Mittwoch, 29. Januar 2014

Ist der Glaube an Unsterblichkeit in uns fest verankert?

Symbolbild. | Copyright: grewi.de

Boston (USA) - US-Forscher haben die Vorstellungen von Kindern über die Zeit vor ihrer Geburt bzw. Empfängnis untersucht und dabei festgestellt, dass die weit verbreitete Vorstellung von der Unsterblichkeit in uns Menschen auch unabhängig von religiös-kultureller Prägung fest verankerter Teil der menschlichen Intuition ist, der schon im Kindesalter entsteht. Zudem zeigen die Forscher, dass die meisten Menschen nicht Fähigkeiten und das logische Denkvermögen als das wahrnehmen, was jenseits des Körpers existiert und diesen überdauert, sondern vielmehr unsere Hoffnungen, Wünsche und Emotionen. Der so geradezu angeborene Glaube an die Unsterblichkeit könnte damit auch die Wurzel religiöser Glaubensvorstellungen sein.

Wie die Forscher um Natalie Emmons und Deborah Kelemen von der Boston University aktuell im Fachjournal "Child Development" (DOI: 10.1111/cdev.12220) berichten, teilen viele Menschen gänzlich unabhängig von Rasse, Religion und Kultur die Vorstellung, dass wir - bzw. unsere Seele - unsterblich seien. "Doch was ist das grundlegend Überdauernde? Warum glauben wir, dass dieses Etwas überlebt und warum ist der Glaube daran oft so unerschütterlich?", so die Fragestellung der Studie.


Um diese Fragen zu beantworten haben die Forscher die Vorstellungen von Kindern über ihre "Vorleben" analysiert. Gemeint sind damit jedoch nicht Erinnerungen an ein früheres Leben, sondern die Zeit vor der eigenen Geburt.


"Unsere Arbeit zeigt, dass es wissenschaftlich möglich ist, religiösen Glauben zu untersuchen", so Kelemen. "Zur gleichen Zeit hilft uns die Studie aber auch einige der universellen Aspekte der menschlichen Wahrnehmung und der Struktur unseres Bewusstseins besser zu verstehen."


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Die meisten der bisherigen Studien zum Glauben an die Unsterblichkeit hatten sich auf die Vorstellungen von Menschen über die Zeit nach dem Tod konzentriert. Diese Untersuchungen haben gezeigt, dass sowohl Kinder wie auch Erwachsene glauben, dass zwar körperliche Bedürfnisse wie Hunger und Durst mit dem Tode enden, dass aber mentale Fähigkeiten wie das Denken, Fühlen und Emotionen in irgendeiner Form überdauern. "Doch diese Studien über das Leben nach dem Tod lassen eine besonders wichtige Frage unbeantwortet: Woher kommen diese Glaubensvorstellungen?"


Lange Zeit gingen Forscher davon aus, dass Menschen ihre Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod durch die Auseinandersetzung mit Kulturgütern wie Fernsehen, Kinofilme oder in Folge religiöser Anweisung erlangen.


Emmons und Kollegen stellten sich jedoch die Frage, ob der Glaube an die Unsterblichkeit in Wirklichkeit nicht vielleicht aus unserer eigenen Intuition heraus entsteht: "Genau so wie Kinder das Gehen auch ohne formelle Anweisung erlernen, könnte es auch sein, dass sie auch die Vorstellung davon, dass ein Teil ihres Geistes auch ohne ihren Körper existieren kann, geradezu intuitiv erlangen."


"Die Kinder nach ihren Vorstellungen über ihr 'Vorleben' zu befragen ist eine sehr intelligente Art und Weise Glaubenvorstellungen zu erforschen, die den Kindern in der Regel nicht zuvor vermittelt werden", kommentiert Paul Bloom, Psychologieprofessor an der Yale University, die Studie.


Die befragten Kinder selbst stammten zum einen aus dem Ureinwohnerdorf Shuar im Amazonasbecken in Ecuador. Diese Kultur kennt keine vorgeburtlichen Glaubensvorstellungen. Da diese Kinder aber zugleich durch das alltägliche Leben sehr oft sowohl mit Geburt als auch Tod (von Tier und Mensch) konfrontiert sind, vermuteten die Forscher, dass sie eine mehr oder weniger rationale Vorstellung über ihr 'Vorleben' hätten. Als Vergleichsgruppe befragten die Forscher Kinder aus dem eher städtisch geprägten Quito (ebenfalls Ecuador), die vornehmlich katholisch, also innerhalb religiöser Vorstellungen erzogen wurden, in der das Leben mit der Empfängnis beginnt. Sollten kulturelle Einflüsse also überwiegen, so die Annahme der Forscher um Emmons, dann sollten also beide Gruppen die Vorstellung eines "Lebens" vor der Empfängnis bzw. Geburt ablehnen.


In ihren Interviews zeigte Emmons den Kindern Zeichnungen eines Babys, einer jungen Frau und eine Abbildung der selben - nun jedoch schwangeren Frau (s.Abb.) Zugleich stellten sie den Kindern Fragen etwa über die Fähigkeiten, Gedanken und Emotionen, die die Kinder selbst mit den verschiedenen Phasen verbanden: als Baby, im Bauch der Mutter und vor der Empfängnis.


Die Ergebnisse, so berichten die Forscher, waren überraschend: "Beide Gruppen zeigten erstaunliche Übereinstimmungen in ihren Antworten, obwohl sie radikal unterschiedlicher kultureller Herkunft waren."


"Die Kinder erläuterten und schlussfolgerten, dass ihre Körper vor der Geburt noch nicht existierten und dass sie zu dieser Zeit auch noch nicht die Fähigkeit besaßen, zu denken oder sich an etwas zu erinnern. Dennoch erklärten beide Gruppen mehrheitlich, dass ihre Emotionen und Wünsche schon vor ihrer Geburt vorhanden waren."


In beiden Gruppen fanden sich beispielsweise Kinder, die zwar erklärten, dass sie vor ihrer Geburt noch keine Augen hatten und folglich auch noch nicht sehen konnten, dass sie sich aber schon während der Schwangerschaft darauf gefreut hätten, bald ihre Mutter zu sehen oder aber traurig darüber waren, dass sie noch von ihrer Familie getrennt waren.


"Die Kinder bemerkten dabei noch nicht einmal, dass sich ihre Aussagen damit selbst widersprachen", so Emmons. "Selbst jene Kinder, die sozusagen schon biologische Kenntnisse über die Fortpflanzung hatten, glaubten, dass sie schon zuvor in irgendeiner unsterblichen Form existiert hatten - eine Form, die sich aus Emotionen und Wünschen zusammensetzte."



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Doch warum, so die Frage der Forscher angesichts der Ergebnisse, haben Menschen einen offenbar universellen Glauben an eine unsterbliche Existenz unserer Emotionen entwickelt?


Emmons vermutet, dass es sich dabei sozusagen um ein Nebenprodukt unserer hoch entwickelten sozialen Wahrnehmung handelnd könnte: "Wir Menschen sind sehr gut darin herauszufinden, was andere Menschen denken, welchen Emotionen sie gerade unterworfen sind und welche Wünsche sie haben. Wir tendieren dazu, Menschen als die Summe ihrer mentalen Zustände zu betrachten und ihre Wünsche und Emotionen sind uns dabei behilflich, bestimmte Verhaltensweisen vorherzusehen. Weil diese Fähigkeit so nützlich und mächtig ist, beeinflusst sie auch andere Gebiete unseres Denkens. So sehen wir manchmal Verbindungen und Gründe für etwas auch dort, wo eigentlich keine sind, hoffen auf einen Großen Plan hinter dem Universum und wir stellen uns vor, dass unsere Seele auch ohne Körper überlebt." Obwohl diese Ideen nicht wissenschaftlich fundiert seien, so die Forscher abschließend, seien sie dennoch "natürlich und tief in uns verankert".


"Ich persönlich untersuche diese Dinge aufgrund meines beruflichen Interesses und dennoch bemerke ich immer wieder, dass auch ich derartigen Vorstellungen nachgebe. Ich bin mir zwar sicher, dass mein Bewusstsein ein Produkt meines Gehirns ist, aber dennoch gefällt mir die Vorstellung von mir selbst als etwas, das unabhängig von meinem Körper existiert", so Emmons. "Wir haben die Fähigkeit zur Reflektion und zur wissenschaftlichen Folgerung. Wir haben aber auch die Fähigkeit Entscheidungen 'aus dem Bauch heraus' und aufgrund von Intuition zu treffen. Abhängig von der jeweiligen Situation ist dann das eine nützlicher als das andere."


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Quelle: bu.edu
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