Samstag, 5. April 2014

GreWi-Interview: André Kramer zu seinem neuen Buch über deformierte Schädel im Kontext der Prä-Astronautik-Theorie

Niederösterreichische Schädeldeformation vom Kronberg, Museum Hermann Bauch. | Copyright: André Kramer (Foto)

Saarbrücken (Deutschland) - Im deutsche Sprachraum gilt André Kramer als einer der bekanntesten, zugleich aber auch kritischsten Erforscher und Kommentatoren der sogenannten Prä-Astronautik (Paläo-SETI). Diese behauptet, frühzeitliche Besuche Außerirdischer hätten die Entwicklung der Menschheit grundlegend beeinflusst und in angeblich unerklärlichen Artefakten und historischen Bauwerken ihre Spuren hinterlassen. In seinem neuen Buch, hat sich Kramer dem Thema der Langschädel bzw. Turmschädel angenommen, von denen einige Prä-Astronautik-Vertreter vermuteten, dass auch sie ein Beleg für einstige außerirdischer Besucher darstellen. Grenzwissenschaft-Aktuell.de (GreWi) hat den Autor zu seinem Buch und seinen darin vorgelegten Schlussfolgerungen zum Phänomen der Schädeldeformationen befragt.

GreWi: Herr Kramer, sie sind sowohl für ihr offenes Interesse an der Prä-Astronautik aber ebenso für die sachliche und direkte Kritik daran bekannt. Würden Sie uns zunächst diesen Standpunkt kurz erläutern?


Kramer: Die Prä-Astronautik als Fragestellung ist für mich ein absolut legitimes Such-Paradigma, das dem klassischen SETI-Projekt, also der Suche nach außerirdischen Radiosignalen nicht nachsteht. In beiden Fällen haben wir mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen, allen voran der Frage, ob es überhaupt intelligente außerirdische Zivilisationen im All gibt.


Bei der Prä-Astronautik kommen eine Reihe weiterer offener Grundfragen hinzu - betreiben hypothetische Alien-Zivilisationen interstellare Raumfahrt und selbst wenn, waren sie dann im Laufe der Geschichte auch schon auf der Erde? Im Fall von SETI stellen sich aber ebenfalls offene Fragen - suchen die hypothetischen Alien-Zivilisationen überhaupt den Kontakt und wenn, tun sie dies dann über Radiofrequenzen?


Trotzdem verbirgt sich hinter beiden Suchmethoden immerhin die Chance eines Erfolges. Und in Anbetracht der Tragweite eines tatsächlichen Nachweises sehe ich hier einen guten Grund für eine solche Suche. Bei der Prä-Astronautik spreche ich aber lediglich von der grundlegenden Frage. Die tatsächliche "Forschung" auf diesem Gebiet hingegen ist methodisch mehr als nur unausgereift, die Ergebnisse äußerst zweifelhaft.


Seit Jahren ist also meine Sichtweise die, dass die Prä-Astronautik überhaupt erst eine wissenschaftlich tragbare Methodik benötigt, um mehr als nur zu größten Teilen haltlose Spekulationen zu produzieren.


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GreWi: In ihrem Buch "Rätselhafte Turmschädel - Schädeldeformationen als Götterimitation?" (Ancient Mail Verlag, 2014) fassen sie die Theorie der Prä-Astronatik zu Sinn und Herkunft der Tradition der Schädeldeformationen wie folgt zusammen:


"Schädeldeformationen sind das Resultat eines oder mehrerer Besuche Außerirdischer auf der Erde. Infolge dieses Besuchs haben die Menschen weltweit versucht, diesen als Götter erkannten Außerirdischen äußerlich ähnlicher zu werden. Besonders die jeweilige Elite der Gesellschaft versuchte hierdurch, ihren Status zu festigen."


Können Sie uns, ohne vielleicht den Inhalt ihren Buch zu sehr vorweg zu nehmen, beschreiben, zu welcher Beurteilung sie angesichts dieser Theorie gekommen sind?


Kramer: Mir ging es vor allem darum, eine solche Hypothese überhaupt prüfbar zu machen und eine solche Prüfung dann vorzunehmen. Denn tatsächlich endet die einschlägige Literatur der Prä-Astronautik, indem sie diese wage Hypothese zwar formuliert, sich aber nicht um eine Überprüfung bemüht.


Ich stelle also bestimmte Prüffragen im Kontext mit den anatomischen Studien, Grabungsberichten und ethnologischen Material, das zum weiten Thema der künstlichen Schädeldeformationen existiert. Das Ergebnis ist leider ernüchternd.


GreWi: Während Sie sich verschiedenen Behauptungen zu Sinn und Herkunft der "Turmschädel" widmen, schließen Sie ausdrücklich jene Argumente aus, die behaupten, es gäbe Schädelfunde, die neben der ungewöhnlichen Form, weitere anatomische Anomalien aufweisen, die eindeutig eine nicht-(uns bekannte)menschliche Herkunft dieser Schädel beweisen und somit Exemplare jener außerirdischen "Götter" sein könnten, die durch die künstlich herbeigeführte Schädeldeformation imitiert worden sein sollten. Durch diesen Ausschluss machen Sie zwar Ihre eigenen Schlussfolgerung nachvollziehbar, doch sind es gerade diese Funde, die Langschädel-Forscher wie etwa erst kürzlich Brian Foerster (ebenfalls in einem GreWi-Interview) als die eigentlich interessanten Funde bezeichnen. Machen Sie es sich da also nicht ein wenig einfach?


Kramer: Nein, ich denke nicht, dass ich es mir da einfach gemacht habe. Tatsächlich ausgeschlossen habe ich nur Behauptungen, die sich eine Überprüfung entziehen. In der Literatur auftauchende Aussagen über angeblich nicht menschliche Schädel dieser Art sind nämlich immer wieder schlicht ohne Argumente, Quellen und sogar konkret benannte Funde.


Foersters, zum Zeitpunkt der Fertigstellung meiner Arbeit veröffentlichten Behauptungen, unterscheiden sich bislang nur in dem Punkt von ähnlichen, dass er konkrete Funde benennt.


Interessant ist doch die Frage, warum gerade die künstlichen Schädeldeformationen so in den Fokus der Prä-Astronautik geraten. Schließlich gibt es viele andere Arten der Körpermodifikation. Wieso kam niemand auf die Idee die Wadendeformationen der Indios am Amazonas in ein solches Licht zu stellen? Tattoos, Ohrringe und ähnliches sind sogar globale Arten der Veränderung des Körpers. Warum nicht hier? Was ist mit den Langhälsen Afrikas oder? Mir scheint, bei den Schädeldeformationen spielt unsere Vorstellung davon, wie Außerirdische auszusehen haben - nämlich mit großen Köpfen - eine große Rolle.


Aber ist unsere Vorstellung von einem maximal Fremden, wie der Soziologe Michael Schetsche hypothetische Außerirdische bezeichnet, tatsächlich der richtige Weg, um sich derartigen Fragen zuzuwenden? Ich möchte diese rhetorische Frage einfach einmal so stehen lassen.



Schädeldeformation aus Vanuatu, Völkerkundemuseum Kiel. | Copyright: André Kramer (Foto)

GreWi: Nun ist aber zumindest zu vermuten, das Forscher wie Foerster, nachdem Sie einmal behauptet haben, dass es Langschädel gänzlich ohne die charakteristischen Spuren der mechanischen Manipulation, mit vergrößertem Schädelvolumen und -gewicht (die durch die mechanisch herbeigeführte Deformation schließlich nicht herbeigeführt werden kann) oder gar mit nur einem (statt den menschlichen zwei) Scheitelbeinknochen(platten) gibt, diese auch präsentieren werden. Müsste im Falle des Nachweises solcher Funde ihr Buch neugeschrieben werden?


Kramer: Zuerst einmal müssten derlei Funde tatsächlich nachweislich präsentiert werden. Foerster zum Beispiel spricht seit Jahren davon, zum Prüfen hat er bislang nichts vorgelegt. Neu geschrieben müsste das Buch im Fall eines solch sensationellen Nachweises wohl nicht - wohl aber ergänzt werden.


Es ist schließlich so, das ergibt sich aus den Grabungen, den ethnologischen Quellen und so weiter eindeutig, dass künstliche Schädeldeformationen weder bzgl. der Motivation noch was die Form angeht, etwas homogenes sind. Es existieren verschiedenste Kopfformen, die gezielt herbei geführt wurden und auch unterschiedliche Motive, weshalb derlei Prozeduren durchgeführt wurden. Mal war es ein Schönheitsideal, mal ging es darum, das Volk durch die schmerzhafte Prozedur zu fleißigen Arbeitern zu machen, mal darum, besonders wild und gefährlich auszusehen. In einigen Fällen war eine besonders hohe Stirn angestrebt, in anderen eine besonders breite und so weiter.


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GreWi: Um sowohl die in Ihrem Buch beschriebene Prä-Astronautik-Theorie zu den Langschädeln als auch Ihre Prämisse und Schlussfolgerung zu zitieren: Wäre es nicht auch möglich, dass sich die Unterschiede in den regional verschieden herbeigeführten Kopfformen sich laut Prä-Astronautik dadurch erklären ließen, dass entweder regional auch unterschiedliche außerirdische Besucher auftraten (so wie sich Menschen ja auch sehr stark äußerlich unterscheiden können) und/oder die Menschen in unterschiedlichen, nicht miteinander in Kontakt stehenden Regionen/Kontinenten, sich einfach auch unterschiedlicher Methoden zur mechanischen Herbeiführung der gewünschten Langform bedienten?

Kramer: Möglich wäre das, aber ist eine solche Annahme auch sinnvoll? Wenn wir also zur Aufrechterhaltung des Weltbildes einfach alles was gegen das ursprüngliche Modell spricht einfach so umformulieren, dass es wieder passt - und dabei den spekulativen Grad noch erhöhen - dann erscheint mir das nicht sinnvoll sondern äußerst weltanschaulich. Mit gleichem Recht könnte ich ja auch spekulieren, die Vielfalt von Haarmoden wäre durch regional unterschiedlich auftretende Außerirdische initiiert. Am einen Ort landeten Aliens mit toll geflochtenen Zöpfen, die von den Menschen kopiert wurden, anderswo Aliens mit Kurzhaarfrisuren und so weiter. Eine derartige These ist selbstverständlich absurd.
Eines der tragenden Argumente der Prä-Astronautik ist ja, Schädeldeformationen träten global auf und würden ggf. auf ein gemeinsames Vorbild zurück gehen. Die Tatsache, dass sich sowohl Verbreitung des Brauchs regional durch Kontakte zu anderen bereits praktizierenden Kulturen aufzeigen lässt, als auch die Tatsache, dass es verschiedene Formen gibt, widerspricht dem. Das Resultat, also die Form als zufälliges Ergebnis der Methode der Deformation zu sehen, funktioniert hierbei auch nicht. In Indonesien etwa wurde Frauen der Kopf gezielt in die Breite verformt, den Männern in die Höhe. Das Ergebnis war ein bewusst herbeigeführtes. Im Zusammenspiel mit den unterschiedlichsten Motiven für die Kopfverformungen lässt sich eine Schlussfolgerung wie oben angedeutet kaum aufrechterhalten, außer man biegt sich alles unter Zuhilfenahme weiterer spekulativer Zusatzhypothesen zurecht und nimmt der Hauptthese damit jede Möglichkeit der Falsifizierung - und damit auch der Wissenschaftlichkeit.


GreWi: Im GreWi-Interview hat Foerster ja eine ganze Reihe von Merkmalen ausführlich beschrieben, durch die sich einige Schädel von künstlich verformten Schädeln unterscheiden sollen.


Zu nennen wären u.a. dass es Langschädel gänzlich ohne die charakteristischen Spuren der mechanischen Manipulation geben soll, etwa ohne die sogenannten Schürffurchen (von Seilen und Brettern), Schädel mit vergrößertem Schädelvolumen und -gewicht (die durch die mechanisch herbeigeführte Deformation schließlich nicht herbeigeführt werden kann) oder gar mit nur einem (statt den menschlichen zwei) Scheitelbeinknochen(platten). Ich vermute, dass Sie das interview bzw. Foersters Aussagen darin kennen. Zudem stellt Foerster Gen-Analysen in Aussicht, die seine Theorien einer nicht-menschlichen Natur dieser Schädel (zumindest nicht Homo sapiens) eindeutig beweisen sollen. Wie kommentieren sie diese Aussagen, die schließlich ihrer Schlussfolgerung im Buch widersprechen?


Kramer: Tja, ich bin gespannt was und ob überhaupt etwas vorgelegt wird. Klar ist, sollten sich die Behauptungen von Foerster erhärten lassen, wäre das eine bahnbrechende Entdeckung! Es würde in diesem Fall aber so sein, dass er die Ergebnisse transparent nachprüfbar vorlegt. Detaillierte anatomische Studien, die DNA-Sequenzen und den Ausschluss so genannte Phantom-DNA, also Fremd-DNA die durch eine unbeabsichtigte Verunreinigung auf die Schädel gelangt ist. Es gelte auch krankhafte Ursachen, wie den pathologischen Turmschädel (Turrizephalus) auszuschließen und so weiter.



Mechanismus zum Deformieren des Schädels aus Mexiko, niedersächsisches Landesmuseum Hannover. | Copyright: André Kramer (Foto)

Möchte man mit derart sensationellen Entdeckungen an die Öffentlichkeit gehen, dann müssen Fachwissenschaftler in der Lage sein, die Ergebnisse zu überprüfen und etwaige andere Ursachen auszuschließen. Dass eine derartige Dokumentation der Untersuchungen tatsächlich vorgelegt wird, daran zweifle ich, würde mich aber sehr freuen, wenn ich mich tatsächlich irre. Der Nachweis wäre schließlich sensationell.


GreWi:
Was würden Sie sich von der Prä-Astronautik-Forschung aktuell und zukünftig wünschen?


Kramer: Ich würde mir von der Prä-Astronautik wünschen, dass sie neu beginnt. Weg von der Weltanschauung und weg von laienhaftem herum spekulieren, hin zu einer ernstzunehmenden wissenschaftlichen Herangehensweise. Dabei müsste man an der Basis beginnen. Es reicht nicht einfach Ideen in den Raum zu werfen und diese dann durch sich selbst zu beweisen. Nein, es bedarf eine validen Methodik, es bedarf Gütekriterien und Prüfmechanismen. Mit dieser Basis könnte dann eine seriöse Suche nach Spuren potentieller Eingreife durch fremde Intelligenzen in die Geschichte des Menschen beginnen.


GreWi: Herr Kramer, wir danken für dieses interessante Gespräch.


André Kramer (geb. 1982) studierte in Kiel Soziale Arbeit an der Fachhochschule. Er arbeitet in der Sozialpsychiatrie und interessiert sich seit 1995 für verschiedene grenzwissenschaftliche Themen, mit Schwerpunkt auf Paläo-SETI und UFO-Forschung. 2004 gewann er den JAAS-Forschungspreis bei dem One-Day-Meeting der Forschungsgesellschaft für Archäologie, Astronautik und SETI (AAS) in Fulda und seit 2005 ist er in das Lexikonprojekt der Online-Zeitschrift Mysteria3000 involviert. Er ist Mitglied in der Gesellschaft für Anomalistik (GfA) und Gesellschaft zur Erforschung des UFO-Phänomens (GEP e. V.), wo er 2010 zum ersten Beisitzer in den Vorstand gewählt wurde. Hier initiierte er auch das Projekt "Good UFO", das zum Ziel hat, alle Problematic- und Good UFO-Fälle der GEP qualitativ zu analysieren und die subjekt- und objektbezogenen Eigenschaften miteinander zu vergleichen. André veröffentlicht zur alternativen Archäologie regelmäßig Artikel in verschiedenen grenzwissenschaftlichen Zeitschriften. Sein Interessenschwerpunkt liegt hierbei bei methodischen- und wissenschaftstheoretischen Fragestellungen, dem Verhaltensmustern nach Zivilisationskontakten, dem Phänomen der UFO-Entführungen und den europäischen Megalithkulturen.

Zu seinen aktuelleren Veröffentlichungen zählen: Leben in zwei Welten. Die psychosozialen Folgen außergewöhnlicher Erfahrungen am Beispiel von UFO-Entführungen. Groß-Gerau: Ancient Mail ISBN 978-3-956520082; (gemeinsam mit Klaus Felsmann und Natale Guido Cinicinnati): UFOs - Phänomen oder Phantomhänomen? Eine Analyse des UFO-Phänomens anhand der ungeklärten Sichtungsfälle der GEP. Lüdenscheid: Gesellschaft zur Erforschung des UFO-Phänomens e. V. ISBN: 978-3-923862-42-9






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