Mittwoch, 3. Oktober 2012

Kontroverse: Vatikan bezeichnet Papyrus des "Evangeliums der Ehefrau Jesu" als Fälschung

Das neu entdeckte Papyrusfragment mit der Bezeichnung "Evangelium der Ehefrau Jesu". | Copyright: Karen L. King 

Vatikan - Der Fund eines Papyrus aus dem vierten Jahrhundert, aus dessen Text hervorgeht, dass Jesus verheiratet gewesen sein könnte (...wir berichteten), hat seit seiner Präsentation durch die Haravrd-Kirchenhistorikerin Karen L. King weltweit für Aufsehen, Kontroversen und besonders unter katholischen Gläubigen für Unsicherheit über grundlegende Fragen der Ehe und des Zölibats geführt. Nachdem schon zuvor vornehmlich katholische Kirchenforscher Kritik an Kings Behauptungen geäußert hatten, hat nun auch dir Vatikanszeitung "L'Osservatore Romano" eindeutig Stellung gegen die Authentizität des Fundes bezogen und das Papyrusfragment als "plumpe Fälschung" bezeichnet. Im Interview mit "grenzwissenschaft-aktuell.de" erläutert zudem auch der deutschen Kirchenhistoriker Michael Hesemann Fragen um den kontroversen Fund.

Schon der Herausgeber des "L'Osservatore Romano", bezeichnet das Papyrusfragment im Editorial der aktuellen Ausgabe als "aus allen Blickwinkeln offenkundige Fälschung."

Gefolgt wird dieses Statement von einem Artikel des Experten für koptische Religionsgeschichte Alberto Camplani. In diesem kritisiert der Historiker von der Università degli Studi di Roma ("La Sapienza") zunächst die Art und Weise, wie der Fund und die Schlussfolgerungen der Wissenschaftlerinnen schon vor der Pressekonferenz in den US-Medien lanciert wurde.

Für Camplani spricht besonders der Umstand, dass in sonst keinem historischen Dokument die Rede von einem verheirateten Jesus ist, deutlich gegen die Echtheit des Papyrus. Zudem gebe auch die Provenienz, also die Herkunft des Fundes, Anlass zur Vorsicht. "(Das Fragment), wurde nicht etwa bei Ausgrabungen gefunden sondern stammt von einem Antiquitätenmarkt", zitiert "Discovery.com" aus dem Artikel. "Ein solches Objekt bedarf es, dass gleich mehrere Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden müssen, wenn es um die Feststellung der Glaubwürdigkeit und um den Ausschluss der Möglichkeit einer Fälschung geht."


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Auch Francis Watson, Experte für neutestamentarischer Studien an der britischen Durham University hält das Papyrusfragment für eine Fälschung und erläutert dies in einem Artikel, in dem er die Komposition des Textes als Wörter und Phrasen herausarbeitet, die aus gedruckten Ausgaben des Thomas-Evangeliums entlehnt worden sein sollen: "Sehr wahrscheinlich handelt es sich um eine Komposition eines neuzeitlichen Autors der selbst koptisch nicht als Muttersprache spricht".



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Bislang liegt noch keine Stellungnahme der Forscherinnen Karen L. King und AnneMarie Luijendijk zu den Einschätzungen ihrer Kritiker vor. Allerdings hatte King schon in ihrer ursprünglichen Presseinformation der Harvard Divinity School erklärt, dass weitere Untersuchungen notwendig seien, um die Einschätzung noch anhand von chemischen Analysen der verwendeten Tinte zu überprüfen. Zudem machte die Forscherin schon in ihrer ersten Präsentation deutlich, dass das Papyrusfragment selbst noch nicht als Beweis dafür angesehen werden könne, dass Jesus tatsächlich verheiratet war. Allerdings belege der Fund (sollte er echt sein...), dass einige der frühen christlichen Gemeinden genau davon ausgingen.


Im weltberühmten "Abendmahl" von Leonardo da Vinci sehen Vertreter der Theorie eines verheirateten Jesus einen Hinweis darauf, dass auch das Renaissance-Genie von Maria Magdalena als Gefährtin Jesu ausging und diese sogar zu seiner Rechten abgebildet hatte (6. v. l.). Kirchenhistoriker deuten diese Person (die für den Betrachter links neben Jesus sitzt) als Johannes dem "Lieblingsjünger". Kritiker dieser konservativen Deutung verweisen jedoch auf dessen auffallend weibliche Züge und sogar einen weiblichen Brustansatz.
| Copyright: Public Domain

Auch der deutsche Kirchenhistoriker Michael Hesemann hat sich schon früh zum Papyrusfund geäußert und sich gegen dessen Authentizität ausgesprochen. Im Interview mit "grenzwissenschaft-aktuell.de" erläutert er Fragen und Konsequenzen rund um den Papyrus.

GreWi: Herr Hesemann, in einem Statement zum Papyrus haben sie geschrieben, dass selbst wenn der Papyrus bzw. das damit verbundene angebliche "Evangelium" (historisch) echt sein sollte, es sich dennoch nur um eine "gnostische Fiktion des 4. Jahrhunderts ohne den geringsten historischen Anspruch" handeln könne. Als Grund erläutern Sie, die frühen Kirchenväter seien sich "einig mit den authentischen Evangelien aus der Zeit der Augenzeugen, dass Jesus, wie viele Juden seiner Zeit und die meisten Propheten und Gottesmänner des Alten Bundes oder auch Johannes der Täufer - EHELOS (sic.) lebte". Wie kann man aber sicher sein, dass dieser Personenkreis die "Wahrheit" in dieser Frage kannte, wurden diese Entscheidungen doch ebenfalls von Personen getroffen, die Jesus selbst nicht mehr direkt gekannt haben können?

Hesemann: Die Definition der christlichen Glaubenswahrheiten fand (schon) in den ersten hundert Jahren nach der Auferstehung Christi statt. Die Männer, die wir Christen als die ersten Kirchenväter verehren, Männer wie Justin der Märtyrer und Irenäus von Lyon, waren noch Schüler von Schülern der Apostel, die noch weit mehr, als in den Evangelien steht, in direkter, unmittelbarer Überlieferung von den Jüngern und Weggefährten Jesu erfahren haben. Daher definiert Irenäus ja auch in seinen Büchern über die frühen Häresien die apostolische Sukzession, also eine Weihelinie, die direkt auf einen Apostel zurückgeht, als das entscheidende "Qualitätssiegel" für die Authentizität einer Tradition.

Die Kirche in direkter apostolischer Sukzession hat immer nur die vier kanonischen Evangelien anerkannt. Aber es gab halt, seit Simon Magus, immer auch schon eine "Konkurrenz" - Sekten, deren Gründer sich meist auf eine Privatoffenbarung beriefen und einen anderen Christus lehrten. Wie früh es dieses "Christentum Marke Eigenbau" schon gab, enthüllen uns die Briefe des hl. Paulus, die aus den Jahren zwischen ca. 49 und ca. 64-66 stammen. In der Kirche, die sich auf eine apostolische Gründung berufen konnte, bestand nie der geringste Zweifel an der Ehelosigkeit Jesu, die ja Johannes und Paulus als Vorbild für die eigene Ehelosigkeit diente. Aus ihr ging die heutige katholische Kirche ebenso hervor wie die orthodoxen und altorientalischen Kirchen.


GreWi: Können Sie uns erläutern, welche Konsequenzen der Nachweis eines verheirateten Jesus für die Gläubigen und die römisch-katholische Kirche hätte?

Hesemann: Es kann keinen Nachweis für einen verheirateten Jesus geben, weil Jesus nie verheiratet war, ohne wenn und aber. Daran kann auch ein Papyrusfragment nichts ändern, gleich, ob es sich nun um eine Fälschung oder um eine gnostische Fiktion aus der Spätantike handelt. Denn gerade die gnostischen "Evangelien" enthalten keinerlei historisch verifizierbare Informationen, auch kein originär jüdisches Gedankengut, wie es Jesus und seinen Jüngern zuzutrauen wäre, sondern synkretistische neoplatonische Spekulationen, die nicht mehr spirituellen Wert haben als die "Channelings" der modernen Esoterik.

 
Kontroverse: Johannes oder Maria-Magdalena? Vergrößerung der Figur zur Rechten Jesu, aus Leonardo da Vinci "Abendmahl". | Copyright: Public Domain

Einige Gnostiker glaubten, dass jede Seele ihr weibliches Gegenstück hatte und dass dies auch für Jesus gelten müsste - und auf der Suche nach einer "Seelengefährtin" stießen sie eben auch mal auf Maria Magdalena (s. Abb. Hinweis d. GreWi-Red.: Auch das diskutierte Papyrusfragment benennt eine "Maria" als die vermeintliche Ehefrau Jesu...)

Natürlich kann man spekulieren und feststellen, dass etwa der Priesterzölibat nicht mehr als Lebensstand in der Nachfolge Jesu haltbar wäre, wenn Jesus denn verheiratet gewesen wäre. Aber er war es nicht. Wäre er es gewesen, dann wäre er nicht der Sohn Gottes, der das Ende seines irdischen Wirkens im Voraus kannte. Sonst hätte verantwortungslos gehandelt - eine prophetische Verkündigung des Evangeliums war einfach nicht mit einem Ehe- oder Familienleben vereinbar! Aber, im Gegenteil, er rief seine Jünger auf, alles zu verlassen, um ihm nachzufolgen, nicht einmal die Toten zu begraben, und zu Ehelosen um des Himmelreiches willen zu werden!

 

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GreWi: Immer wieder verweisen Vertreter der Theorie eines verheirateten Jesus auf die jüdische Tradition, wonach von einem Rabbi aufgrund seiner Vorbildsfunktion erwartet wird, verheiratet zu sein und Kinder zu haben. Da Jesus von seinen ersten Jüngern auch als Rabbi bezeichnet wurde, ist es da nicht anzunehmen, dass auch Jesus verheiratet war?

Hesemann: Jesus wurde tatsächlich als "Rabbi" bezeichnet, was wörtlich "Großer", "Bedeutender" heißt und als Anrede für einen Lehrer oder Meister benutzt wurde. Das hatte noch nichts mit dem Amtstitel aus der talmudischen Zeit zu tun und noch weniger mit dem heutigen Rabbinertum. Tatsächlich ist das talmudische Judentum ausschließlich pharisäisch geprägt, während es zur Zeit Jesu, d.h. vor der Zerstörung des Tempels, drei etwa gleichstarke "Schulen" gab, nämlich neben den Pharisäern noch die Essener und die Sadduzäer.

Insofern ist es ein völliger Anachronismus, die heutige Definition des Titels "Rabbi" auf Jesus anzuwenden. Im vortalmudischen Judentum gab es eine sehr starke Tradition der prophetischen Ehelosigkeit - man erwartete praktisch von einem Propheten, dass er sich ganz in den Dienst des Herrn stellte und asketisch lebte. Johannes der Täufer war ein zeitgenössisches Beispiel und auch Paulus verzichtete nach seiner Berufung zum Apostolat auf eine Ehe. Es gab auch einen Enthaltsamkeitseid, das sog. Nasiräat, und schon die Torah bietet die Möglichkeit an, als Mann oder auch als Ehepaar zölibatär zu leben. Speziell die Essener propagierten die Enthaltsamkeit, um sich rein zu machen für die Ankunft des Messias. So berichteten der Jude Flavius Josephus, aber auch der Römer Plinius von der Ehelosigkeit der Essener. Das Ideal im messianischen Judentum war also der Zölibat, nicht die Ehe!


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Quelle: discovery.com, hds.harvard.edu
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