Freitag, 14. Juni 2013

Ersatzreligion? - Stress und Furcht erhöht den "Glauben an die Naturwissenschaft"


Eine Frage des Glaubens: Religion und Wissenschaft (Illu.).
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Oxford (England) - Der Glaube an die erklärende und offenbarende Macht der Wissenschaft verstärkt sich angesichts von Stress und Furcht. Zu dieser Einschätzung kommt eine aktuelle Studie von Psychologen an der University of Oxford. Die Forscher vermuten, dass der "Glaube an die Wissenschaft" nichtreligiösen Personen dabei hilft, mit Widrigkeiten umzugehen, indem er ihnen auf geradezu gleiche Weise Trost und Zuversicht bietet, wie dies zuvor nur religiösen Überzeugungen zugeschrieben wurde.

"Wir haben herausgefunden, dass stress- oder furchterregende Situationen bei den Studienteilnehmern den 'Glauben an die Wissenschaft' erhöht", erläutert Dr. Miguel Farias, der Leiter die am Department of Experimental Psychology durchgeführten und aktuell im Fachjournal "Journal of Experimental Social Psychology" (DOI: 10.1016/j.jesp.2013.05.008) veröffentlichten Studie.


"Während die meisten Menschen die Naturwissenschaft als zuverlässige Quelle des Wissens über die Welt ansehen, gibt es einige, die die Wissenschaft als überlegenen oder sogar einzig gültigen Weg betrachten, die Welt zu erklären. Für diese Menschen hat Wissenschaft einen einzigartigen und grundlegenden Wert an sich. Es ist diese Vorstellung von Wissenschaft, die von einigen Atheisten vertreten wird", so Farias.



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Zudem, so stellen die Forscher weiterhin fest, gäbe es eine ziemlich große Gruppe, die vehement alles glaubt und verteidigt, was die Naturwissenschaft herausgefunden hat - selbst dann, wenn diese Personen die Zusammenhänge selbst nur in Ansätzen oder auch gar nicht verstehen.


Ebenso wie der blinde Glauben an eine Religion, so könne also auch ein derartig blindes Vertrauen in die Naturwissenschaft durchaus fanatische Züge tragen, wenn beispielsweise alles Übernatürliche und nicht wissenschaftlich Erklärbare kategorisch abgelehnt werde.


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Schon in früheren Studien konnten Forscher zeigen, dass religiöser Glaube Personen dabei helfen kann, Stress und Furcht zu meistern. Angesichts dieser Erkenntnisse wollten die Oxford-Psychologen nun der Frage auf den Grund gehen, ob diese Wirkung auf religiösen Glauben alleine zutrifft, oder ob es sich um eine grundlegendere Funktion von Glauben an sich handelt.


Anhand von Fragebögen wurde zunächst der Grad der Wissenschaftsgläubigkeit der sich als "nicht religiös" bezeichnenden 50 Studienteilnehmer (semiprofessionelle Ruderer) ermittelt. In diesem Fragebogen sollten Probanden u.a. angeben, wie sehr sie mit den vorgegebenen 10 Aussagen über Wert und Stärke von Naturwissenschaft übereinstimmten. Zu diesen Aussagen zählten unter anderem Sätze wie “Die naturwissenschaftliche Methode ist der einzig vertrauenswürdige Weg der Erkenntnis", “Alle Probleme der Menschheit können von der Wissenschaft gelöst werden” oder "Wissenschaft ist der wertvollste Teil der menschlichen Kultur”.


Während ein Teil der Probanden den Fragebogen während des normalen Trainings ausfüllte, begann für die andere Hälfte nur eine knappe halbe Stunde später ein wichtiger Wettkampf. Die beiden Gruppen befanden sich also während des Ausfüllens der Fragebögen in deutlich unterschiedlichen Stresszuständen. Tatsächlich offenbarte die Auswertung der Fragebögen einen signifikanten Unterschied und eine höhere Wissenschaftsgläubigkeit unter den Mitgliedern der gestressten Gruppe.


Ähnlich fiel auch das Ergebnis des zweiten Tests aus, der nicht Stress sondern existenzielle Furcht zum Inhalt hatte. Hierbei sollte ein Teil der Gruppe ihre Empfindungen niederschreiben, während sie über ihren eigenen Tod - die anderen über gewöhnliche Zahnschmerzen nachdachten.


"Es geht nicht nur darum, an (einen) Gott zu glauben. Um von dem psychologischen Nutzen zu profitieren, ist es wichtig, grundsätzlich zu glauben", so der Psychologe weiter. "Vielleicht sind wir Menschen auch nur anfällig dafür, zu glauben und selbst Atheisten halten an nicht-übernatürlichen Glaubensvorstellungen fest, die sie beruhigen und trösten."


Abschließend erklären die Forscher, könne also beobachtet und gefolgert werden, dass der Glaube an die Wissenschaft mit zunehmendem Stress und Furcht zunehme. Ähnlich wie der religiöse Glaube, so helfe wahrscheinlich auch der Wissenschaftsglaube den "Betroffenen", bestimmte Situationen besser zu meistern.


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Während sich Religion und Naturwissenschaft grundlegend voneinander unterscheiden - beruht das eine doch auf Intuition und Emotion, das andere auf Logik und analytischem Denken - offenbare das Studienergebnis vielmehr die grundlegende menschliche Neigung, gerade in Krisenzeiten an die für ihre eigenen Weltsicht wichtigen Aspekte verstärkt "zu glauben".


Bislang, so schränken die Oxford-Psychologen aber auch ein, hätten sie den beschriebenen Effekt nur in eine Richtung, nachgewiesen. Weitere Experimente sollten sich nun also auch der Frage widmen, ob die Bestätigung des Glaubens an die Wissenschaft auch Stress und Ängste reduzieren könne.


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Quelle: ox.ac.uk, sciencedirect.com
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