Mittwoch, 18. Juni 2014

Studie findet keinen Zusammenhang zwischen Mondphasen und menschlichem Schlaf


Vollmond. | Copyright: franklaumen.de

München (Deutschland) - Dem Einfluss des Mondes und seiner Phasen werden unterschiedliche Wirkungen nachgesagt. Besonders im Volksglauben verbreitet ist die Vorstellung davon, dass der Vollmond vielen Menschen den Schlaf raubt. Während lange Zeit selbst Kritiker diesen Umstand anerkannten, dieses verhalten jedoch mit der stärkeren nächtlichen Helligkeit zu erklären versuchten, haben Münchner Wissenschaftler nun eine Studie vorgelegt, die überhaupt keine Hinweise auf eine schlafstörende Wirkung des Vollmondes finden konnte.

Wie die Forscher um Martin Dresler, Neurowissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und vom Donders Institute for Brain, Cognition and Behaviour im niederländischen Nijmegen aktuell im Fachjournal "Current Biology" (DOI: 10.1016/j.cub.2014.05.017) berichten, werteten sie große, bereits vorhandene Datensätze über den Schlaf zahlreicher Probanden aus. Im Gegensatz zu früheren Studien konnten Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München nun keinen Zusammenhang zwischen dem menschlichen Schlaf und den Mondphasen finden.


Während der Recherchen stießen sie auf weitere Studienergebnisse, die ebenfalls keinen Einfluss des Mondes feststellen konnten. "Da viele dieser Studien mit negativem Ergebnis jedoch nicht veröffentlicht wurden, waren Studien mit positivem Befund bislang in der wissenschaftlichen Literatur überrepräsentiert", erklären die Forscher.


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"Einige Studien beschäftigten sich bereits in Nachanalysen von zuvor zu einem anderen Zweck erhobenen Schlafdaten mit dem Einfluss des Mondes auf den menschlichen Schlaf", erläutert die Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft. "Allerdings wurden die Auswirkungen auf den Schlaf selten mit objektiven Methoden, wie z.B. dem Schlaf-EEG, untersucht und die Ergebnisse waren sehr unterschiedlich.


In manchen Studien schienen sich die Mondphasen besonders auf Frauen auszuwirken, in andern wiederum besonders auf Männer. Zwei Analysen von Datensätzen mit jeweils 30 bis 50 Teilnehmern aus den Jahren 2013 und 2014 zeigten übereinstimmend, dass die Schlafdauer in Vollmondnächten verkürzt ist. Für andere Messungen kamen sie jedoch zu kontroversen Ergebnissen. Beispielsweise wurde in einer der beiden Analysen gezeigt, dass das Einsetzen des REM-Schlafes – die Schlafphase, in welcher wir vor allem träumen - bei Neumond verzögert ist. In der anderen Studie wurde hingegen eine Verzögerung in Vollmondnächten festgestellt."


Um Zufallsbefunde zu vermeiden, wie sie in Studien mit geringer Teilnehmerzahl möglich sind, untersuchten die Wissenschaftler nun Schlafdaten von 1.265 Probanden aus 2.097 Nächten. "Nachdem wir diese große Anzahl von Daten ausgewertet hatten, konnten wir frühere Ergebnisse aus anderen Studien nicht bestätigen", erläutert Dresler. "Wir konnten keinen statistisch belegbaren Zusammenhang zwischen menschlichem Schlaf und den Mondphasen aufzeigen."


Im Rahmen dieser Untersuchungen fand sein Team weitere unveröffentlichte Analysen von über 20.000 Schlafnächten, aus denen ebenfalls keinen Einfluss des Mondes hervorgingen. Dass diese Ergebnisse nicht veröffentlicht worden sind, könnte ein Beispiel für eine verzerrte Veröffentlichungspraxis sein, wie sie beispielsweise auch als „Schubladenproblem“ bekannt ist.


Darunter versteht man das Phänomen, dass viele Untersuchungen zwar durchgeführt, aber nie veröffentlicht werden - sie verbleiben stattdessen in der Schublade der Forscher. Die Tendenz nur positive oder signifikante Ergebnisse zu veröffentlichen, nicht aber negative oder unschlüssige, ist ein viel diskutiertes Problem in der Wissenschaft, Medizin und Pharmazie.


Bisher wurde der Einfluss des Mondes auf den menschlichen Schlaf durch die Nachanalyse von bereits früher zu einem anderen Zweck erhobenen Datensätzen untersucht. "Um die ganz offensichtlichen Einschränkungen von solchen Nachanalysen zu umgehen, müssten gut überlegte und genau auf den Zweck abgestimmte Experimentreihen mit einer großen Anzahl von Probanden durchgeführt werden", kommentiert Dresler.


Während also die aktuelle Studie keine Hinweise auf eine Beeinflussung des Schlafs durch den Vollmond finden konnte, widerspricht sie damit unter anderem einer erst kürzlich von Wissenschaftlern der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel um Prof. Christian Cajochen in "Current Biology" veröffentlichten Studie. Diese hatten im Schlaflabor den Schlaf von über 30 Testpersonen verschiedenen Alters untersucht und ausgewertet. Während die Probanden - von denen niemand wusste, was untersucht wurde - in zudem gänzlich abgedunkelten Räumen schliefen, maßen die Forscher die Gehirnströme, Augenbewegungen und Hormonspiegel in den verschiedenen Schlafphasen und stellten fest, "dass unsere innere Uhr auch heute noch auf den Rhythmus des Mondes reagiert. (...wir berichteten).


Auf Anfrage von "grenzwissenschaft-aktuell.de" gezielt nach einer Erklärung für die Widersprüche zu dieser (Basler) Studie erläuterte Martin Dresler folgendes:

"In der letztjährigen Studie von Cajochen et al. ist ein Alters-Bias (Verzerrung) enthalten - es wurden fast dreimal mehr alte Probanden in der Vollmond-Gruppe im Vergleich zur Neumond-Gruppe untersucht. Es ist in vielen Studien nachgewiesen, dass ältere Menschen schlechter schlafen als jüngere - in der Vollmondgruppe ist entsprechend allein aus Altersgründen bereits eine Tendenz zu schlechterem Schlaf zu erwarten. In keinem unserer drei untersuchten Sample findet sich ein solcher Bias.


Daneben vermuten wir wie gesagt einen 'Publication Bias': Es ist ein bekanntes Problem, dass negative Ergebnisse weniger wahrscheinlich publiziert werden als positive Ergebnisse. Positive Zufallsbefunde sind daher in der wissenschaftlichen Literatur meist überrepräsentiert. Dazu passt, dass wir noch mehrere sehr große Datensätze (teils über 10.000 Nächte) in der 'grauen Literatur' gefunden haben, die ebenfalls zu negativen Ergebnissen kamen, aber nie als vollwertige wissenschaftliche Artikel publiziert wurden."


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Quelle: mpg.de, mpipsykl.mpg.de
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