Donnerstag, 31. Oktober 2013

Menschen können eigene Körperbewegungen auch bei völliger Dunkelheit sehen


Testperson im Dunkelsichtigkeits-Experiment. | Copyright: rochester.edu

Rochester (USA) - Vorab ein kleiner Test: Begeben Sie sich in einem absolut dunklen Raum oder bedecken Sie ihre Augen mit einer gänzlich dichten und Schlafbrille. Nun bewegen sie langsam ihre Hand vor ihrem Gesicht hin und her. Was sehen Sie? Wenn Sie eine schattenartiges Gebilde wahrnehmen, das sich vor Ihnen hin und her beweget, so muss dies keine Einbildung sein. Mit Hilfe von Infrarotkameras und computergestützter Blick- und Bewegungserfassung (eye/motion-tracking) konnten US-Forscher in einer Studie erstmals belegen, dass mindestens 50 Prozent der untersuchten Testpersonen die Bewegung ihrer eigenen Hand auch in völliger Abwesenheit von Licht "sehen" können.

Obwohl das Ergebnis dem derzeitigen Verständnis des Vorgangs des natürlichen menschlichen Sehens widerspricht, ist der Nachweis der Sehfähigkeit in totaler Dunkelheit genau das, was die Forscher um Professor Dr. Duje Tadin von der University of Rochester gemeinsam mit Kollegen von der Vanderbilt University in ihrer aktuell im Fachjournal "Psychological Science" (DOI: 10.1177/0956797613497968) beschreiben.

"Anhand unserer Untersuchungen können wir zeigen, dass unsere eigenen Bewegungen sensorische Signale an unser Hirn weiterleiten können, die auch reale visuelle Wahrnehmungen im Gehirn hervorrufen - selbst dann, wenn jeglicher visuelle Reiz ausgeschlossen werden kann", so Tadin.


www.grenzwissenschaft-aktuell.de
+ + + HIER können Sie unseren täglichen Newsletter bestellen + + +

In insgesamt fünf unterschiedlichen Experimenten mit 129 Testpersonen konnten die Wissenschaftler aufzeigen, dass unser Gehirn offenbar Informationen unterschiedlicher Sinne derart kombiniert, dass daraus ein echter visueller Eindruck entsteht. Damit belegen die Forscher zugleich lange Zeit von Wissenschaftlern belächelte Berichte (etwa von Höhlenforschern), die immer wieder die Fähigkeit beschrieben hatten, im Dunklen zumindest ihre eigenen Hände sehen zu können.

Zugleich belegen die Forscher auch erneut, dass das, was wir normalerweise als Sehwahrnehmung wahrnehmen, nicht nur auf einer Funktion zwischen Augen und Gehirn basiert. Tatsächlich sei die alltägliche Erfahrung und damit einhergehende Vorhersehbarkeit unserer Handbewegungen offenbar derart stark, dass unser Gehirn gelernt hat, zur Vorhersehbarkeit unserer Handbewegungen auch ein sich bewegendes Abbild unserer Hand zu erzeugen, selbst wenn es zu dieser Bewegung keinen visuellen Reiz gibt."

Sind auch Sie dunkelsichtig?

Klicken Sie auf die Bildmitte, um das Video zu starten

Allerdings zeigen die Beobachtungen mit Hilfe des Blickerfassung und eine Analyse der Augenbewegung deutliche Unterschiede zwischen jenen Testpersonen, die in totaler Dunkelheit keine Wahrnehmung haben und jenen, die ihre Hände "sehen".

Zugleich schwankte aber auch die Stärke der wahrgenommenen visuellen Bilder teilweise deutlich. Besonders sogenannte Synästhetiker, Menschen also die zu einem Sinnesreiz zwei oder mehrere Wahrnehmungen besitzen – etwa die Assoziation von Farben angesichts von Zahlen und Buchstaben – scheinen meist intensivere Seheindrücke in absoluter Dunkelheit zu haben. Eine der untersuchten Synästhetiker, die Labortechnikerin Lindsay Bronnenkant, verglich ihren visuellen Eindruck sogar damit, in eine zwar sehr schwache aber doch erkennbare Lichtquelle zu blicken." Sie folgte ihrer Handbewegung mit absolut fließenden Augenbewegungen und einer Übereinstimmung mit der jeweiligen Position ihrer Hand von 95 Prozent. "Mit anderen Worten: Sie konnte ihre Hand in völliger Dunkelheit ebenso gut verfolgen, wie bei hellem Licht."

Für die Forscher legt die Verbindung zwischen Synästhesie und der Dunkelsichtigkeit eine neurale Verbindung zwischen den Sinnen nahe. "Wir wissen, dass sensorische Querverbindungen dem Phänomen der Synästhesie zugrunde liegen. Aber das Farbensehen angesichts von Zahlen ist möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs", kommentiert der Mitautor der Studie David Knill. "Synästhesie könnte viele Formen atypischer Verarbeitungsprozesse im Gehirn betreffen."

Auf die Frage, ob nun die meisten Menschen dafür programmiert seien, sich selbst in der Dunkelheit sehen zu können, antwortet Tadin jedoch zurückhaltend: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich um eine auf Erfahrung gründete Fähigkeit handelt, die nicht angeboren ist. (...) Unser Gehirn ist erstaunlich gut darin, derart verlässliche Muster zu finden. Es ist schließlich genau dazu da, um Muster zu finden - visuelle Muster, auditive, Gedankenmuster und Bewegungsmuster. Die Bewegung unserer Hand ist eine derart vorhersehbare und logische Bewegung bzw. Handlung, dass unser Gehirn diese Erfahrung ausnutzt."

Ob nun angeboren oder erlernt, Lindsay Bronnenkant betrachtet die Querverbindung zwischen ihren Sinnen als starke Erinnerung über die unterliegenden Querverbindungen in der Natur: "Es hat fast schon etwas Spirituelles. Manchmal denke ich bei mir, dass es sich lediglich um meine (synästhetische) Wahrnehmung angesichts eines Objekts – etwa einer Billardkugel – handelt. Dann aber denke ich, dass die Fähigkeit zu diesen Querverbindungen der Sinne tatsächlich die unterliegenden Verbindungen unser gesamte Welt widerspiegelt. Wir betrachten Mathematik, Chemie und Kunst als unterschiedliche Gebiete. In Wirklichkeit sind sie jedoch nur unterschiedliche Facetten ein und derselben Welt. Es sind nur unterschiedliche Wege dessen, wie wir unsere Welt durch unterschiedliche Linsen betrachten."


WEITERE MELDUNGEN ZUM THEMA
Licht aktiviert das Gehirn selbst bei vollständig blinden Menschen
29. Oktober 2013

grenzwissenschaft-aktuell.de
Quelle: rochester.edu
Copyright: grenzwissenschaft-aktuell.de
(falls nicht anders angegeben)


Für die Inhalte externer Links übernehmen wir keine Verantwortung oder Haftung.


WEITERE MELDUNGEN finden Sie auf unserer STARTSEITE