Dienstag, 26. Juni 2012

Europa-Universität Viadrina: Wissenschaftliches Gutachten empfiehlt Schließung von alternativ-wissenschaftlichem Institut


Eingangsportal der Europa-Universität Viadrina. | Copyright: Ralf Lotys (Sicherlich), cc-by-sa 2.5

Frankfurt a.d. Oder (Deutschland) - Erst 1991 gegründet, sieht sich die Europa-Universität Viadrina schon seit mehreren Jahren scharfer Kritik aus der naturwissenschaftlichen Gemeinde ausgesetzt. Ohne meist die wirklichen Hintergründe zu kennen, geschweige denn diese zu benennen, bemängeln die Kritiker dabei Masterarbeiten am Viadrina-Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG), dortige Studiengänge in Komplementärmedizin oder einen Astrologen als dortigen Gastprofessor. Jetzt hat eine externe Expertenkommission des Landes Brandenburg dortige Universitäten begutachtet und empfiehlt die Schließung des Instituts.

Im Folgenden wollen wir unkommentiert den Originaltext des "Abschlussberichts der Hochschulstrukturkommission des Landes Brandenburg" zitieren, der am 8. Juni 2012 vorgestellt wurde:

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7.2.
Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG) / MA-Studiengang "Kulturwissenschaften – Komplementäre Medizin

Gegen das Institut für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der EUV bestehen seitens der Kommission durchgreifende strukturelle Bedenken. Das Institut besitzt nur in begrenztem Umfang Bezüge zu den fachlichen Schwerpunkten der Universität. Zugleich besteht in seiner Aufstellung und der Konzeption des über das Institut angebotenen weiterbildenden MA-Studienganges "Kulturwissenschaften – Komplementäre Medizin" dabei aus Sicht der Kommission eine qualitative Problematik.

Eine in der Zielsetzung des Instituts formulierte geisteswissenschaftliche Reflexion an den Rändern der naturwissenschaftlichen Medizin ist zwar grundsätzlich wünschenswert. Auch in den medizinischen Fakultäten deutscher Universitäten finden sich (zweifellos nicht in dem wünschenswerten Ausmaß) Reflexionen medizinischen Handelns und Entscheidens. Es erscheint jedoch äußerst zweifelhaft, dass diese Reflexion im Rahmen des Instituts in geeigneter Weise erfolgen kann.

Denn die Befassung mit komplementärer Medizin erfordert zwingend die enge Verbindung mit der naturwissenschaftlichen Seite, der Medizin, da sie nicht alleine als kulturwissenschaftliches Thema wissenschaftlich und praktisch bearbeitet werden kann. Komplementarität bedarf notwendigerweise des Zusammenwirkens von zwei sich gleichwertig einbringenden Komponenten. Die personellen Voraussetzungen hierfür sind allerdings an der EUV nicht gegeben.

Die personelle Ausstattung des Studienganges findet auf der Seite der naturwissenschaftlichen Medizin nahezu ausschließlich über Lehrbeauftragte, überwiegend aus niedergelassenen Praxen, statt. Ein wissenschaftlicher Hintergrund vom Range universitärer Medizin lässt sich dabei nicht in ausreichendem Maße feststellen. Die Zielgruppe der Ärzte, Apotheker und Psychotherapeuten, an die sich das Studienangebot "Komplementäre Medizin" des Instituts besonders richtet, wird insgesamt von einem Lehrkörper betreut, dem überwiegend medizinische Kenntnisse fehlen. Dies gilt besonders für die Forschung, die der Lehre zugrunde liegen sollte. Insgesamt ist die für eine der Themenstellung adäquate Forschung im universitären Rahmen erforderliche personelle wie sachliche Ausstattung des Instituts aus Sicht der Kommission nicht erkennbar.

Auch erschließt sich der Wert des seitens des Instituts formulierten "Praktikabasierten Forschungszweckes" nicht.

Mit Blick auf das Gesamtprofil der EUV erscheint schließlich auch die Feststellung angezeigt, dass keine Hinweise auf eine Internationalisierung des MA-Studienganges erkennbar sind. Insbesondere liegt auch keine sichtbare internationale Anbindung an die naturwissenschaftliche Medizin vor.

Die Hochschulstrukturkommission empfiehlt der EUV dementsprechend nachdrücklich den künftigen Verzicht auf das Angebot des MA-Studienganges "Kulturwissenschaften – Komplementäre Medizin". Eine Fortführung des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften ist weder wie bisher als InInstitut noch als An-Institut zu befürworten. Vertretbar erscheint allenfalls, das Institut privatwirtschaftlich außerhalb der Hochschule weiter zu betreiben.

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Von Seiten der Universität liegt bislang noch kein Kommentar in dieser Sache vor. In einer kurzen grundsätzlichen Stellungnahme zu den Empfehlungen der Strukturkommission heißt es lediglich: "Über die weitere Entwicklung des Instituts IntraG wird im Rahmen einer bereits laufenden internen Strategiediskussion entschieden." Eine Entscheidung wird jedoch schon in den kommenden Wochen erwartet.

Zuletzt sorgte das IntraG unter anderem durch eine Masterarbeit zum sogenannten "Kozyrev-Spiegel" besonders durch eine aufbauschende Berichterstattung in den Mainstream-Medien für Aufsehen und dadurch auch für Wirbel in wissenschaftlichen Kreisen.

Bei einem "Kozyrev-Spiegel" handelt es sich in der Regel um einen manngroßen Spiegelzylinder, in dessen Inneren Personen die unterschiedlichsten übersinnlichen Erfahrungen gemacht haben wollen - von hellseherischen Erlebnissen bis hin zum Kontakt zu Verstorbenen oder gar Außerirdischen.

Tatsächlich wurden Arbeit, Inhalte und Aussage jedoch meist verzerrt und falsch dargestellt. Prof. Dr. Dr. Harald Walach, Leiter des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften und des von einer unabhängigen Akkreditierungsagentur nach sorgfältiger Prüfung akkreditierten Masterstudiengangs, sagte dazu:

"Wir scheuen uns am IntraG nicht, uns auch mit dem, wovon andere die Finger lassen, wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Wer uns hier unwissenschaftliches Vorgehen vorwirft, versteht nichts von Wissenschaft und hat die betreffende Arbeit von Herrn Conrad nicht gelesen: Die Tatsache, dass die Arbeit Kozyrev widerlegt ist von den aufbrausenden Kritikern offensichtlich übersehen worden."

In einer Stellungnahme zu den Vorwürfen erläuterte die Viadrina weiter:
"Peter Conrads Kozyrev-Experiment befasst sich mit der Frage, ob ein sog. 'Kozyrev-Spiegel' einen Effekt auf hellseherische Fähigkeiten der Versuchspersonen hat, wie in der zugrundeliegenden sehr spekulativen Theorie von Kozyrev angenommen. Die Hälfte der Anschlüsse war mit dem Spiegel verbunden, die andere Hälfte mit Imitaten. Das Wissen darüber, ob man mit einem Spiegel oder mit einem Imitat verbunden war stand den Versuchspersonen in der Hälfte der Experimente zur Verfügung. Das Ergebnis zeigt, dass insgesamt (880 Durchgänge) keine Abweichung von der Zufallserwartung gefunden wurde. Bei den 440 Versuchen bei denen die Versuchspersonen wussten, ob der Kozyrev Spiegel angeschlossen war, zeigte sich in der Bedingung ‚Spiegel angeschlossen’ (220 Fälle) ein signifikanter Effekt (p=.013) der in der Bedingung ‚Spiegel nicht angeschlossen’ nicht gefunden wurde. Somit widerlegt das Experiment die untersuchte Theorie, zeigt aber auch, dass unter speziellen Bedingungen eine von der Zufallserwartung abweichende Trefferquote vorkommen kann, was als erster Hinweis für 'Hellsehen' gewertet werden kann - nicht jedoch als hinreichender Beweis.

Walach stellt die Arbeit in den Kontext eines undogmatischen Wissenschaftsverständnisses, das dem ursprünglichen wissenschaftlichen Paradigma westlicher Prägung strikt folgt: 'Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit randständigen und von anderen gemiedenen Themen mit Hilfe solider wissenschaftlicher Methodik ist ein Kennzeichen guter Wissenschaft und die einzige Heuristik, die hilft, die Erkenntnis voranzubringen."

- Ausführlichere Informationen zur Sache lesen Sie im offenen Brief von Prof. Harald Walach und Prof. Stefan Schmidt HIER

- Die Internetseite des IntraG finden Sie HIER


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Quelle: mwfk.brandenburg.de, europa-uni.de, intrag.info
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