Donnerstag, 3. Januar 2013

Teilchenphysiker Peter Higgs kritisiert Richard Dawkins als anti-religiösen "Fundamentalisten"

Peter W. Higgs | Copyright: Gert-Martin Greuel, cc-by-sa 2.0 

Glasgow (Schottland) - In einem spanischen Zeitungsinterview hat kein Geringerer als der derzeit gefeierte Physiker Peter Ware Higgs, dessen Vorhersage der Existenz des nach ihm benannten Higgs-Bosons und damit jenem Elementarteilchen, das aller Materie ihre Masse verleiht, durch den wahrscheinlichen Nachweis der Teilchen mit dem LHC-Teilchenbeschleuniger am Europäischen Kernforschungszentrum CERN im vergangenen Sommer bestätigt werden konnte (...wir berichteten 1, 2), ungewöhnlich scharf den Biologen und selbsternannten Atheismus-Guru Richard Dawkins kritisiert und ihm anti-religiösen Fundamentalismus vorgeworfen.

Wie Higgs, der als einer der Topanwärter auf einen der nächsten Nobelpreise gehandelt wird, gegenüber der spanischen Tageszeitung "El Mundo" ausführt, teile er zwar Dawkins Ansichten über die unglücklichen Konsequenzen, die aus religiösen Überzeugungen entstanden seien, empfinde aber zugleich den Umgang des Biologen mit normalen Gläubigen als "beschämend."

"Dawkins konzentriert seine Kritik und Angriffe viel zu oft auf (religiöse) Fundamentalisten", so Higgs. "Doch es gibt viele Gläubige die einfach keine Fundamentalisten sind. (...) Fundamentalismus ist ein ganz anderes Problem. Dawkins ist aber auf eine Art nahezu selbst ein Fundamentalist der entgegengesetzten Sorte"


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Richard Dawkins. | Copyright: Shane Pope, cc-by-sa 2.0

Wie die britische Zeitung "The Guardian" berichtet, hatte sich der Autor des Bestsellers "Die Gottes-Wahn" (The God Delusion) schon 2007 gegen den Fundamentalismus-Vorwurf verwahrt. Unter dem Titel "Wie können Sie es wagen, mich als Fundamentalisten zu bezeichnen" hatte Dawkins auf seiner Internetseite erklärt: "Bitte verwechseln Sie nicht Leidenschaft, deren Ansichten sich verändern können, mit Fundamentalismus, der dazu nie in der Lage ist. (...) Ein evangelikaler Christ und ich können vielleicht einander ebenbürtig sein aber wir sind nicht auf die gleiche Art und Weise fundamentalistisch: Ein wahrer Wissenschaftler, wie leidenschaftlich er auch beispielsweise an die Evolution 'glauben' mag, weiß zugleich ganz genau, was seine Ansicht verändern würde: Beweise! Der Fundamentalist weiß, dass seine Überzeugung sich nie verändern wird."

Gegenüber "El Mundo" erläutert Higgs weiter, dass obwohl er selbst nicht gläubig sei, er nicht davon ausgeht, dass sich Religion und Wissenschaft widersprechen. "Das stets anwachsende Verständnis über die Welt durch die Wissenschaft schwächt zwar vielleicht die Motivation, die Menschen zu Gläubigen macht. Das ist aber nicht das Gleiche, wie wenn man behauptet, dass Religion und Wissenschaft inkompatibel sind. Es ist nur so, dass ich denke, dass einige traditionelle Gründe für den Glauben, die Tausende von Jahre zurückreichen, aus heutiger Sicht nicht wirklich durchdacht sind."

Seine Ansicht, so der Physiker weiter, beende jedoch nicht die Debatte. "Jeder der zwar ein überzeugter aber nicht dogmatischer Gläubiger ist, kann weiterhin an seinem Glauben festhalten. Ich denke, man sollte die ganze Debatte zwischen Glaube und Wissenschaft deutlich behutsamer führen, als dies von einigen Personen bislang getan wurde."


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Viele seiner Wissenschaftskollegen seien religiös gläubig. "Ich selbst gehöre zwar nicht dazu, aber das ist vielleicht auch eher eine Frage meines familiären Hintergrunds, als dass (für mich) eine versöhnliche Koexistenz der beiden (Religion und Wissenschaft) ein grundlegendes Problem wäre."

Bislang hat sich Dawkins noch nicht zu Higgs' Kritik und dem Vorwurf des Fundamentalismus geäußert...

Hintergrund
Während Higgs also eine tolerante Koexistenz zwischen Wissenschaft und Religion fordert, schießt sich Dawkins schon seit Jahren immer wieder mit provokanten und populistischen Äußerungen und Aktionen gegen jegliche Form von Glauben und Aberglauben ein. Schon in seinem 2007 erschienenen Buch "Der Gottes-Wahn" bezeichnete er Gott als einen "Virus, der ausgelöscht werden müsse".



Richard Dawkins bei einem zweifelsohne medienwirksamen Auftritt zur "There is probably no God"-Kampagne.
| Copyright: Zoe Margolis, cc-by-sa 2.0

2009 lieferten sich Dawkins und seine Anhänger in London einen regelrechten Werbekrieg mittels Plakaten und Buswerbung. Während die Atheisten darauf im Großformat erklärten "Es gibt wahrscheinlich keinen Gott, also höre auf dir Sorgen zu machen und genieße dein Leben", antwortete die Trinitarische Bibelgesellschaft und die Christliche Partei um Pater George Hargreaves mit Slogans wie "Die Toren sagen in ihrem Herzen: Es gibt keinen Gott." (Psalm 53), dem Verteilen von Gratis-Bibeln und dem Slogan "Gott gibt es definitiv. Deshalb schließe dich der Christlichen Partei an und genieße dein Leben" (...wir berichteten). Auch in Deutschland setzte sich der skurrile Glaubenskrieg in Form von Werbekampagnen eines Zusammenschlusses der Giordano Bruno Stiftung, mit den deutschen "The Brights" und dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten e. V. (IBKA) kontra den Plakaten des Katholischen Forums Dortmund fort (...wir berichteten 1, 2)

Zuvor schon hatte sich Dawkins auch über den seiner Meinung nach negativen Einfluss des Magischen in Märchen, Kinder- und Jugendbüchern wie etwa "Harry Potter" brüskiert. Derartige Inhalte, so warnte Dawkins 2008 gegenüber der englischen Tageszeitung "Daily Telegraph" verführten die jugendlichen Leser zu antiwissenschaftlichem Denken. Interessanterweise stellte sich Dawkins dabei genau mit jenen "Fundamentalisten" auf eine Stufe, die er an anderer Stelle kritisiert: Auch etwa bibeltreue Christen fordern schon lange und teilweise sogar erfolgreich eine Zensur und Entfernung entsprechender Bücher aus öffentlichen Bibliotheken und Schulen. Sogar der ehemalige US-Präsident und bekennende Wiedergeborene Christ George W. Bush verweigerte 2009 der Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling die Auszeichnung mit der "Presidential Medal of Freedom" wegen angeblicher "Anstiftung zur Hexerei" (...wir berichteten 1, 2, 3).

Einen weiteren Tiefpunkt der Glaubenskriege zwischen Gläubigen und Atheisten markierte das Darwin-Jahr 2009, Als beide Seiten - auch in Deutschland - noch nicht einmal davor zurückschreckten, Kinder für ihre Propagandazwecke in ihre Kampagnen einzubinden bzw. ihre Botschaften ganz gezielt an diese zu richten (...wir berichteten).

Nicht zuletzt sorgte der nun von Higgs kritisierte Dawkins erst kürzlich wider für Aufsehen, als er in einem Interview mit dem arabischen Nachrichtensender "al-Jazeera" nahe legte, dass es sei für ein Kind mindestens ebenso schlimm sei, streng katholisch erzogen als von einem Priester missbraucht worden zu sein. Als Grundlage für diese Behauptung zitierte Dawkins aus einem Brief einer Leserin seines Buches. Diese sei selbst als Kind von Priestern misshandelt worden, habe als Kind aber auch immer wieder gesagt bekommen, dass ihre protestantische Schulfreundin einst auf ewig in der Hölle brennen werde. Während sie die physische Misshandlung verwunden habe, so zitiert Dawkins die Frau, habe sie Jahre gebraucht, um über besagte mentale Qualen der Vorstellung ihrer Freundin im Fegefeuer hinwegzukommen.


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Quellen: elmundo.es, the guardian.co.uk
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