Mittwoch, 4. Juli 2012

Religions-Studie: Für den Einzelnen nicht mehr wichtig, dennoch in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert


Die Symbole der großen Religionsgemeinschaften. | Copyright: gemeinfrei 

Bern (Schweiz) - Eine neue Studie des Schweizerischer Nationalfonds (SNF) bringt es an den Tag: "In der Schweiz zeichnet sich der Bereich des Religiösen durch eine wachsende Kluft aus. Während die Religion als Thema der Politik und Medien große Bedeutung hat, wird sie gleichzeitig aus staatlichen Institutionen zurückgedrängt und für die meisten Menschen immer unwichtiger." Die Vielfalt der religiösen Landschaft nehme indes zu.

- Bei dieser Meldung handelt es sich größtenteils um eine Presseinformation des Schweizerischer Nationalfonds (SNF), www.snf.ch


Zu diesen Schlüssen kommt das Nationale Forschungsprogramm "Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft" (NFP 58) und empfiehlt den Behörden, sich mehr um die Gleichstellung aller Religionen zu bemühen.

In den vergangenen fünf Jahren hat das NFP 58 die Religionslandschaft der Schweiz in 28 Forschungsprojekten unter die Lupe genommen und kommt zu dem zentralen Befund, dass religiöse Themen in der Öffentlichkeit in überzeichneter Form an Bedeutung gewinnen, während sie zugleich im Leben der Menschen zunehmend unwichtiger werden.

In der Öffentlichkeit sei die Religion vor dem Hintergrund der Weltpolitik ein kontroverses Thema. "Religion wird in den Medien, aber auch auf dem Schulhof und in der Politik oft zur Abgrenzung der 'einheimischen' von 'fremden' Gruppen benutzt und in Zusammenhang mit gewalttätigem Handeln thematisiert. Dabei haben die betreffenden Charakterisierungen - beispielsweise 'Unterdrückung der Frau im Islam' - häufig wenig mit der jeweiligen Religion zu tun, sondern mit einer stereotypen Wahrnehmung oder mit der Herkunft und Situation der Migranten. Hingegen schreibt die Mehrheitsgesellschaft dem Christentum positive Eigenschaften zu, etwa 'Gleichberechtigung von Mann und Frau', obwohl auch in dieser Religion die Geschlechter nicht überall gleichgestellt sind."

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Der oder die Einzelne greift laut der Studie immer seltener auf die traditionelle Religion zurück - Stichwort Säkularisierung. Die großen christlichen Kirchen verlieren kontinuierlich Mitglieder, und wer in der Kirche verbleibt, nimmt ihre Dienstleistungen immer seltener in Anspruch. Vor allem Jugendliche wollen in religiösen Fragen "selbst entscheiden".

Zunehmend verbreitet sei auch eine distanzierte Haltung gegenüber dem Religiösen. Zudem sind die Menschen der Ansicht, dass Religion in die Privatsphäre gehört und weder "extrem" gelebt noch missionarisch verbreitet werden soll. "Die Säkularisierung lässt sich auch im staatlichen Bereich beobachten: Vormals religiös geprägte Institutionen - von den Gefängnissen über die Heime bis zur Lehrerausbildung - sind heute säkular (weltlich) organisiert.

Trotz der Säkularisierung haben einige Religionsgemeinschaften jedoch starken Zulauf. "Häufig haben diese Gemeinschaften zwar wenige, aber hoch engagierte Mitglieder, die eine konservative Lebensführung propagieren. Viele Religionsgemeinschaften befinden sich im Umbruch. In Christentum, Judentum und Islam stehen sich liberale und konservative Gruppen gegenüber. Während Erstere die säkularisierte Moderne befürworten, lehnen Letztere diese ab", so die Studienerkenntnis.

Allerdings werde das Konfliktpotenzial der Religionen überschätzt. "Angehörige und Funktionäre von Migrantenreligionen haben gewöhnlich ein großes Vertrauen in die Schweizer Behörden. Weil die religiöse Landschaft immer heterogener werde, zeichne sich eine Verschärfung des Verhältnisses zwischen stark Religiösen und Religionsdistanzierten ab", sagt Christoph Bochinger, Präsident der Leitungsgruppe des NFP 58. Daher gelte es, den respektvollen Umgang zwischen den verschiedenen Gruppen zu fördern.

Die Leitungsgruppe des NFP 58 empfiehlt den Behörden auf Bundes-, Kantons- oder Gemeindeebene, mehr für die Gleichstellung der verschiedenen Religionsgemeinschaften zu tun: "Muslimische, christlich-orthodoxe, tamilisch-hinduistische und vietnamesisch-buddhistische Gemeinschaften setzen sich z.B. mit Sprachkursen und Jugendarbeit für die Integration ihrer Mitglieder ein. Diese Leistungen sollten unterstützt werden, ebenso das soziale Engagement der Landeskirchen. Im Fall des Religionsunterrichts ist die Gleichstellung bereits im Gang. Einige Kantone führen neben dem christlichen einen islamischen Unterricht ein, andere ersetzen andere den konfessionellem Unterricht durch einen staatlich verantworteten für alle Schulkinder."

Schließlich empfiehlt die Leitungsgruppe den Medien und den Behörden, bei politischen Aushandlungen neben den etablierten Religionsgemeinschaften auch die neuen Gemeinschaften zu berücksichtigen. Gleiches solle für säkulare Gruppen wie die sogenannten "Freidenker" gelten. Auch überschritten die von der Politik ins Spiel gebrachten Themen wie etwa Minarette oder Kopftuch den kantonalen Rahmen. Zwar seien die Kantone für die Beziehungen zwischen Staat und Religionsgemeinschaften zuständig, aber angesichts der schweizweiten Veränderungen der religiösen Landschaft sei eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Bund, den Kantonen untereinander sowie den politischen Gemeinden nötig.

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