Freitag, 22. November 2013

Buchneuerscheinung: "Konspiration. Soziologie des Verschwörungsdenkens"

John F. Kennedy. | Copyright: Public Domain

Freiburg (Deutschland) - Übereinstimmend mit dem 50. Jahrestag des Attentats auf John F. Kennedy erscheint der Sammelband "Konspiration. Soziologie des Verschwörungsdenkens". Die Frage nach dem oder gar den Mördern des 35. US-Präsidenten ist Quelle einer der größten Verschwörungstheorien des 20. Jahrhunderts. Doch auch um die Fragen, ob etwa der AIDS-Erreger ein künstlich erzeugtes Virus ist, die US-amerikanische Regierung eine abgestürztes UFO verborgen hält, was wirklich am 11. September geschah und welche staatlichen Stellen wen und zu welchen Zwecken abhören, ranken sich einige der populärsten Verschwörungstheorien der letzten Jahrzehnte und sind Gegenstand der Diskussionen in diesem Band.

"Diese Theorien erlangen in der Bevölkerung bisweilen eine große Popularität, in den Wissenschaften haben sie jedoch einen eher schlechten Ruf - und den Leitmedien gelten sie als Ausdruck überzogenen politischen Misstrauens oder gar kollektiver Paranoia der Staatsbürger", erläutern die Autoren und Soziologen Andreas Anton, Michael Schetsche und Michael K. Walter zu dem von ihnen  herausgegebene Sammelband. Dieser ist darum bemüht zu erklären, "wie diese unterschiedlichen Bewertungen zustande kommen und woraus der anhaltende Erfolg von Verschwörungsdenken in der Öffentlichkeit resultiert."


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Mittels empirischer Fallstudien, medienwissenschaftlicher Rekonstruktionen und theoretischer Reflexionen wagt der Band den Versuch einer soziologischen Ehrenrettung des konspirologischen Gegenwartsdenkens: "Verschwörungstheorien rekurrieren vielfach auf reale historische Erfahrungen mit unredlichem Handeln wirtschaftlicher, politischer und staatlicher Akteure. Sie bieten alternative Deutungen, wo offizielle Erklärungen für gesellschaftliche Ereignisse, Entscheidungen und Prozesse - vermeintlich oder tatsächlich - versagen. Dabei stellen sie nicht nur die Deutungshoheit amtlicher Verlautbarungen, sondern oftmals auch das Meinungsmonopol der Massenmedien in Frage. Im Verbund mit den durch die neuen Medien eröffneten Partizipationschancen der Bevölkerung am Meinungsbildungsprozess fördern sie damit letztlich die Pluralisierung gesellschaftspolitischen Denkens."


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Basierend auf diesem Verständnis sprechen sich die Autoren denn auch gegen eine pauschale Abwertung des Verschwörungsdenkens und insbesondere die damit vielfach einhergehende "Pathologisierung" der Protagonisten solcher Deutungen aus. Namentlich die bis heute die öffentliche und auch die wissenschaftliche Debatte dominierende, vorsätzlich diskreditierende These 'kognitiver Defizite' bei den Anhängern von Verschwörungstheorien  wird dem modernen Verschwörungsdenken weder wissenschaftlich noch gesellschaftspolitisch gerecht. Vielmehr - so das Fazit des Bandes - sind es vier Faktoren, die das heutige Verschwörungsdenken maßgeblich beeinflussen:

1. Das kulturell weitgehend anerkannte Wissen darüber, dass ganz reale politische, militärische oder wirtschaftliche Verschwörungen immer wieder den Gang unserer Geschichte beeinflusst haben.

2. Das - wie nicht zuletzt die aktuellen Abhöraffären zeigen - durchaus begründete Misstrauen von Teilen der Bevölkerung gegenüber Rechtschaffenheit und demokratischer Einstellung politischer, wirtschaftlicher und militärischer Machteliten.

3. Der Wunsch nach plausiblen Erklärungen für unerwartete Ereignisse in der Gesellschaftlich - insbesondere wenn die in regierungsamtlichen Erklärungen und in den Leitmedien angebotenen Deutungen wenig plausibel oder unvollständig erscheinen.

4. Die Möglichkeit via Internet gesellschaftspolitisch abweichend Überzeugungen sehr schnell und weitgehend unkontrolliert verbreiten zu können, was die kulturelle Sichtbarkeit auch solcher Ideen sicherstellt, die in traditionellen Massenmedien nicht zum Zug kommen."
Im Umgang mit Verschwörungstheorien empfehlen die Autoren eine im doppelten Sinne unvoreingenommene Prüfung - nicht nur hinsichtlich der Tragfähigkeit ihrer jeweiligen Argumente, sondern eben auch in Hinblick auf das emanzipatorische Potenzial der betreffenden Thesen. In wissenschaftlicher Hinsicht gehe es in dem Band in erster Linie darum, ein alternatives Modell zum Verständnis des Verschwörungsdenkens in unserer Gegenwartsgesellschaft vorzulegen. Das vorgeschlagene Konzept verzichtet, nicht nur auf problematische Vorannahmen und vorwissenschaftliche Bewertungen, sondern ermöglicht es auch, das viel gescholtene und ebenso oft missverstandene "Verschwörungsdenken" unserer Kultur als legitimen Untersuchungsgegenstand der empirischer Sozialforschung sichtbar zu machen.




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