Montag, 14. Oktober 2013

Wie gewöhnlich ist außergewöhnlich? Tagungsbericht "Klinische Parapsychologie - eine kritische Bestandsaufnahme"


Symbolbild: Psychiotherapeutische Sitzung. | Copyright: Jty33, CC-BY-SA-3.0 - via Wikimedia Commons

Freiburg (Deutschland) - Der Begriff "Klinische Parapsychologie", zunächst vielleicht eigentümlich anmutend, wurde im Jahr 1990 geprägt und bezeichnet einen Ansatz, der die Ergebnisse der parapsychologischen Forschung in die psychologische bzw. psychiatrische Praxis und Beratung zu integrieren versucht. Wie Bevölkerungsumfragen zeigen, sind außergewöhnliche Erfahrungen (AgE) zwar weit verbreitet, doch wird über sie nur im geschützten Rahmen gesprochen. Zu groß ist die Angst davor, für verrückt gehalten zu werden. Da diese Erlebnisse nur schwer in ein naturwissenschaftlich-rationales Weltbild zu integrieren sind, können sie durchaus zu Irritationen des Betroffenen sowie zu psychischen und alltagsweltlichen Belastungen führen. Wenn Menschen mit AgE Beratungsangebote aufsuchen, begegnen ihnen jedoch häufig Misstrauen und unangemessene Deutungen; das "Klinische" scheint mit dem "Außergewöhnlichen" noch unvereinbar. Deshalb sind die Schulung von Experten und die Sensibilisierung von Beratungskräften essentiell, wie sie beispielsweise in Fortbildungsveranstaltungen des Beratungsteams des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) angeboten werden.

- Bei diesem Text handelt es sich um einen Gastbeitrag von Corinne Dialer

Erstveröffentlicht wurde dieser in der aktuellen "Zeitschrift für Anomalistik", Band 13 (2013), S. 182-186

Da die "Klinische Parapsychologie" inzwischen auch über die engeren Grenzen der Parapsychologie hinaus Beachtung findet - siehe grundsätzlich dazu Belz (2009), Kramer, Bauer & Hövelmann (2012) und Simmonds-Moore (2012) -, widmete die Gesellschaft für Anomalistik e.V. diesem Themenkomplex eine eigene Tagung, die am 26. und 27. April 2013 in den Räumen des IGPP in Freiburg stattfand. Eine kritische Bestandsaufnahme war ihr Ziel, Modelle, Konzepte sollten diskutiert, Theorie und Praxis verknüpft werden. Drei prägnante Impulsvorträge regten zu einer Podiumsdiskussion mit Experten aus der Ethnologie, Ethnopsychotherapie, der transpersonalen Psychologie sowie der philosophischen Beratung an, die über interkulturelle Aspekte des therapeutischen Umgangs mit außergewöhnlichen Erfahrungen sprachen. Im Folgenden sollen die einzelnen Tagungsbeiträge kurz vorgestellt werden.

Dipl.-Psych. Eberhard Bauer, Leiter der Beratungsstelle des (IGPP), führte das interessierte Publikum in die Thematik ein und bettete diese in einen historischen Rahmen. Beginnend mit der Institutsgründung durch Prof. Hans Bender (1907-1991), dem Hauptvertreter der deutschen Parapsychologie in der Nachkriegszeit, spannte er den Bogen über Fanny Moser und Johannes Mischo bis zum gegenwärtigen, sechsköpfigen Beratungsteam. Die statistischen Übersichten zur ratsuchenden Klientel und die Ideologie der Beratungsstelle reicherte Herr Bauer mit zahlreichen Literaturhinweisen und Fallbeispielen an.


Womöglich dem genius loci geschuldet, befindet sich die einzige weitere "Parapsychologische Beratungsstelle" in Deutschland ebenfalls in Freiburg. Die breitgefächerten Erfahrungen ihrer Beratungstätigkeit wurden abwechselnd von Dipl.-Psych. Franziska Wald und Leiter Dr. Dr. Walter von Lucadou vorgestellt. Neben der Darstellung der Telefonberatung wurde am Beispiel des Spuks, veranschaulicht durch einen Film über einen Spukfall in Köln, ein Deutungsmodell erörtert. Wissenschaftliche Kontroversen würden Herrn von Lucadou zufolge gerne in Kauf genommen, solange das wichtigste Ziel, den Betroffenen zu helfen, erreicht werde. Nach Vortragsende entspannte sich eine angeregte Diskussion, die wegen der Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Anomalistik teilweise am nächsten Tag fortgesetzt werden musste.


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Am Samstag hielt der Frankfurter Psychiater Dr. Wolfgang Hasselbeck, der über die Relevanz von parapsychologischen Beratungsansätzen für die sozialpsychiatrische Alltagspraxis sprach, einen kurzweiligen Auftaktvortrag. Kritisch beleuchtete er den Spagat, den man zwischen den Anforderungen eines Sozialpsychiaters, der seine Reputation zu verteidigen habe, und der Klientel, deren Erfahrungen man ernst nehmen müsse, täglich zu vollbringen habe. Besondere Vorsicht und Gespür sei bei dieser Gratwanderung vonnöten, da unterschiedliche Weltbilder und Wirklichkeitskonstruktionen aufeinander prallten und man versuchen müsse, jeder Seite gerecht zu werden. Sich selbst bezeichnete er als "schwachen Konstruktivisten", weshalb er derartige außergewöhnliche Erfahrungen in sein Weltbild integrieren könne.


Im Anschluss daran zeigte Dipl.-Psych. Wolfgang Fach zur Einstimmung seines Vortrages einen Film über einen Spukfall in einer Metzgerei. Danach präsentierte der Vortragende ein Dokumentationssystem des IGPP-Beratungsteams sowie ein zweiachsiges Klassifikationsmodell für Außergewöhnliche Erfahrungen. Auf der einen Achse stellte er Koinzidenzphänomene (z.B. Fügungen) und Dissoziative Phänomene (z.B. Außerkörperliche Erfahrung, Paralyse) gegenüber, auf der anderen Achse internale Phänomene (z.B. Stimmen) versus externale Phänomene (z.B. Erscheinungen).


Dr. phil. Eckart Ruschmann stellte am Nachmittag kurz und prägnant ontologische Hintergrundannahmen beim Umgang mit außergewöhnlichen Erfahrungen vor. Dr. Niko Kohls fragte im Anschluss nach dem Transformations- und Wachstumspotenzial im Sinne der positiven Psychologie, was er mit wissenschaftshistorischen Beispielen veranschaulichte.


Prof. Dr. Bräunlein betrachtete die Parapsychologie aus ethnologischer Perspektive, wobei er seinen Argumentationsstrang mit kunsthistorischen und indigenen Beispielen unterstützte. Alle Impulsvorträge warfen wichtige Fragen und Gedanken auf, welche die richtige "Betriebstemperatur" für die Podiumsteilnehmer bereitete.


Nach der Vorstellung der Teilnehmer Dipl. Psych. Bauer, Prof. Dr. Bräunlein, Dr. med. Koch, Dr. phil. Kohls sowie Dr. phil. Ruschmann eröffnete Moderator Prof. Dr. Stefan Schmidt die Podiumsdiskussion. Herr Koch, psychiatrischer Experte für Migrationsfragen, verglich die Situation von Menschen mit außergewöhnlichen Erfahrungen mit der von Migranten: Zunächst herrsche eine Fremdheit in der Beziehung zwischen Therapeuten und Ratsuchenden. Deshalb müsse eine wechselseitige Annäherung stattfinden, was einer höheren Bereitschaft und Offenheit bedürfe. Therapeutischer Fortschritt sei nur möglich, wenn man davon absehe, den Betreffenden eigene Meinungen überstülpen zu wollen. So sei es doch beispielsweise erstaunlich, dass Schizophrenie bei Migranten häufiger diagnostiziert werde.


Herr Bräunlein forderte als Ethnologe eine Offenheit für die indigene Perspektive, da er es als sein Berufsethos ansehe, den "native point of view" zu stärken. Andere Kulturen hätten deutlich weniger Probleme mit Geistern, die Faszination am Irrationalen nehme zu. Man müsse stets den Zeitgeist mit im Blick haben, da es immer Konjunkturen - am Beispiel von Lehrbüchern verdeutlicht - gäbe. Außerdem sprach er von einer "Weltbildbastelei", da jeder sich seine eigene Weltanschauung aus verschiedensten Quellen (Film, Fernsehen, Zeitung etc.) zusammensuche. Deshalb sei es auch für eine Beratung unerlässlich, medial interessiert zu sein und die "Leute dort abzuholen, wo sie sind". Nur so könne man Prägung und Ideengeschichte nachvollziehen.


Auf die Frage, was Herrn Bauer antreibe, seine Energie parapsychologischen Fragen zuzuwenden, antwortete er verschmitzt: "Eine tiefe Lust an Anarchie". Die Parapsychologie sei ein Nadelstich für die Wissenschaften, und es fasziniere ihn außerdem, wie Menschen AgE in ihre Denkmodelle einordneten. Er fügte hinzu, dass die Parapsychological Association (PA) schon lange versuche, eine transkulturelle Parapsychologie zu entwickeln. Ein größeres Bewusstsein für AgE sei unter anderem auch durch Fortbildungsveranstaltungen, wie sie durch das Beratungsteam des IGPP angeboten werden, zu erzielen. Die Anregungen und Impulse aus diesen Seminaren für Psychotherapeuten bereicherten auch die eigene Beratertätigkeit; der Austausch sei sehr fruchtbar.


Herr Ruschmann argumentierte, dass der Berater keine zugrunde liegende Theorie benötige. Es sei sehr schwierig, bestehende Konzepte zu ändern, jedoch ungleich leichter, Erfahrungen zu ändern. Offenheit gegenüber anderen Theorien sei das non plus ultra. An das IGPP richtete er die Mahnung, die Konzepte nicht zu eng ziehen, sondern eine offene metatheoretische Haltung zu bewahren. Außerdem fügte er hinzu, dass nach Umfragewerten die Spiritualität der Menschen und somit deren Sinnsuche zunehme. Leider seien aber "partielle Dummheit und quantitatives Wissen in den Wissenschaften" vorherrschend.


Herr Kohls kritisierte, dass außergewöhnliche Erfahrungen pathologisiert worden seien, wodurch deren inhärentes Potential für Entwicklung übersehen worden wäre. Man solle sich nicht nur auf die Schattenseite konzentrieren, sondern auch die positive Seite sehen: Jeder Spuk habe auch eine Funktion. Im Beispiel des Metzgerei-Falles wäre ein Achtsamkeitstraining wohl sehr erfolgreich gewesen, der Spuk wäre sogleich verschwunden. Generell vermutet Herr Kohls bei Poltergeistbetroffenen geringe Achtsamkeitswerte.


Abschließend fasste Herr Schmidt die Grundideen nochmals zusammen und fragte - die Diskussion für das Publikum öffnend - ob es nicht mit einer Angst vor dem Untergang des Abendlandes einhergehe, dass AgEs mit solchem Argwohn beäugt würden. Wenn Spuk und Irrationales zugelassen würden, wachse womöglich die Angst, wieder vor die Aufklärung zurückzufallen. Wie könne man dem begegnen und gesellschaftlich wirksam werden?


Ein weiteres Problem wurde aus dem Publikum formuliert: die weitgehende Manualisierung und das stringente Vorgehen nach Behandlungskonzepten sehe derartig paranormale Erfahrungen nicht vor, weshalb diese so angstbesetzt seien. Herr Koch ergänzte, dass die Selbstreflexion in der Ausbildung angehender Psychotherapeuten nicht mehr gefördert werde. Abschließend kam aus dem Publikum die Anregung, die bisherige Zusammensetzung des parapsychologischen Beratungsteams aus Psychologen zu diskutieren und mit neuen Konzepten ein multidisziplinäres Team (z.B. mit Künstlern, Soziologen etc.) einzusetzen.


Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Tagung durch ihre Multidisziplinarität eine breite Herangehensweise an das Thema "Klinische Parapsychologie" ermöglichte. Besonders der Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis war wohl gelungen, da sowohl die parapsychologischen Beratungsteams ihre Erfahrungen aus dem Beratungsalltag in übergeordnete Modelle einordneten, also auch theoretische Vorträge an veranschaulichenden Beispielen nicht sparten. Dies trug zu einer Lebendigkeit der Tagung bei, die jedoch stets einem hohen wissenschaftlichen Standard verpflichtet blieb. Für einen kompletten Neuling auf dem Gebiet der klinischen Parapsychologie war es außerdem interessant, die unterschiedlichen Positionen auf diesem Gebiet kennenzulernen und zu sehen, wie wertschätzend auch kontroverse Themen ausdiskutiert wurden. Besonders die echte Anteilnahme und die Sorge um die Betroffenen, die Schwierigkeiten mit ihren außergewöhnlichen Erfahrungen haben, zogen sich durch die Vorträge hindurch. Meine anfänglichen Bedenken, dass AgE pathologisiert und somit "wegerklärt" werden würden, hat sich nicht bestätigt. Diese anregende Tagung hat gezeigt, wie wichtig klinische Fundierung im Zusammenhang mit AgE ist und wie konstruktiv die behandelten Problematiken angegangen werden können.


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Corinne Dialer, M.A., B.Sc., studierte Kunstgeschichte, Kunstpädagogik und Jura in München. Derzeit schreibt sie ihre Masterarbeit in Psychologie über Nahtoderfahrungen. An der Tagung "Klinische Parapsychologie" nahm sie im Rahmen eines Praktikums am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene teil.

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Neue Fachpublikation über den Umgang mit Zeugen paranormaler Erfahrungen im klinisch-medizinischen Bereich 2. Februar 2013

Quelle: igpp.de, anomalistik.de
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