen von Embryonen aus dem Leib geschleudert werden können. Mit einer aufwendigen Messreihe und einer Analyse der physikalisch-biologischen Rahmenbedingungen gelang es einem Forschungsteam von Sedimentologen, Paläontologen und Forensikern, den Mythos von explodierenden Saurierkadavern zu widerlegen.

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Um den Druck der jeweiligen Gase zu beurteilen, die im Inneren eines faulenden Ichthyosauriers tatsächlich entstehen können, suchten die Forscher Vergleichsmodelle und wurden bei menschlichen Leichnamen fündig: Menschen und viele Ichthyosaurier-Arten besitzen ein ähnliches Größenspektrum. Deshalb kann mit der Bildung ähnlicher Faulgasmengen bei ihrer Zersetzung gerechnet werden. Am Institut für Forensische Medizin in Frankfurt a. M. wurde hundert Leichen durch den Bauchnabel ein Druckmessgerät in die Bauchhöhle eingeführt. Die so gemessenen Faulgas-Drücke liegen bei lediglich 0,035 bar. Übertragen auf die Ichthyosaurier-Kadaver, die unter Wassersäulen von 50 bis 150 Meter zu liegen kamen, wären aber Faulgas-Drücke von mehr als 5 bis 15 bar erforderlich gewesen, um eine Explosion herbeizuführen. Gemäß dem Zürcher Paläontologen Christian Klug sind Gasdrücke dieser Dimension und damit eigentliche Explosionen unmöglich: "Grosse Wirbeltierleichen, die sich zersetzen, können nicht als natürliche Sprengladungen fungieren." Und er ist überzeugt: "Unsere Ergebnisse lassen sich generell auf lungenatmende Wirbeltiere übertragen."

Das Schicksal von Ichthyosaurier-Kadavern lässt sich laut den Forschen folgendermaßen rekonstruieren: Normalerweise sanken die Körper sofort nach dem Tod auf den Meeresgrund. In sehr tiefen lebensfreundlichen Gewässern wurden sie am Meeresboden durch Fäulnis, Aasfresser, knochenzerstörende Organismen und Lösungsvorgänge vollständig abgebaut. Bei geringerer Wassertiefe (bis zu 50 m) und einer Temperatur über 4 Grad Celsius dagegen trieben die Kadaver häufig durch die sich im Körperinneren ansammelnden Fäulnisgase wieder zur Wasseroberfläche auf. An der Wasseroberfläche zerfielen sie, dem Wellengang und Aasfressern ausgesetzt, innerhalb weniger Tage bis Wochen. Die absinkenden Knochen wurden großflächig auf dem Meeresgrund verstreut.

Mehr oder weniger im anatomischen Verband blieben Ichthyosaurier-Skelette nur unter sehr speziellen Voraussetzungen erhalten: Bei Sauerstoffarmut und mittleren Wassertiefen sowie unbedeutender Wasserbewegung. Weil nur dann die Faulgase durch den hohen Wasserdruck genügend stark komprimiert und in den Körperflüssigkeiten gelöst wurden und aufgrund fehlender Aasfresser die Kadaver nicht vollständig abgebaut wurden. Der Kadaver des Ichthyosaurier-Weibchens aus Holzmaden sank folglich auf den Grund des bis zu 150 Meter tiefen Meeres, wo er sich zersetzte. Dabei wurden die zerfallenen Embryo-Skelette durch geringfügige Strömungen am Meeresgrund aus dem Mutterleib transportiert.

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