Dienstag, 11. September 2012

Mediziner vermutet: Epileptische Anfälle führten zum monotheistischen Gottesbild


Zeitgenössisches Relief Echnatons (m.) und seiner Familie bei Anbeten des Sonnengottes Aton. | Copyright: gemeinfrei

London (England) - Anhand medizinischer Daten des Pharaos Tutanchamun und dessen direkter Vorfahren der 18. Pharaonendynastie vermutet ein britischer Mediziner, dass der "Kindkönig" an Schläfenlappen-Epilepsie litt. Da diese noch heute unter Erwachsenen am weitesten verbreitete Form der Epilepsie sowohl erblich als auch dafür bekannt ist, religiöse Visionen hervorzurufen, vermutet der Wissenschaftler zudem, dass auch der von Tutanchamuns Vater Echnaton, nach einer göttlichen Vision eingeführte monotheistische Aton-Kult eine Folge der Krankheit sein könnte. Das wiederum könnte Auswirkungen auch auf die Entstehungsgeschichte des Juden-, Christentums und des Islams haben.

Wie Hutan Ashrafian vom Imperial College London im Fachmagazin "Epilepsy & Behavior" berichtet, spreche sowohl der frühe Tod der Pharaonen der 18. Dynastie, als auch ihre Unfallanfälligkeit und ihre auffallend verweiblichte Erscheinung für die Diagnose Schläfenlappen-Epilepsie. "Es ist auffallend, dass von zwei der fünf verwandten Pharaonen berichtet wird, dass sie religiöse Visionen hatten", so Ashrafian. "Von der Schläfenlappen-Epilepsie ist wiederum bekannt, dass sie in 10 bis 60 Prozent der Fälle von psychischen Krankheitserscheinungen begleitet wird." Studien zeigten zudem, dass einige Patienten bei und unmittelbar nach derartigen Krampfanfällen unter anderem auch starke religiöse Wahrnehmungen und Empfindungen hatten.

Von Pharao Tutmosis IV. berichtet etwa eine Inschrift auf Gizeh, dass er sogar mitten am Tag eine religiöse Vision hatte. Pharao Echnaton soll unter anderem der Sonnengott Aton in Form einer Sonnenscheibe erschienen sein, woraufhin der Pharao der Überlieferung nach den Aton-Kult unter dem Symbol der Sonnenscheibe zur neuen Staatsreligion erhob.

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Auch die auffallend weibliche Gestalt der betroffenen Pharaonen dieser Dynastie zieht Ashrafian als Begründung für seine Diagnose heran. Tatsächlich zeichnen sich sowohl die Darstellungen Tutanchamuns als jene von Echnaton häufig durch ungewöhnlich breite Hüften und sogar weiblichen Brüsten aus (s. Abb.). Ähnlich gilt auch für Echnatons direkte Ahnen Amenhotep III. und Tutmosis IV. Der von der spezifischen Epilepsie betroffene Schläfenlappen sei mit jenen Gehirnregionen verknüpft, die auch die Freisetzung von Geschlechtshormonen regeln. "Bei männlichen Patienten kann dies den Hormonspiegel verändern und so zu verweiblichten Körperformen führen", zitiert der "New Scientist" den Forscher.

Hinzu komme der frühe Tod der Pharaonen - schließlich hätten auch Epilepsie-Patienten ein um zwei bis dreifach erhöhte Sterberisiko gegenüber gesunden Menschen. Das könnte erklären, warum Tutmosis IV. mit 40 Jahren oder sogar früher starb, seine Nachfolger Echnaton und Semenkare mit Anfang 30 und Mitte 20 und Tutanchamun sogar noch vor seinem 20. Lebensjahr. Da der kurze Zeit später herrschende Pharao Ramses II. hingegen 85 Jahre alt wurde, spreche dies gegen die Vermutung, dass entsprechend kurze Lebenserwartungen damals normal gewesen seien.

Auch der erst kürzlich an der Mumie des Tutanchamun entdeckte verheilte Oberschenkelhalsbruch reiht sich in die Indizienkette des Forschers für die Diagnose Epilepsie ein, schließlich gehörten "Brüche an dieser Stelle zu den häufigsten bei Epileptikern beobachteten". Nicht zuletzt könnte auch eine ebenfalls an der Mumie nachweisbare Entzündung am Knie durch eine Verletzung während eines Krampfanfalls verursacht worden sein.

Wenn auch plausibel, so sei die Theorie jedoch wahrscheinlich nicht zu beweisen, da es keinen definitiven genetischen Nachweis für diese Epilepsie gebe, der etwa an der Mumie des Kindkönigs durchgeführt werden könne, kommentiert Howard Markel von der University of Michigan den Befund Ashrafian gegenüber dem "New Scientist".

Die Theorie, Epilepsie könne für die Echnatons Vision des Sonnengottes Aton und damit auch für die Grundlage für die erste belegte Form des eines monotheistischen Gottesbildes, verantwortlich sein, hätte nicht nur Auswirkungen auf das Verständnis der altägyptischen Religions- und Glaubensvorstellungen. Laut einigen Historikern basiert auch das monotheistische Glaubensbild des Juden- und Christentums (sowie anderer Religionen) direkt auf Echnatons Erhebung des Sonnengottes Aton zum alleinigen Gott.

Laut diesen Theorien soll beispielsweise der biblische Moses und damit der Volks- oder Religionsgründer des Judentums, der schließlich in Ägypten Aufwuchs, sein Gottesbild dem Aton-Kult nahezu detailgetreu entlehnt haben. Zu den berühmtesten Vertretern dieser von vielen Historikern jedoch mittlerweile abgelehnten Interpretation gehört Sigmund Freud, der in seiner Altersstudie "Der Mann Moses und die monotheistische Religion" den jüdischen Monotheismus als das "über Moses vermittelte Erbe der Religion Echnatons" bezeichnete. Andere gehen sogar soweit in Moses selbst Echnaton nach dessen vermeintlichen Tod zu sehen. Tatsächlich finden sich zahlreiche Übereinstimmungen zwischen der Symbolik und den Charakteren des Aton-Kultes und jenes von Juden- und Christentum. Derartige Verbindungen werden allerdings von den meisten Wissenschaftlern unter Verweis auf chronologische Unstimmigkeiten mittlerweile bezweifelt oder als zufällig abgetan, wenn etwa die Zeit der sogenannten Landnahme Kanaans von den meisten Historikern und Religionsforschern nicht mit der Zeit Echnatons verbunden, sondern ein bis zwei Jahrhunderte später in die Zeit der Ramessiden datiert.

Ashrafians Theorie vorausgesetzt, müsste dann in einem nächsten Schritt nach der Natur, Qualität und den damit einhergehenden Konsequenzen von Epilepsie und ähnlicher "Krankheiten" sowie der damit einhergehenden religiösen Visionen werden...

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