Montag, 24. Februar 2014

Historikerin widerlegt Mythos vom ach so subversiven Karneval


Historische Darstellung des Karnevalsaufzugs zu Frankfurt am Main im Jahre 1659. Grafik aus dem Klebeband Nr. 15 der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek Arolsen. | Copyright: gemeinfrei

Münster (Deutschland) - Der alljährliche Karneval gilt und galt landläufig als jene Zeit, in der das vermeintlich einfache Volk den Herrschenden, Regierenden und Mächtigen ungestraft einen Spiegel vorhalten durfte und darf und oft auch als Ursprung sozialer Umwerfungen. Eine deutsche Historikern und Ritualforscherin zeigt nun jedoch auf, dass Karnevalsrituale in der Geschichte tatsächlich weniger subversiv waren als meist angenommen. Zwar sei die herrschende Ordnung über Jahrhunderte durch Fastnachtsrituale wie Umzüge, Maskeraden, Spottlieder und Parodien in Frage gestellt worden. Doch diese "kontrollierte Normüberschreitung" sei im Mittelalter und in der Frühneuzeit durch die Obrigkeiten eng begrenzt worden und, wie heute noch, im Alltag meist folgenlos geblieben.

Wie die Frühzeit-Historikern Barbara Stollberg-Rilinger des Exzellenzclusters "Religion und Politik" der Uni Münster aktuell in ihrem Buch "Rituale" ausführt, waren die karnevaleske Umkehrung des Alltags und der politische Umsturz zweierlei.


"Auch wenn sich im vormodernen Karneval die Welt verkehrte, wenn der Spott die Ehrfurcht ersetzte, Überfluss statt Mangel herrschte, Männer sich als Frauen verkleideten, Frauen als Männer und das Heilige der Kirchen profaniert und parodiert wurde, so ist nicht jedem populären Festbrauch ein aufrührerischer und politisch gefährlicher Subtext zu unterstellen". Um das subversive Potenzial der "Verkehrten Welt" der Fastnacht zu bestimmen, dürfe man nicht generalisieren. Vielmehr seien die politischen und sozialen Umstände jedes Einzelfalls anhand der Quellen genau zu rekonstruieren. "Wenn es bei manchen karnevalesken Anlässen zu Gewaltexzessen kam, lässt sich das nach genauer Untersuchung oft nicht ohne eine Konfliktgeschichte erklären, die lange vorher begann und mit dem Karneval nichts zu tun hatte."


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Anhand von Quellen ist der christliche Karneval zwischen Weihnachten und Fastenzeit ist quellenmäßig ab dem 13. Jahrhundert belegt. "Er bestand nicht nur in allgemeinen Festlichkeiten, Gelagen und Vergnügungen, sondern auch in sorgfältig organisierten Umzügen, Maskeraden, Wettkämpfen, szenischen Spielen und Schautänzen, die die städtischen Zünfte und Bruderschaften veranstalteten. Wenn dies geschah, herrschte 'Narrenfreiheit'", schreibt Barbara Stollberg-Rilinger in ihrer Überblicksdarstellung zur historischen Ritualforschung, die aktuell im Campus Verlag erschienen ist. Die Obrigkeiten tolerierten Ausschweifungen vor allem der männlichen Jugend, ebenso die in den Ritualen mitschwingende Kritik an den politischen und sozialen Verhältnissen.


Ob der christliche Karneval in historischer Kontinuität zur heidnischen Antike steht, sei immer noch umstritten. "Zumindest ähneln sich die Phänomene: Auch die römischen Saturnalien und griechischen Dionysien erlaubten Grenzüberschreitungen und nivellierten Statusunterschiede, etwa zwischen Sklaven und Freien."


Die kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten gingen mit den populären Festbräuchen im Verlauf der Jahrhunderte immer strenger um, erläutert die Forscherin. "Im Spätmittelalter waren die Grenzen zwischen profaner und sakraler Sphäre noch fließend, die Kirche war für karnevaleske Späße keineswegs tabu." Die Kleriker hatten ihre eigenen Umkehrrituale, häufig parodierten sie die Liturgie. "Das änderte sich im 16. Jahrhundert unter dem Einfluss von Reformation und Konfessionalisierung". So wurde in katholischen Ländern der Karneval enger als zuvor auf die Tage vor Aschermittwoch begrenzt. Klerikern wurde verboten, sich an Karnevalsbräuchen zu beteiligen.


In protestantischen Ländern wurde dem Karneval grundsätzlich der Kampf angesagt. Dass die Obrigkeiten dagegen vorgingen, sei Teil ihres "Feldzugs gegen Ausschweifung und Müßiggang" gewesen. "Ob und wie die Verbote sich durchsetzten, ist allerdings schwer zu rekonstruieren." Fest steht der Expertin zufolge, dass die "gebildeten Stände" sich zunehmend von dem als "roh und unzivilisiert" angesehenen Vergnügen distanzierten, sodass sich die Festkulturen des Volkes und der Bildungseliten auseinander entwickelten.


Zum Thema

Das Buch „Rituale“ aus der Campus-Reihe „Historische Einführungen“ gibt einen Überblick über die Vielzahl an rituellen Phänomenen in der Geschichte. Darunter sind Rituale der Herrschaft, des Gerichts, der Konfliktbeilegung und des Lebens- und Jahreszyklus - wie Friedensschluss, Amtseinsetzung, Denkmalsturz, Taufe, Hochzeit oder Beisetzung. All diesen Ritualen kommt eine elementare Funktion für die Struktur einer Gesellschaft zu. Seit die Geschichtswissenschaft dies im Zuge der "kulturwissenschaftlichen Wende" in den 1980er Jahren für sich entdeckte, werden immer mehr historische Phänomene durch die "ritualtheoretische Brille" betrachtet. Die Geisteswissenschaften an der Universität Münster haben dazu beigetragen, etwa in dem früheren Sonderforschungsbereich "Symbolische Kommunikation" und nun im Rahmen des Exzellenzclusters "Religion und Politik".

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Quelle: religion-und-politik.de, uni-muenster.de
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