Dienstag, 15. Mai 2012

Expertenkonferenz: Placebo ist nicht gleich Placebo


Medizinische Präparate (Illu.). | Copyright: grewi.de

Essen/ Deutschland - Eine Expertenkonferenz hat sich vom 4. bis 6. Mai 2012 am Comer See mit dem Stand der Forschung zu sogenannten Placeboeffekt beschäftigt. Ziel der Konferenz war es, den negativen Konnotationen des Wortes "Placeboeffekt" Begriffe wie "Meaning response" oder "Context effects" gegenüberzustellen, weil diese dem Phänomen besser gerecht werden.

- Bei der folgenden Meldung handelt es sich um eine Information der Karl und Veronica Carstens-Stiftung, carstens-stiftung.de

Es sollte deutlich werden, dass es sich nicht um willkürliche, zufällige Effekte handelt, sondern um spezifische Effekte. Diese Effekte werden allerdings durch Faktoren bedingt, die noch wenig erforscht sind, bspw. Zuwendung, Erwartung, Gespräch etc. Ein Vorteil vieler komplementärmedizinischer Behandlungen könnte sein, dass diese Faktoren solche Effekte besser auslösen können als das bloße Verabreichen eines Medikamentes in der konventionellen Behandlung.

Konferenzleiter Prof. Jütte von der Robert Bosch Stiftung zeichnete die historische Entwicklung des Begriffes "Placebo" nach und verwies dabei auf die erste Verwendung im medizinischen Kontext: Der englische Arzt Alex Sutherland hat unter dem Pseudonym "Placebo" seine ärztlichen Tätigkeiten beschrieben, die vom damaligen Standard abwichen.

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Erst etwas später hat William Cullen eine Arznei, die er für wirkungslos erachtete, als "Placebo" bezeichnet. Aus der Zeit der Antike und der alten chinesischen Medizin sind keine Scheinbehandlungen bekannt. Die ersten Scheinbehandlungen ("Imaginations-Behandlungen") sind aus der Renaissance verbürgt.

Prof. Enck aus Tübingen berichtete, dass in verschiedenen Studien die Begleiteffekte ("Placeboeffekte") 30 bis 40 Prozent der Gesamtwirkung einer Behandlung ausgemacht haben und legte dar, welche Faktoren einer klinischen Studie Einfluss auf diese Begleiteffekte haben und welche nicht. Aktuell gibt es zwei Studien, die die Eigenschaft von Patienten auf Placebos zu reagieren mit genetischen Faktoren in Zusammenhang bringen.

Prof. Kirsch aus England stellte in seinem Vortrag heraus, dass die Stärke einer Placebomedikation von der Farbe der Arzneien, von der Dosis, vom Markennamen und vom Preis abhängt. Scheinoperationen wirken offensichtlich stärker als die Einnahme von Placebo-Arzneien, teure Interventionen besser als günstige.

Auch das Thema placebokontrollierte Studien in der Tierhomöopathie wurde angesprochen. Insgesamt ist die Datenlage für signifikante Vorteile von homöopathischen Behandlungen gegenüber Placebobehandlungen in der Veterinärmedizin noch unzureichend.

Professor Claudia Witt von der Charité in Berlin und Inhaberin der Stiftungsprofessur der Carstens-Stiftung stellte den Unterschied von Akupunktur und Schein-Akupunkturbehandlungen heraus: Streng zusammengefasst gibt es keine großen Unterschiede zwischen Akupunkturbehandlungen und Scheinakupunkturbehandlungen. Dabei macht es auch keinen großen Unterschied, ob bei der Scheinakupunktur die Haut penetriert wurde oder nicht.

Die Carstens-Stiftung selbst zieht angesichts der Konferenz folgendes Fazit:
"Übereinstimmender Tenor der rund zwanzig Teilnehmer war die Begeisterung über die Effizienz eines solchen Treffens 'im kleinen Kreis'. Dies zeigt, wie wichtig die Forschung zu den sogenannten 'Placeboeffekten' ist - und das man hier sicher noch am Anfang steht. Experten raten schon längst, den Placeboeffekt stärker für die Therapie zu nutzen. Denn Studien zeigen: Placebo wirken stärker und sehr viel komplexer als bisher angenommen."

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