Mittwoch, 23. April 2014

Psychiater erforscht Geschichte des Werwolf-Syndroms


Werwolf-Darstellung aus "The Werewolf Howls" (Weird Tales, 1946). | Copyright: Public Domain

Groningen (Niederlande) - Neben dem physiologischen Syndrom der extrem starken Körperbehaarung, der sogenannten Hypertrichose, gilt auch die psychologische Ausprägung der Vorstellung, dass der eigene Körper mit Fell und klauenartigen Finge- und Fußnägeln bedeckt sei und man sich selbst in einen Wolf verwandele - oder sich in einen solchen verwandele, als reales Vorbild für viele Legenden rund um den Mythos vom Werwolf. Ein niederländischer Psychiater hat sich nun auf die historische Spurensuche der seltenen Wahnvorstellung begeben.

Wie der Psychologie-Assistenzprofessor Dr. Jan Dirk Blom von der Rijksuniversiteit Groningen in der Märzausgabe der Fachzeitschrift "History of Social Sciences" (DOI: 10.1177/0957154X13512192) berichtet, wurde er selbst erst durch einen aktuellen Fall auf das psychologische Werwolf-Syndrom, das als klinische Lykanthropie (altgr. Lykos = Wolf, anthropos = Mensch) bezeichnet wird, aufmerksam.


Während bislang davon ausgegangen wurde, dass der Zustand vergleichsweise weit verbreitet war und ist, konnte Blom seit 1850 zwar 56 dokumentierte Fälle von angeblicher Lykanthropie nachweisen - doch nur 13 dieser Fälle, so berichtet der Psychologe, erfüllen die Kriterien für eine entsprechende klinische Diagnose.


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Die verbleibenden Fälle beschreiben hingegen Vorstellungen der Verwandlung in andere Tierarten, darunter in Hunde, Schlangen, einen Frosch bis zu zur Biene und stellen damit eher Fälle von generellem Zooanthropie - und nicht gezielt der werwolfartigen Verwandlung in einen Wolf dar.


Beispiel der physiologischen Variante des "Werwolf-Syndroms", der sogenannten Hypertrichose. Das Foto zeigt einen Patienten (Adr. Evtikhie) des Arztes N. Mansurov aus dem 19. Jahrhundert. | Copyright: Public Domain

Während Blom erklärt, dass er ursprünglich deutlich mehr Fälle erwartet habe, spreche das Ergebnis seiner Studie dafür, dass das klinische Werwolfsyndrom (wobei das Adjektiv "klinisch" unterstreicht, dass es sich eben "nur" um eine psychologische Wahnvorstellung und nicht um die wirkliche Transformation in einen Wolf handelt), wesentlich seltener sei als bislang angenommen.


Psychologen vermuten, dass die klinische Lykanthropie eine ungewöhnliche Ausdrucksform anderer psychologischer Krankheiten wie Schizophrenie, bipolarer Störungen oder starker Depression ist. Tatsächlich fand Blom in 25 Prozent der von ihm untersuchten 56 historischen Fällen von klinischer Lykanthropie und Zooanthropie Diagnosen für Schizophrenie. 23 Prozent der Patienten litten offenbar an psychotischen Depressionen und etwa 20 Prozent an bipolaren Störungen. Die berichteten 56 Fälle beschreiben 34 männliche und 22 weibliche Patienten, deren Symptome zwischen einer Stunde und mehren Jahrzehnten andauerten.


Der erste historisch beschriebene Fall von klinischer Lykanthropie wurde laut Blom 1852 veröffentlicht und schildert di Krankengeschichte eines Mannes, der damals in eine Anstalt in Nancy eingeliefert wurde. Um zu beweisen, dass der sich tatsächlich in einen Wolf verwandele, verwies der Mann auf seine verlängerten "Wolfszähne" und beschwerte sich darüber, dass er hufartige Füße und Haare am ganzen Körper bekommen habe und zudem nur noch rohes Fleisch essen wolle. Als ihm dieses jedoch vorgesetzt wurde, habe er dieses abgelehnt, weil es noch nicht genug verwest gewesen sei. In anderen Fällen berichteten die Patienten, dass sie beim Blick in den Spiegel nicht ihr menschliches Antlitz, sondern den Kopf eines Wolfes sehen würden. Ein anderer Patient war davon überzeugt, dass seine menschlichen Knochen gegen die eines Schweins ausgetauscht worden seien.




Blom selbst vermutet, dass die Vorstellungen und Wahrnehmungen des sich in ein Tier verwandelnden Körpers auf Störungen jener Hirnregionen zurückzuführen sind, die sowohl für Bewegung als auch für unsere Selbst- und Körperwahrnehmung verantwortlich sind. Da die Vorstellungen von der Verwandlung in ein Tier jedoch meist mit bekannten psychologischen Erkrankungen einhergingen, schlägt Blom selbst deren Behandlung als am meisten geeignete Therapie vor.


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Forscher finden das Werwolf-Gen 6. Juni 2011

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Quelle: hpy.sagepub.com
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