Sonntag, 20. Januar 2013

Kontroverse und Kritik an Behauptung über außerirdische fossile Kieselalgen in Meteoriten


Elektronenmikroskopaufnahme der Strukturen im Innern des Polonnaruwa Meteoriten. | Copyright/Quelle: Wickramasinghe et al. / Journal of Cosmology 

Buckingham (England) - Wie zu erwarten, entzündet sich seit der Veröffentlichung an einer Studie, in der britische und Sri-lankische Astrobiologen einmal mehr nichts weniger behaupten, als dass sie im Innern eines Meteoriten fossiles Leben entdeckt haben (...wir berichteten), scharfe Kritik der Wissenschaftsgemeinschaft. Neben Angriffen gegen die Glaubwürdigkeit der beteiligten Wissenschaftler und das die Studie publizierende Journal gibt es aber auch konkrete Sachkritik.

Während vor allem zahlreiche Wissenschaftsblogger sich geradezu auf Beschimpfungen und die Verballhornung der Quellen, in diesem Fall Wickramasinghe und Kollegen sowie das "Journal of Cosmology" (JoC) konzentrieren, bildet der "Bad Astronomy"-Blogger Phil Plait hier eine Ausnahme und formuliert ernsthafte Sachkritik.

Obschon auch Plait zunächst nicht mit wiederholter Pauschalkritik an den Forschern und vor allem ihrer Plattform, dem "Journal of Cosmology" spart - bei dem Kritiker anzweifeln, dass es sich tatsächlich nicht um ein Peer-Review-Journal handelt, sondern unterstellen, es handele sich um kaum mehr, als ein Publikationsmedium und sozusagen im Online-Eigenverlag eines kleinen Personenkreises um Wickramasinghe - so bringt Plait darauf folgend seine Kritik in der Sache dennoch auf den Punkt.

"Zugegeben: Tatsächlich sind die Mikroskopaufnahmen, die im Artikel gezeigt werden, ziemlich interessant, da es sich tatsächlich um etwas Biologisches zu handeln scheint und zumindest für mein ungeübtes Auge sehen diese (Strukturen) aus wie Kieselalgen."


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Da er selbst aber kein Experte auf diesem Gebiet sei, habe er sich mit dem Evolutionsbiologen Professor Patrick Kociolek von der University of Colorado und Direktor des dortigen Museum of Natural History genau an einen solchen Experten gewandt. Auch dieser habe ihm bestätigt, dass nahezu alle der in der Studie herausgearbeiteten Strukturen tatsächlich Kieselalgen seien.

Allerdings sieht Kociolek gerade in dem nahezu perfekten Zustand dieser Strukturen keinerlei Hinweise darauf, dass es sich um fossile Zellhüllen von Kieselalgen handelt. "Da dieser Umstand allerdings eine der Grundlage von Wickramasinghes Behauptung ist, die Strukturen seien ein originärer Teil des Meteoriten, ist schon diese Beobachtung ein schwerer Schlag gegen eine solche Interpretation", so Plait.

Zudem führe Kociolek weiterhin aus, dass für die Existenz solcher Kieselalgen auch die Anwesenheit von Süßwasser notwendig ist, wodurch die Vorstellung eines meteoritischen Ursprungs dieser Strukturen schon sehr unwahrscheinlich sei. Vielmehr, so Kociolek weiter, scheine es sich um bekannte irdische Arten von Kieselalgen zu handeln. Auch dies mache einen Ursprung dieser Strukturen im All mehr als unwahrscheinlich: "Die Vielfalt an Strukturen auf diesen Aufnahmen stellt eine derart große evolutionäre Bandbreite dar, dass die behauptete außerirdische Quelle dieser Kieselalgen die nahezu gleichen evolutionären Ereignisse durchlaufen haben müsste, wie jene auf der Erde. Die Aufnahmen zeigen aber keinerlei ausgestorbene Gruppen von Kieselalgen. Alle Beispiele auf den Bildern kann man so auch noch heute auf der Erde finden. Für mich ist dies ein ganz eindeutiger Fall von Kontamination des 'Meteoriten' mit (irdischem) Süßwasser."



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Zumindest Plait und Kociolek unterstellen Wickramasinghe und Kollegen also, dass sie die Bestimmung der entdeckten Kieselalgen-Zellhüllen nicht einem Experten auf diesem Feld überlassen haben. Zugleich schränkt aber auch ein, dass der die Fachkenntnis der an der Studie beteiligten Wissenschaftler in dieser Frage nicht einschätzen könne.

Für noch grundlegender hält Plait denn auch die Frage, ob es sich bei dem untersuchten Brocken überhaupt um einen Meteoriten handelt und hegt auch daran deutliche Zweifel. Zumindest, so sein Vorwurf, gehe aus dem Artikel kein eindeutiger Nachweis für diese Behauptung hervor. Zudem fehle jegliche Beschreibung des Fundorts und weiterer Merkmale zum Fund. "Woher wissen (die Forscher) also, dass der Brocken (die Folge und das Ergebnis) der Meteor-Sichtung war. Im gesamten Artikel gibt es nicht den geringsten Hinweis und keine Untermauerung für diese Behauptung." Zwar werde eine chemische Analyse des Brockens präsentiert, anhand derer die Bestimmung als "kohligen Chondriten" durchgeführt wurde, doch belege diese noch nicht eindeutig, dass es sich auch tatsächlich um einen solchen kohlenstoffhaltigen Meteoriten handelt, da die beinhalteten Chemikalien wie Olivin, Kohlenstoff usw. auch in irdischem Gestein zu finden seien. "Olivin gibt es überall wie Sand am Meer", so Plait, "es gibt also keinerlei Grund, der Aussage zu trauen, wonach es sich (bei dem Brocken) um einen Meteoriten handelt."

Zudem sehe der Brocken auch noch nicht einmal nach einem Meteoriten aus und weise nicht deren charakteristische Eigenschaften, wie etwa abgerundete und geglättete Oberflächen, auf. "Kohlenstoffhaltige Chondriten sehen in der Regel wie kleine Steine aus, sind deutlicher fester, kompakter und von gänzlich anderer Struktur als dieser Brocken (...)", so Plait. Vor diesem Hintergrund sei es "ziemlich nachlässig" Fragmente des Brockens nicht von Meteoriten-Experten bestimmen zu lassen, um so eine unabhängige Bestätigung für den angeblich außerirdischen Ursprung des Brockens als Meteoriten vorlegen zu können. "Das ist eigentlich das Mindeste, was jeder andere (Wissenschaftler) getan hätte."

Alles in allem kommt Plait zu dem Schluss, dass "das, was Wickramasinghe und Kollegen da gefunden und untersucht haben, überhaupt gar kein Meteorit ist und dass es sich bei den darin entdeckten Strukturen um eine Gruppe von durchaus identifizierbarer (also irdischer) Kieselalgen handelt. Meine Vermutung ist, dass es sich um irgendeinen Stein handelt, der in einem Fluss oder einer ähnlichen Umgebung gefunden wurde. (...) Ich sehe in dem Artikel nicht den geringsten Beweis für die Behauptung, dass irgendetwas davon überhaupt aus dem All stammt."

Bis zum Redaktionsschluss dieser Meldung war uns noch keine Reaktion von Wickramasinghe und Kollegen auf die vorgebrachte Sachkritik bekannt. Da sich das von Wickramasinghe selbst herausgegebene "Journal of Cosmology" (JoC) selbst als Peer-Review-Journal bezeichnet, das wissenschaftlichen Ansprüchen genüge, sollte es auch entsprechender Kritik und Reaktionen gegenüber offen sein, und sich mit den Argumenten der Kritiker in der üblichen Form auseinandersetzen. Allerdings, das zeigt die Historie von Publikationen im besagten Journal, sind die Fronten zwischen den JoC-Astrobiologen und dem wissenschaftlichen Mainstream beidseitig schon seit Jahren derart verhärtet (...wir berichteten, s. Links), dass es bislang nur zu gegenseitigen Kritiken und Beschimpfungen kaum jedoch zu einer gemeinsamen Sachdiskussion der kontroversen Behauptungen kam. (Auch in Deutschland tut sich der wissenschaftliche und journalistische Mainstream offenbar schwer mit dem Thema. Aktuelles Beispiel: Die Berichterstattung zum Artikel auf der Internetseite von "Dradio Wissen". Hier wird zwar immerhin über den Artikel und seine Behauptung berichtet. Doch weist die Kurzmeldung selbst lediglich Links zu zwei kritischen Kommentaren - nicht aber zum doch öffentlich zugänglichen und auf den Seiten der Universität von Buckingham gehosteten Originalartikel aus.) Führt man sich den Gegenstand dieser Kontroversen vor Augen, bei dem es immerhin um nichts Geringeres geht, als um den möglichen Nachweis außerirdischen Lebens, so ist dies alles andere als ein Ruhmesblatt - weder für die eine, noch für die andere Seite
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Quellen: slate.com/blogs/bad_astronomy.html, buckingham.ac.uk
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