Dienstag, 31. Juli 2012

Facebook-Vergleich wirft neues Licht auf den wahren Kern alter Mythen


Darstellung Beowulfs mit dem Kopf des getöteten Grendel (1915). | Copyright: Helen Stratton, gemeinfrei

Coventry (England) - Einen Vergleich des sozialen Netzwerks von Heldenfiguren aus alten Mythen und Legenden mit der Struktur heutiger sogenannter sozialer Netzwerke im Internet offenbart, ob es sich bei den entsprechenden Helden um reale oder fiktive Personen gehandelt hat. Zu dieser Schlussfolgerung kommt zumindest eine Studie britischer Wissenschafter, die dabei auf erstaunlich realistische Beziehungsverhältnisse vermeintlich mythischer Personen gestoßen ist.

Historiker uns Sagenforscher sind sich einig darin, dass viele alte Mythen und Legenden, selbst wenn sie den Helden übernatürliche Kräfte und fast schon paranormale Fähigkeiten zuschreiben, oft auf tatsächlichen Persönlichkeiten beruhen und das Übersinnliche und Übernatürliche lediglich auf die Wirklichkeitsebene aufgelegt und mit ihr verwoben wurde.

Ralph Kenna und Pádraig Mac Carron von der Coventry University haben nun die Beziehungsnetzwerke zwischen den Hauptpersonen der Mythen um "Beowulf und Grendel", dem irischen Epos "Tain Bo Cúailnge" (Tain) und Homers "Ilias" rekonstruiert und analysiert.

Während sich in dem angelsächsischen Heldenepos um "Beowulf" und dessen Kampf mit dem menschenfressenden Ungeheuer "Grendel" 74 Charaktere finden, sind es im Tain schon 407 und in der Ilias ganze 716 beschriebene Personen, deren Interaktionen und Beziehungen miteinander auch beschrieben werden.

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Ähnlich wie in heutigen sozialen Netzwerken im Internet, wo die "Begegnung" oder die direkte Bekanntschaft zwischen zwei Personen als "Beziehung" bezeichnet wird, haben die Forscher ein vergleichbares Netzwerk nun auch für die in den Sagen beschriebenen Personen erstellt.

Um die Ergebnisse kontrollieren zu können, haben Kenna und Mac Carron gleiches für die Personen in den rein fiktiven Romanen und Erzählungen von Victor Hugos "Les Miserables", Shakepeare's "Richard III", der "Herr der Ringe"-Trilogie und dem ersten Band der Harry-Potter-Saga erstellt.

Nachdem all diese Karten der persönlichen Beziehungen erstellt waren, haben die Forscher die gleichen Analysemethoden angewandt, wie sie auch bei der Auswertung realer sozialer Netzwerke im Internet (Facebook, Xing usw.) genutzt werden.

Hierbei zeigten sich bei den antiken Sagen tatsächlich die gleichen Merkmale dieser Netzwerke zwischen den Hauptakteuren wie sie heute in den Strukturen der "realen" sozialen Online-Netzwerke zu finden sind – wie sie aber schon zuvor beim Studium von Netzwerken von Künstlern und Wissenschaftlern entdeckt wurden und ein auffallend ähnliches Muster bilden.

Zu diesen Merkmalen gehört unter anderem dass sich in den Netzwerkstrukturen zahlreiche Haufen (so. Cluster) bilden, in denen Personen zusammengeballt sind, die sich alle untereinander mehr oder weniger kennen. Diese Gruppen wiederum sind durch stark sozial agierende Personen, sogenannte "Connectors" (Verbinder) miteinander verbunden. Auch offenbaren reale Beziehungsnetzwerke das sogenannte Kleine-Welt-Phänomen, nach dem jeder Mensch auf der Welt mit jedem anderen über eine überraschend kurze Kette von Bekanntschaftsbeziehungen verbunden ist.

In dieser Ähnlichkeit zu realen Netzwerken unterscheiden sich nun Ilias, Beowulf und das Tia deutlich von Strukturen, wie sie sich anhand der genannten rein fiktiven Erzählungen ergeben.

Zwar tauchen auch in den fiktiven Erzählungen zunächst die soziale Gruppenbildung - die sogenannten Cluster - und das Keine-Welt-Phänomen auf, doch sind in den fiktiven Geschichten beispielsweise die meisten Nebendarsteller nur mit dem bzw. den Helden nicht oder deutlich seltener untereinander verbunden.

Im realen Leben, wie auch in der Ilias, in Beowulf und dem Tain sind allerdings auch die weniger wichtigen Charaktere mit anderen verbunden. "Es gibt natürlich Ähnlichkeiten zwischen fiktiven Geschichten und den wirklichen Leben", zitiert "sciencemag.com" die Forscher, "doch tendieren in der Fiktion alle dazu, mit den Hauptpersonen in Verbindung zu stehen, da es sonst für den Leser schwierig würde, der Handlung zu folgen. (...) Nimmt man etwa aber die Person von Beowulf aus dem Netzwerk heraus, so sind auch die Nebenakteure weiterhin auf die eine oder andere Weise und bis zu einem bestimmten Grad miteinander verbunden."

Kritiker zeigen sich zwar von der Entdeckung durch Kenna und Mac Carron beeindruckt, fordern jedoch in einem nächsten Schritt eine Kontrolle der Ergebnisse durch eine gleichartige Analyse von zeitgenössischen und historisch belegten Texten, etwa von griechischen Geschichtsschreibern. Ihre Ergebnisse haben Mac Carron und Kenna derweil im Fachmagazin "Europhysics Letters" (EPL) veröffentlicht.


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Quellen: coventry.ac.uk, sciencemag.com
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