Mittwoch, 15. Mai 2013

Forscherin auf der Spur der "Leopardenmorde"


So stellten sich die Europäer die Leopardenmörder vor: Skulptur von Paul Wissaert aus dem Jahr 1913 im Afrikamuseum Tervuren (Belgien).
| Copyright: J.B. Burton, RMCA/Afrikamuseum Tervuren 


Kassel (Deutschland) - Jahrzehntelang sorgten die sogenannten "Leopardenmorde" im kolonialen Afrika für Angst und Schrecken - reichte die Anzahl der Opfer doch an die 1.000 Menschen. Eine Kasseler Historikerin will nun die Hintergründe der Mordserie aufdecken und vermutet, dass Geheimgesellschaften eine wichtige Rolle gespielt haben könnten.

Die Opfer der "Leopardenmörder" waren meist grausam zugerichtet: ihre Körper zerkratzt, häufig ihrer Organe beraubt, Verletzungen am Nacken. Auf den ersten Blick sahen diese Wunden wie die von Leoparden-Attacken aus. Untersuchungen zeigten jedoch, dass die Verletzungen von Menschenhand zugefügt wurden.


Rund 1.000 Afrikaner wurden zwischen 1850 und 1950 auf diese Weise getötet. Die Mehrzahl der Opfer hatte mit den Kolonialherren zusammengearbeitet. "Die Gerichte der Kolonialmächte urteilten die Mörder - bzw. diejenigen, die sie dafür hielten - ab. Doch es blieb unklar, ob es sich um Einzeltäter, eine Art anti-koloniale Guerilla oder religiöse Ritualmorde handelte", erläutert die Kasseler Wissenschaftlerin Stephanie Zehnle. Jahrzehnte nach Ende des Kolonialzeitalters hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Hintergründe der Morde aufzuklären.



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"Die Morde zogen sich über ein riesiges Gebiet von Westafrika bis in den Kongo und nach Ostafrika. Seinerzeit war das Phänomen auch in Europa bekannt und fand Eingang in die populäre Literatur", erläutert Zehne. So streife sich beispielsweise im 1930 erschienen Tim-und-Struppi-Comic "Tim im Kongo" ein verschlagener Medizinmann ein Leopardenkostüm über und kündigt eine Tat nach Art der Leopardenmorde an. "Nach der Entkolonialisierung gerieten die Leopardenmorde weitgehend in Vergessenheit, sie bleiben jedoch rätselhaft", so die Forscherin. Zwar liegen Hunderte von Verhörprotokollen und Gerichtsakten in den Archiven, doch eine umfassende Erklärung der Motive und Hintergründe sei bislang noch nicht gelungen.


Zehnles Forschungsprojekt "Leopardenmänner. Ein translokales Gewaltphänomen in der kolonialen Phase Afrikas" im Fachbereich Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Kassel, wird als Teil der in Kassel koordinierten Forschergruppe "Gewaltgemeinschaften" mit rund 300.000 für drei Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. "Ich kann nicht Einzeltäter nachträglich überführen oder Verurteilte entlasten", konkretisiert die Historikerin die Zielsetzung. "Aber ich will klären, wer als Täter in Frage kommt, ob es religiöse oder politische Motive gab, ob die Täter in eigener Sache töteten oder im Namen der einheimischen Bevölkerung. Und ich will die Rolle klären, die der Tiermythos spielt."


Insbesondere im britischen National Archive lagert Großteil der Unterlagen des britischen Colonial Office, deren Akten und Protokolle. Hinzu dienen auch historische Presseberichte aus Archiven afrikanischer Staaten. Natürlich seien alle diese Berichte oft gefärbt - von der Sicht der Kolonialherren auf die Afrikaner, aber auch durch Eigeninteressen der Übersetzer, Gerichtsdiener oder Journalisten. "Durch die schiere Masse der Quellen lassen sich aber Vergleiche anstellen und Färbungen herausfiltern", ist sich die Wissenschaftlerin sicher.


Zehnle vermutet die Täter in den Reihen der sogenannten Leopardenmänner - Geheimbünde, die in großen Teilen Afrikas verbreitet waren. "Diese Gruppen übten viele tragende Funktionen der vorkolonialen afrikanischen Gesellschaft aus, von der Rechtsprechung über die Sozialisation junger Männer bis hin zu religiösen Funktionen."


Für die Europäer waren die Mitglieder kaum zu identifizieren, gegenüber der Bevölkerung traten sie teils in Erscheinung, viele Rituale fanden aber auch im Verborgenen statt. "Die Leopardenmänner wurden durch die Kolonialverwaltung in ihrer Rolle und Bedeutung in Frage gestellt", beschreibt Zehnle. "Sie hatten dadurch Anlass zu einer feindseligen Haltung." Zudem gab es Initiationsriten, bei denen die Aufgenommenen aus einem Leopardenfell schlüpften und so symbolisch neu geboren wurden. "Das könnte den Leoparden-Spuren an den Mordopfern eine neue Bedeutung geben; sie dienen dann nicht allein der Verschleierung des Mordes, sondern sind auch Zeichen eines Rollenwechsels: Der Täter wird für eine Weile zum Tier und distanziert sich so innerlich von seiner Tat."


Dieser Erklärungsansatz weist so über das Phänomen der Leopardenmorde hinaus und zeichnet das Bild des Kampfes zweier Gesellschaftssysteme. Auf der einen Seite die europäischen Kolonialherren mit modernen, arbeitsteiligen Verwaltungen und Rechtssystemen; auf der anderen Seite die vorkolonialen Geheimbünde, die einen umfassenden Anspruch auf viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erhoben. Während die Serie der Leopardenmorde mit der Entkolonialisierung endete, ist das Schicksal der Geheimbünde weniger klar. "Interessanterweise hat sich der konstruierte gesellschaftliche Gegensatz modern/vorkolonial fortgesetzt", so die Forscherin. "Die ersten postkolonialen Regierungen grenzten sich häufig noch schärfer gegen alles so genannte Unzivilisierte ab als die Europäer."


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Quelle: uni-kassel.de
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