Donnerstag, 21. November 2013

Überraschende Genom-Analyse: Indianer stammen zum Teil aus Sibirien

 
MA-1: Die Überreste eines vor 24.000 Jahren verstorbenen Jungen. | Copyright: Museum Erimitage

Kopenhagen (Dänemark) - Die Ergebnisse einer DNA-Analyse des 24.000 Jahre alten Skeletts eines Jungen könnte die archäologische Welt auf den Kopf stellen, zeigen diese doch, dass fast 30 Prozent der Vorfahren der modernen Ureinwohner Nordamerikas aus dem Genpool des sibirischen Jungen stammen. Zugleich ermöglicht die Entdeckung auch eine Erklärung einiger bislang rätselhafter archäologischer Funde in Nordamerika.

Wie das internationale Team um Professor Eske Willerslev vom Centre for GeoGenetics am Naturkundemuseum der Universität Kopenhagen aktuell im Fachjournal "Nature" (DOI: 10.1038/nature12736) berichtet, habe die Entdeckung "große Auswirkungen auf unser Verständnis über der Herkunft der nordamerikanischen Ureinwohner".

2009 in süd-zentralsibirischen Ausgrabungsstätte Mal'ta in der Nähe des Baikalsees von russischen Forschern entdeckt, wurden die Skelettüberreste des Jungen (MA-1) zunächst auf ein Alter von rund 24.000 Jahren datiert.

Die jetzt vorliegende Genom-Analyse des "Kindes von Mal'ta" stellt somit zugleich das älteste bislang sequenzierte Genom eines anatomisch modernen Menschen dar. "Interessanterweise gibt es kaum genetische Ähnlichkeiten zur modernen Population jener Region (dem südlichen Sibirien), in der das Skelett gefunden wurde", stellen die Forscher fest. "Statt dessen legen sowohl die die Kern-Genome als auch die von der Mutter vererbte mitochondriale DNA (mDNA) nahe, dass 'MA-1' mit den modernen westlichen Eurasiern verwandt war. (...) Dieser Umstand zeichnet denn zugleich auch ein neues Bild von Eurasien vor 24.000 Jahren, das sich vom heutigen Kontext stark unterscheidet."


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Die jedoch noch bedeutendere Schlussfolgerung aus der genetischen Analyse belegt die Verwandtschaft des Jungen mit den modernen nordamerikanischen Ureinwohnern. Diese Verwandtschaft beschränkt sich jedoch auf die heutigen westlichen Eurasier und erstaunlicherweise nicht auf das östliche Asien. Bislang waren Archäologen und Anthropologen davon ausgegangen, dass die Vorfahren der "Indianer" aus dem östlichen Asien nach Nordamerika eingewandert waren.

Hinzu fanden die Wissenschaftler Beweise dafür, dass die genetische Ähnlichkeit zwischen MA-1 und den "Amerindianern" auf einen Genfluss zurückgeführt werden kann, der 14-38% der Vorfahren der modernen nordamerikanischen Ureinwohner als von eurasischer Herkunft ausweist. Der Rest stammt, wie bislang angenommen aus Ostasien.



Skelett und Beifunde des Kindes von Mal'ta.
| Copyright: Kelly E. Graf

Nachdem es den Forschern gelungen war, Kontamination moderner DNA-Quellen aus der Zeit nach 1492 als Grund für die erstaunliche Entdeckung auszuschließen, schlussfolgern die Wissenschaftler nun, dass es offenbar zwei Populationen aus der Alten Welt waren, die die Grundlage des Genpools der "First Americans" bildeten. Ein Teil ist mit den modernen Ostasiaten verwandt, der andere Teil geht auf eine
steinzeitliche Population moderner West-Eurasier aus Sibirien zurück.

"Das Ergebnis war für uns eine totale Überraschung", kommentiert Willerslev. "Wer hätte gedacht, dass die heutigen Indianer, von denen wir bislang immer beigebracht bekamen, dass sie aus Ostasien stammen, auch mit den modernen westlichen Eurasiern verwandt sind?"

Des Weiteren konnten die Forscher anhand einer zweiten Analyse von Funden aus der ebenfalls in Südsibirien gelegenen Fundstelle Afontova Gora-2 Rückschlüsse auf die menschliche Besiedlung der Region während und nach dem Letzten Glazialen Maximum (LGM; vor ca. 26.000 bis 19.000 Jahren) und damit einem Eiszeitalter ziehen, in dem die Gletscherdecken ihre maximale Ausbreitung erreicht hatten.

Hier zeigte sich, dass die Menschen vor rund 17.000 Jahren, also nach dem LGM, eine ähnliche Gensignatur wie MA-1 und damit eine Ähnlichkeit zu modernen Westeurasiern und eben mit den nordamerikanischen Indianern, aber nicht mit dem heute in dieser Region ansässigen ostasiatischen Menschentypus hatten. Dieses Ergebnis legt nahe, dass durch die strengen Eiszeiten hinweg im südlichen Zentralsibirien eine genetische Kontinuität bestand. Auch diese Erkenntnis sei für die heutigen Menschen an der Beringsee und möglicherweise auch im Amerika vor rund 15.000 Jahren von Bedeutung.

"Die meisten Wissenschaftler haben gingen bislang davon aus, dass die Abstammungslinie der Indianer etwa 14.500 Jahre zurückreicht, also die ersten Menschen über die Beringstraße in die Neue Welt kamen", kommentiert Dr. Pontus Skoglund von der Universität Uppsala. "unsere Ergebnisse liefern nun direkte Beweise dafür, dass einige Vorfahren der nordamerikanischen Ureinwohner schon mindestens 10.000 Jahre zuvor und damit noch vor der letzten Eiszeit in Sibirien lebten." Laut Professor Kelly Graf vom Center for the Study of the First Americans an der Texas A&M University könnte die Besiedlung Amerikas also auch deutlich früher, vielleicht sogar schon vor 24.000 Jahren begonnen haben. Eindeutig datieren lasse sich diese Frage jedoch zumindest anhand der aktuelle Studie jedoch nicht.

"Die Ergebnisse", so fügt Graf abschließend hinzu, "sind besonders aus zweierlei Gründen von Bedeutung: Zum einen zeigen sie, dass die Menschen im jungsteinzeitlichen Sibirien aus einer geradezu kosmopolitischen Population früher moderner Menschen bestanden, die sich aus Afrika über Europa bis nach Zentral- und Südasien ausgebreitet hatten. Zum zweiten können nun Skelettfunde mit für Indianer eigentlich untypischen phenogenetischen Eigenschaften nun dadurch erklärt werden, dass es eine direkte historische Verbindung zum jungsteinzeitlichen Sibirien gibt. Somit stellt unsere Studie einen gewaltigen Fortschritt in der Klärung der Frage nach der Herkunft der amerikanischen Ureinwohner dar."

Mit dem Verweis bezieht sich der Wissenschaftler unter anderem direkt den 1996 am Ufer des Columbia Rivers im US-Bundesstaat Washington gefundenen sogenannten sogenannten Kennewick-Manne (s.Abb.l.), dessen Rekonstruktion für Verwunderung unter den Archäologen sorgte, da seine Züge, ebenso wie die eines 10.600 Jahre alten Fundes aus Nevada, doch viel eher dem kaukasischen als dem indianischen Typus gleichen. Wenn also zumindest einige der ersten über die Beringstraße eingewanderten Menschen nicht fernöstlich, sondern eher europäischen Typs waren, könnten das die Funde erklären.

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Quellen: ku.dk, uu.se, tamu.edu
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