Montag, 10. September 2012

Kontroverse um Präkognitions-Studie: Meta-Analyse findet ebenfalls keine Hinweise für übersinnliche Vorahnung


Symbolbild: Mysterium Hirn (Illu.). | Copyright: grenzwissenschaft-aktuell.de

Pittsburgh (USA) - Im Januar 2011 sorgte die Veröffentlichung einer Studie im angesehenen Fachmagazin "Journal of Personality and Social Psychology" für internationales Aufsehen und einen Aufschrei der Wissenschaftsgemeinde, als darin der angesehene US-Psychologe Dr. Daryl J. Bem von der Cornell University behauptete, Beweise für übersinnliche Vorahnungen gefunden zu haben (...wir berichteten, s. Links). Nachdem bereits britische Wissenschaftler Bems Experimente in eigenen Versuchen nachgestellt und erklärt hatten, keine Belege für die Behauptungen gefunden zu haben, haben nun US-Wissenschaftler erneut eine Wiederholung der Experimente und hinzu eine Meta-Analyse anderer bisheriger Experimente vorgelegt und ebenfalls keine Hinweise auf die Fähigkeit der "Präkognition" gefunden. Die Kontroverse um Bems Ergebnisse ist damit jedoch noch nicht vom Tisch, weist die neue Studie doch selbst mögliche Ungenauigkeiten und Fehlerquellen auf und lässt somit wichtige Fragen offen.

Stark zusammengefasst hatte Dr. Daryl Bem in seiner ursprünglichen Studie erklärt, eindeutige Belege dafür gefunden zu haben, dass in seinen Experimenten das Verhalten von Menschen durch Ereignisse beeinflusst worden waren, die noch gar nicht stattgefunden hatten.
In seinen Experimenten nutzte Dr. Bem bereits bekannte psychologische Phänomene - kehrte deren Chronologie jedoch um: So gründet eines der nun wiederholten Experimente beispielsweise auf dem bekannten Phänomen, dass es leichter fällt, sich zukünftig Wörter zu merken, wenn wir diese zuvor eingeübt wurden.

Hierzu wurden 100 Studenten eine Liste mit 48 bekannten Wörtern vorgelegt. Für jedes Wort hatten die Studenten drei Sekunden lang Zeit, um es sich zu merken und zu visualisieren. Danach sollten sich die Teilnehmer an so viele Wörter der Liste wie möglich erinnern und diese aufschreiben. Danach wählte ein Computer 24 der Wörter aus der Liste nach dem Zufallsprinzip aus. Diese Wörter sollten die Studenten erneut mehrmals als Erinnerungsübung abschreiben.

Das erstaunliche Ergebnis des Experiments zeigte (laut Bem), dass die Studenten mit höherer Wahrscheinlichkeit sich im vorigen Erinnerungstest an genau jene Wörter besser erinnerten, die sie erst später erneut aufgrund der zufallsgenerierten Computervorgabe abschreiben sollten (...wir berichteten 1, 2).
Nachdem schon frühere Teams unabhängig von Bem dessen Experimente wiederholt hatten, ohne Belege für die von Bem beschriebene Vorahnung gefunden zu haben, hat sich nun auch ein Team um Jeff Galak von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh nicht nur an die eigene Wiederholung der Tests gemacht, sondern auch eine statistische Meta-Analyse ihrer eigenen Ergebnisse, derer von Bem und zehn weiterer Versuche erstellt.

www.grenzwissenschaft-aktuell.de
+ + + HIER können Sie unseren täglichen Newsletter bestellen + + +

Derartige Meta-Analysen gelten als die beste naturwissenschaftliche Methode der Überprüfung und Gesamtbewertung der Ergebnisse von einer Vielzahl von Experimenten und Tests gleichen Inhalts, etwa klinischer Versuchsreihen zur Wirksamkeit neuer Medikamente.

Wie schon Bems ursprüngliche Studie, so wurde auch die neue Meta-Analyse im angesehenen "Journal of Personality and Social Psychology" veröffentlicht und kommt zu dem Schluss, dass der von Bem beschriebene Effekt nicht nachweisbar bzw. reproduzierbar sei. Vor diesem Hintergrund gelte somit auch für Bems Behauptungen, dass ein "Effekt kein Effekt ist, solange er nicht reproduzierbar ist".

Während das zusammengefasste Ergebnis der Meta-Analyse, also aller in der Analyse untersuchten Experimente, keine Beweise für Präkognition aufzeigte, zeigt eine Detailbetrachtung, dass die Autoren der neuen Studie "nur" zwei von Bems Experimenten (Nr. 8 und 9) replizierten, da diese ihnen als die objektivsten Tests erschienen. Insgesamt führten sie sieben vermeintlich präzise Replikationen der Experimente nach Bems eigenen Vorgaben mit 3.289 Teilnehmern durch, während Bem selbst 950 Testpersonen involvierte.

Unabhängig voneinander analysiert, fielen sechs der sieben Studien im Sinne Bems ursprünglicher Aussagen (und somit eines Beweises für Präkognition) negativ aus. Die siebte hingegen erbrachte ein (wenn auch nur sehr leicht) statistisch signifikant positives Ergebnis. Im Gesamtzusammenhang der Meta-Analyse jedoch, in der alle Daten wieder zusammengenommen werden, ergibt sich keinerlei statistisch signifikantes positives Ergebnis mehr.

Während die Mehrheit der Wissenschaftsgemeinde die Ergebnisse der neuen Meta-Analyse erwartungsgemäß bejubelt und, wie beispielsweise der US-Skeptiker Steven Novella die Studie in seiner Zusammenfassung für den Neurologica-Blog die Methoden der Replikation von Bems Experimenten durch die Autoren um Jeff Galak als "gründlich und präzise" bezeichnet, streicht Greg Taylor (dailygrail.com) heraus, dass - im Gegensatz zu Bems Experimenten - alleine vier der sieben zitierten Tests von Galak und Kollegen lediglich online und nicht in Labors durchgeführt wurden. "Zusätzlich bestand alleine eine dieser Online-Experimente (#7) schon aus 2.400 Testpersonen. Alle sieben Tests zusammengenommen bestanden insgesamt nur zu 12 Prozent aus Ergebnissen, die im Labor zustande kamen", so Taylor.

Dieser "Online-Aspekt" birgt sicherlich nicht nur für Taylor eine Vielzahl möglicher Fehlerquellen, "Angefangen von Nachlässigkeit und Ablenkung, über unbeabsichtigte oder sogar beabsichtigte Sabotage (durch die Testpersonen)". Gerade letztere Sorge begründet der bekennende Kritiker der konservativen Skeptiker-Bewegung Taylor mit der Beobachtung, dass der Aufruf zur Teilnahme an den Tests besonders häufig in skeptisch-gefärbten Online-Foren und -Portalen von Skeptikerorganisationen, wie etwa der "James Randi Educational Foundation" (JREF) und "Rational Skepticism" Verbreitung fand.

Schon zuvor hatte Bem selbst einen anderen Artikel von Galak und Kollegen zu gerade diesem Punkt kritisiert und hervorgehoben, dass man bei Online-Tests "vollständig die Kontrolle über eine Studie verliere". "Interessanterweise", so Taylor weiter, "zeigten zwei von drei der laborbasierten Experimente der Autoren (Galak et al.) signifikant niedrigere P-Werte (p=0.04 and p=0.10) als alle anderen Tests."

Zudem hebt Taylor hervor, dass Galak und Kollegen in ihrem Artikel sogar selbst explizit eingestehen, dass sie "nach" der Lektüre von Bems eigenen Notizen (die dieser gemeinsam mit seinen Daten der Wissenschaftsgemeinde "zuvor" umfangreich zur Verfügung gestellt hatte) "mindestens drei Unterschiede zwischen unseren Experimenten und dem vollständigen von Bem angewandten Prozedere" entdeckt hätten. Zu diesen Unterschieden gehören beispielsweise die Verwendung von unterschiedlichen - für die Tests jedoch bedeutende - Wortgruppen. "Steven Novella merkt in seinem Blog völlig korrekt, die Bedeutung und Wichtigkeit einer präzisen Wiederholung an, wenn er feststellt dass 'eine präzise Wiederholung keinen Grad an Freiheit beinhalten (sollte)".

Taylor selbst hält es vor diesem Hintergrund die Vorstellung für "problematisch, wie er (Novella) diese Ansicht aufrechterhalten kann, gleichzeitig den Artikel (von Galak et al.) unterstützt und sogar mehrfach als 'präzise Replikation' und 'weiteren Beweis gegen PSI als reales Phänomen und im Besonderen gegen die Behauptungen von Daryl Bem' bezeichnet."

Die Diskussion um Bems Ergebnisse dürfte also weiterhin andauern...
- Bems Original-Artikel "Feeling the Future" können Sie HIER kostenfrei herunterladen

- Die vollständige Meta-Analyse kann HIER kostenfrei heruntergeladen werden

WEITERE MELDUNGEN ZUM THEMA

Überprüfende Studie findet keine Bestätigung für übersinnliche Vorahnung 17. März 2012
Studie zu übersinnlicher Vorahnung sorgt für Empörung unter Wissenschaftlern
10. Januar 2011
Präkognition: Haben Psychologen Beweise für übersinnliche Vorahnung gefunden?
22. Oktober 2010
Belegt Experiment emotional-physiologische Quantenverschränkung bei Liebespaaren? 28. Mai 2009
Neue Studie untersucht Déjà-vu-Phänomen 20. November 2008

Bücher zum Thema:
- - -

grenzwissenschaft-aktuell.de
Quellen: papers.ssrn.com, theness.com/neurologicablog/index.php, dailygrail.com
Copyright: grenzwissenschaft-aktuell.de
(falls nicht anders angegeben)


Für die Inhalte externer Links übernehmen wir keine Verantwortung oder Haftung.


WEITERE MELDUNGEN finden Sie auf unserer STARTSEITE