Montag, 9. Dezember 2013

GreWi-Interview: Prof. Dr. Ulrich Ettinger zur Studie zu übersinnlichen Erfahrungen an der Universität Bonn


Symbolbild: PSI (Illu.) | Copyright: grewi.de

Bonn (Deutschland) - Derzeit suchen Psychologen der Universität Bonn Probanden für eine Studie, die die Denkprozesse von Menschen mit übersinnlichen Erfahrungen untersuchen soll (...wir berichteten). Über die Ziele und Hintergründe der Studie, hat "grenzwissenschaft-aktuell.de"-Herausgeber Andreas Müller den Leiter der Studie, Prof. Dr. Ulrich Ettinger, befragt.

GreWi: Sehr geehrter Herr Dr. Ettinger, ist es richtig, dass es in Ihrer Studie nicht um die Erforschung dieser "übersinnlichen Erfahrungen" selbst, also nicht um den Nachweis oder der Gegenbeweis derartiger Phänomene geht?

Dr. Ulrich Ettinger: Ganz genau. Vielmehr soll untersucht werden, wie sich diese Erfahrungen auf das Denken besagter Personen im Vergleich zu Personen ohne entsprechende Erfahrungen auswirken.


GreWi: Werden hierzu auch andere Gruppen von Personen mit vermeintlich speziellen Denkvorgängen, etwa religiös Gläubige, Atheisten oder etwa Musiker/Künstler etc. in der Studie untersucht?


Dr. Ulrich Ettinger: Es dürfen prinzipiell Interessierte aller genannten (und anderer) Gruppen teilnehmen, wir suchen aber nicht spezifisch nach religiösen oder künstlerischen Menschen.


Prof. Dr. Ulrich Ettinger | Copyright/Quelle: psychologie.uni-bonn.de

GreWi: Gibt es eine der Studie zugrunde liegende Arbeitshypothese?


Dr. Ulrich Ettinger: Unsere Hypothese ist, dass Menschen mit "ungewöhnlichen" Erfahrungen einerseits perzeptuelle Veränderungen aufweisen, die z.B. ihre visuelle Verarbeitung beeinflussen. Damit sind Veränderungen in der Wahrnehmung gemeint. Das kann bedeuten, im Dunkeln gelegentlich helle Punkte zu sehen, oder im Spiegel das eigene Gesicht als verändert wahrzunehmen, oder von einem Gedanken aufgeschreckt zu werden, der so laut ist, dass man ihn (fast) als Stimme gehört hat. Andererseits aber in manchen logischen Denkaufgaben besser abschneiden als Menschen ohne solcher Erfahrungen.


GreWi: Worauf beruht diese Vermutung?


Dr. Ulrich Ettinger: Es gibt eine Vorstudie, die besseres logisches Schließen bei Patienten mit einer Diagnose von Schizophrenie zeigt. Bei Schizophrenie ist das, was wir im nicht-klinischen Spektrum "ungewöhnliche Erfahrungen und Wahrnehmungen" nennen, sehr stark ausgeprägt und kann u.a. in Halluzinationen resultieren.


Wir möchten jetzt herausfinden, ob solche Erfahrungen und Wahrnehmungen auch bei Menschen ohne einer psychiatrischen Diagnose mit besseren logischen Denken einhergehen.


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GreWi: Vor dem Hintergrund, dass viele Personen mit derartigen Erlebnissen, in der Öffentlichkeit und Gesellschaft oft auf Unverständnis, Ablehnung und sogar Spott stoßen, könnte die Studienbeschreibung vielleicht den Eindruck erwecken, dass man sozusagen nach einer psychologischen/psychischen Ursache oder gar Störung und Anomalie bei jenen Personen sucht, die von sich berichten, derartige Erfahrungen gemacht zu haben und zu machen. Vor diesem Hintergrund scheinen einige Personen, die entsprechendes für sich bejahen, Abstand von einer Teilnahme an der Studie zu nehmen. Können Sie diese Bedenken möglicherweise entkräften?


Dr. Ulrich Ettinger: Wir betrachten solche (im Sinne der statistischen Häufigkeit) "ungewöhnlichen" Erfahrungen nicht primär als Störung - ganz im Gegenteil, wir erwarten, dass solche Menschen in manchen Aspekten der Kognition sogar besser abschneiden als andere. In anderen Aspekten, z.B. bestimmten Funktionen der visuellen Wahrnehmung, sind sie aber möglicherweise schlechter.


GreWi: Vielleicht haben Sie die Kontroverse um grenzwissenschaftliche Studien am "Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG)" an der Europa-Universität Viadrina verfolgt, in der den beteiligten Wissenschaftlern, Professoren, Studenten und Doktoranden die Förderung von Pseudowissenschaften vorgeworfen wurde und wird. Vor diesem Hintergrund propagieren vornehmlich deutsche sog. Skeptiker die Bezeichnung "Hogwarts an der Oder" oder "Muggelschule" für die Viadrina und haben es auch geschafft, diesen - sich an Harry Potters Zauberschule orientierenden - Schimpfnamen für die Europa-Universität auch in den Medien zu platzieren/etablieren - obwohl sich die betroffenen Viadrina-Wissenschaftler in dieser Sache klar positioniert haben (...wir berichteten). Befürchten Sie durch Ihre Studie nicht auf ähnliche Reaktionen zu stoßen - bzw. wie gehen Sie damit um?


Dr. Ulrich Ettinger: Solche Befürchtungen habe ich nicht. Wir untersuchen ja die "normalen" Denk- und Wahrnehmungsprozesse bei Menschen mit und ohne ungewöhnlichen Erfahrungen. Das hat ja mit "Hogwarts" nichts zu tun.


GreWi: Sehr geehrter Herr Ettinger, wir danken für Ihre Informationen und Antworten.


- Den besagten Online-Fragebogen, dessen Ausfüllen als Grundvoraussetzung für die beschriebenen möglich weiteren Untersuchungen im Rahmen der Studie gilt, finden Sie HIER

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