Samstag, 5. Oktober 2013

Mona Lisa ist das wohl erste 3D-Bild der Geschichte


Leonardo da Vincis Mona Lisa im Pariser Louvre (l.) bildet gemeinsam mit der Mona Lisa im Prado in Madrid (r.) die wohl erste stereoskopische Darstellung. (HINWEIS: Durch einen GreWi-Leser wurden wir darauf hingewiesen, wer die "cross eye"-Technik beherrscht (wie bei "Magic Eye"), sogar direkt mit den beiden obigen Bildern einen leichten 3D Effekt herstellen kann.) | Copyright: Public Domain

Bamberg (Deutschland) - Das wohl bekannteste Gemälde des Universalgenies Leonardo da Vinci, die Mona Lisa, fasziniert die Betrachter seit Jahrhunderten. Jetzt fügen Wahrnehmungsforscher der Universitäten Bamberg und Mainz dem Mythos um das geheimnisvollste Lächeln der Kunstgeschichte ein weiteres Faszinosum hinzu: Bei der Rekonstruktion des Entstehungsprozesses stellte sich heraus, dass das weltberühmte Ölgemälde Teil der ältesten 3D-Komposition der Welt ist. Leonardo, so spekulieren die Forscher weiter, könnte dieses Effekt sogar absichtlich herbeigeführt haben.

Wie Claus-Christian Carbon und Vera Hesslinger aktuell im Fachjournal "Perception" (DOI: 10.1068/p7524) berichten, wurde 2012 im Prado Museum in Madrid eine sensationelle Entdeckung gemacht: "Nachdem Restauratoren schwarze Übermalungen vom Hintergrund einer bis dato als unbedeutend betrachteten Kopie von Leonardo da Vincis Mona Lisa entfernt hatten, erkannte man eine verblüffend hohe Ähnlichkeit zum Original. Beide Gemälde zeigen dieselbe junge Frau vor derselben bergigen Landschaft."

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Die beiden Wahrnehmungsforscher konnten nun nachweisen, dass die beiden Gemälde zwar sehr ähnlich sind, allerdings aus zwei leicht unterschiedlichen Blickwinkeln gemalt wurden. Anhand der Bilder lassen sich die Malperspektiven von da Vinci und dem zweiten Künstler, womöglich einem Leonardo-Schüler, rekonstruieren und damit auch deren räumliche Positionierung zum Modell in Leonardos Atelier.



Rekonstruktion der Konstellation der beiden Künstler (1st = Maler der Louvre-Version; 2nd = Maler der Prado-Version) in Bezug auf das Modell (ML = Mona Lisa) im Atelier von Leonardo da Vinci um das Jahr 1503. | Copyright/Quelle: Carbon u. Hesslinger, aus "Da Vinci’s Mona Lisa entering the next dimension". Perception, 42(8)

Zudem zeigen Carbon und Hesslinger, dass beide Perspektiven in Kombination rechnerisch dem menschlichen stereoskopischen Sehen entspricht, das die räumliche Wahrnehmung (3D) überhaupt erst ermöglicht, indem das Gehirn die horizontal leicht versetzten visuellen Signale beider Augen verrechnet. Nach dem gleichen grundlegenden Prinzip arbeitet die 3D-Technik für Film- und Fernsehen noch heute.


In nächsten Schritten, gelang es den Forschern sogar, die abgebildete Person teilweise dreidimensional rekonstruieren (s. Abb). "Die starke räumliche Wirkung kann am besten im unteren Teil der Kombination beider Gemälde wahrgenommen werden. Genau dort spiegelt die perspektivische Verschiebung der beiden Einzelbilder auch am besten den horizontalen Unterschied zwischen linkem und rechtem Auge wider, wie eine Analyse einzelner Bildpunkte ergab."



Dreidimensionale Darstellung von Mona Lisas Kopf und Händen.
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Copyright/Quelle: Carbon u. HesslingerBild aus "Da Vinci’s Mona Lisa entering the next dimension". Perception, 42(8)

 
GreWi-Leser Martin B. machte uns darauf aufmerksam, dass die beiden Bilder einander direkt gegenüberstellt auch schon mit der "cross eye"-Technik (wie bei "Magic Eye"), sogar einen 3D Effekt herstellen. Besodners eindrucksvoll gelingt dies auch mit den beiden Gesichtern. Versuchen Sie es selbst... | Copyright/Quelle: Carbon u. HesslingerBild aus "Da Vinci’s Mona Lisa entering the next dimension". Perception, 42(8)
 
Bisher ging man davon aus, dass stereoskopische Darstellungen nicht vor Mitte des 19. Jahrhunderts realisiert wurden. Auf der Basis von Forschungsergebnissen über räumliches Sehen schuf damals der Brite Charles Wheatstone erste Stereogramme aus gepaarten Fotografien. Diplompsychologin Vera Hesslinger, Doktorandin an der Universität Mainz, erklärt dazu: "Es ist wirklich erstaunlich, wie perfekt die beiden Versionen aufeinander abgestimmt sind. Auffällig ist, dass die beiden Gemälde bei dieser hohen Übereinstimmung dennoch einen kleinen, aber systematischen Unterschied aufweisen, nämlich eine Abweichung in der Perspektive - das ist einzigartig, vor allem in dieser extrem hohen Detailqualität, wie sie eigentlich erst über 300 Jahre später die Erfindung der Fotografie ermöglichte."





Claus-Christian Carbon, Wahrnehmungspsychologe an der Universität Bamberg, resümiert: "Wir können zeigen, dass dieses Renaissance-Bilderpaar stereoskopische, also dreidimensionale, Qualitäten besitzt. Ob Leonardo die Mona Lisa als Stereobild geplant hat, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Berücksichtigt man seine tiefe Beschäftigung mit den optischen Gesetzen und der menschlichen Wahrnehmung, ist es allerdings auch nicht auszuschließen."


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