Freitag, 18. Oktober 2013

Doch keine frühmenschliche Artenvielfalt? Schädelfund zwingt Paläoanthropologie zum Umdenken


Portrait des Dmanisi-Schädels Nr. 5
| Copyright: Malkhaz Machavariani, Nationalmuseum Georgien


Zürich (Schweiz) - Ein "einzigartiger Schädelfund widerlegt frühmenschliche Artenvielfalt", so die sensationelle Schlussfolgerung von Schweizer und Georgischen Paläoanthropologen, die im georgischen Dmanisi den intakten Schädel eines Frühmenschen gefunden haben, der die Merkmale gleich mehrerer Frühmenschenarten in sich vereint. Demnach war menschliche Artenvielfalt vor zwei Millionen Jahren viel kleiner als bisher angenommen. Dafür war die Vielfalt beim "Homo erectus" und damit der ersten globalen Menschenart, so groß wie beim heutigen Menschen.

Es sei der bis jetzt am besten erhaltene Fossilfund aus der Frühzeit unserer Gattung, zeigen sich die Wissenschaftler um den Anthropologen Christoph Zollikofer von der Universität Zürich fasziniert und haben ihren Fund in der Fachzeitschrift "Science" (DOI: 10.1126/science.1238484) beschrieben. "Der Schädel verfügt jedoch über eine Kombination von Merkmalen, wie sie bis jetzt unbekannt war: Der Schädel hat das größte Gesicht, die massivsten Kiefer und Zähne und das kleinste Gehirn innerhalb der sogenannten Dmanisi-Gruppe."


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Zuvor hatte man in Dmanisi bereits vier ebenfalls gut erhaltene Frühmenschenschädel sowie einige Skelettteile gefunden. Alle Funde zusammen zeigen, dass bereits vor 1.85 Millionen Jahren die ersten Vertreter der Gattung "Homo" sich aus Afrika über Eurasien auszubreiten begannen.


 
Gesamtansicht des Schädels Nr. 5 | Copyright: Guram Bumbiashvili, Nationalmuseum Georgien

Weil der fünfte Schädel vollständig erhalten ist, lassen sich an ihm verschiedene Fragen klären, über deren Antworten bislang lediglich spekuliert werden konnte und wie sie nichts weniger als den evolutionären Beginn der Gattung «Homo» in Afrika vor etwa zwei Millionen Jahren zu Beginn der Eiszeit (Pleistozän) beinhalten:


Gab es damals in Afrika mehrere spezialisierte "Homo"-Arten, von denen zumindest eine sich auch außerhalb Afrikas behaupten konnte? Oder gab es nur eine einzige Art, die sich in den verschiedensten Ökosystemen zurechtfand? Obwohl die frühmenschlichen Funde aus Afrika eine große Formenvielfalt aufweisen, ließ sich diese Frage bis anhin nicht entscheiden.


Ein Grund liegt in den verfügbaren Fundstücken, wie Zollikofer: "Es handelt sich um meist fragmentarische Einzelfunde, die über weite räumliche Distanzen verstreut sind, und die zudem aus einer Zeitspanne von mindestens 500'000 Jahren stammen. Somit ist letztlich nicht klar ist, ob es sich bei den afrikanischen Fossilien um Artenvielfalt handelt, oder um Vielfalt innerhalb einer Art".


Auf einen weiteren Grund weist Marcia Ponce de León, ebenfalls Anthropologin an der Universität Zürich, hin: "Paläoanthropologen gingen oft stillschweigend davon aus, dass das Fossil, das sie gerade gefunden hatten, repräsentativ sei für die Art, das heißt, dass es diese gut charakterisiere. Dies sei statistisch zwar nicht sehr wahrscheinlich, dennoch gäbe es Forschende, die bis zu fünf gleichzeitig existierende frühe Arten der Gattung 'Homo' in Afrika postulierten, wie etwa 'Homo habilis', 'Homo rudolfensis', 'Homo ergaster', 'Homo erectus', u.a.m." Zur Zeit gebe es eben so viele Unterteilungen in Arten, wie es Wissenschaftler gibt, die sich mit diesem Problem beschäftigen.


Dmanisi biete nun den Schlüssel zur Lösung. Laut Zollikofer ist der fünfte Schädel deshalb so wichtig, weil er in sich Merkmale vereint, die bisher als Argument gebraucht wurden, um verschiedene afrikanischen "Arten" zu charakterisieren. "Wären Hirn- und Gesichtsschädel des Dmanisi-Exemplars als Einzelteile gefunden worden, wären sie mit großer Wahrscheinlichkeit zwei verschiedenen Arten zugeordnet worden".



Computer-Rekonstruktion der fünf Dmanisi-Schädel (Hintergrund: Landschaft in Dmanisi). | Copyright: Marcia Ponce de León und Christoph Zollikofer, Universität Zürich, Schweiz

Entscheidend sei zudem, dass in Dmanisi fünf gut erhaltene Individuen gefunden wurden, von denen die Forscher wissen, dass sie am selben Ort und zur selben Zeit gelebt haben. Diese einzigartige Fundsituation ermögliche es, die Formenvielfalt in Dmanisi mit der Formenvielfalt innerhalb moderner Populationen des Menschen und des Schimpansen zu vergleichen.


Zollikofer fasst das Resultat der statistischen Analysen zusammen: "Bei den Dmanisi-Funden handelt es sich erstens um die Population einer einzigen fossilen Menschenart. Zweitens unterscheiden sich die fünf Dmanisi-Individuen tatsächlich stark voneinander, aber auch nicht mehr als fünf beliebige Menschen oder fünf beliebige Schimpansen aus einer modernen Population". Vielfalt innerhalb einer Art sei also die Regel, nicht die Ausnahme.


Die aktuellen Resultate werden von einer weiteren, erst kürzlich in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America" (PNAS, DOI: 10.1073/pnas.1316052110) veröffentlichten Studie gestützt: In dieser zeigen Ponce de León und Zollikofer mit Kollegen, dass bei den Dmanisi-Hominiden wesentliche Unterschiede der Gesichtsform auf den individuell unterschiedlichen Abnützungsgrad ihrer Gebisse zurückzuführen sind.


Durch die neuen Funde werde ein Perspektivenwechsel angezeigt, so die Forscher abschließend: "Bei den afrikanischen Fossilien aus der Zeit vor etwa 1.8 Millionen Jahren handelt es sich wohl um Vertreter ein und derselben Art, die am besten als "Homo erectus" bezeichnet wird. "Homo erectus" ist demnach vor etwa zwei Millionen Jahren in Afrika entstanden und hat sich bald danach über Eurasien - dort unter anderem auch via Dmanisi - bis nach China und Java ausgebreitet, wo er ab etwa 1.2 Millionen Jahren nachgewiesen ist. Ein Vergleich der Formenvielfalt in Afrika, Eurasien und Ostasien lässt Rückschlüsse auf die Populationsbiologie dieser ersten globalen Menschenart zu."


"Homo erectus" sei also der erste "Global Player" der menschlichen Evolution. Seine Neudefinition biete jetzt Anlass, die Entwicklung dieser fossilen Menschenart über einen Zeitraum von einer Million Jahren zu verfolgen.


- Ein Interview mit Zollikofer zum Fund finden Sie HIER


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Quelle: uzh.ch
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