Donnerstag, 3. Juli 2014

Wiederentdeckt: Medizinischer Bericht beschreibt Nahtoderfahrung schon im 18. Jahrhundert


Ausschnitt aus "Der Lichthimmel" von Gustave Doré, um 1860. | Copyright: gemeinfrei

Montigny-Le-Bretonneux (Frankreich) - Sogenannte Nahtoderfahrungen werden oft von sterbenden Menschen oder Patienten beschrieben, die nach einem schweren Unfall wiederbelebt wurden oder sogar schon als klinisch tot galten. Diese Menschen beschreiben dabei nicht nur das Empfinden, sich aus ihrem physischen Körper heraus gelöst zu haben (außerkörperliche Wahrnehmung), sondern auch - begleitet von starken Emotionen - sich auf ein helles Licht zu bewegt und hier bereits verstorbene Freunde und Familienmitglieder getroffen zu haben, bevor sie wieder ins Leben zurückgeschickt wurden. Während entsprechende Schilderungen schon aus dem Alten Ägypten überliefert sind, gab es bislang keine historisch-medizinischen Aufzeichnungen über Nahtoderfahrungen. Kritiker vermuteten deshalb, dass deren Inhalte erst Verbreitung fanden, nachdem sie durch die modernen Medien kolportiert wurden. Ein französischer Anthropologe hat nun eine Beschreibung einer klassischen Nahtoderfahrung aus dem 18. Jahrhundert ausfindig gemacht und diese in einem Fachjournal publiziert.

Der Bericht, so erläutert Philippe Charlier vom Laboratory of Medical and Forensic Anthropology an der Université de Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines aktuell im Fachjournal "Resuscitation" (DOI: 10.1016/j.resuscitation.2014.05.039), stammt wohl aus den Jahren um 1740 und wurde von dem Militärmediziner Pierre-Jean du Monchaux (1733–1766) im Lehrbuch "Anecdotes de médecine" beschrieben.


www.grenzwissenschaft-aktuell.de
+ + + HIER können Sie unseren täglichen Newsletter bestellen + + +

Du Monchaux schilderte den Fall eines Pariser Apothekers, der an bösartigem Fieber litt und aus diesem Grund von Ärzten und Chirurgen mehrfachen Aderlässen unterzogen wurde. Nach der letzten dieser sogeannnten Phlebotomien verlor der Patient besorgniserregend lange das Bewusstsein.
Wieder bei Bewusstsein habe der Apotheker berichtet, dass er, "nachdem er alle äußerlichen Empfindungen verloren habe, ein derart reines und extremes Licht gesehen habe, dass er davon ausging, es müsse sich um den Himmel handeln". Du Monchaux führt weiter aus: "Er erinnerte sich an diese Wahrnehmung sehr genau und versichert, dass er in seinem ganzen Leben noch keinen wundervolleren Moment erfahren habe. Andere Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts haben von sehr ähnlichen Erfahrungen unter den gleichen Bedingungen berichtet. Diese Beobachtungen scheinen mit jenen Vergleichbar, die ein Theologe schon im 12. Jahrhundert schilderte, als er beschrieb, dass in jenem Moment, wenn sich unser Körper und die Seele trennen, Letztere von der Helle des ersten Lichts (luminositas lucis primae) erhellt wird."

Obwohl die Datengrundlage natürlich gering ist, erreicht die Schilderung des Apothekers Mitte des 18. Jahrhunderts einen Wert von 12/32 auf der sogenannten Greyson-Skala, anhand derer die Tiefe einer potentiellen Nahtoderfahrungen eingestuft wird (s. Abb.). Ab mehr als 7/32 spricht man von einer positiven Nahtoderfahrung.



Bewertung des Nahtoderlebnisses des Pariser Apothekers anhand der Greyson-Skala. | Copyright/Quelle: Philippe Charlier

Charlier führt weiterhin aus, dass du Monchaux selbst schon den Fall des Apothekers mit anderen ähnlichen Fällen, von Ertrunkenen, Unterkühlten und Erhängten verglichen hatte und von einer physio-pathologischen Erklärung für das Erlebnis ausging:


"In allen diesen Fälle schien der Grund für die angenehme Empfindung der selbe gewesen zu sein. Die Auswirkungen von Fesseln, Kälte und umgebender Wasserdruck sowie der durch den Aderlass absinkende Blutdruck, lassen nur vermindernden Blutfluss zu. Alles Blut und Körpersäfte fließen in der Folge dichter und langsamer durch die inneren Gefäße - besonders durch die Hirngefäße, die vor äußerer Kompression geschützt sind. Es ist nun genau dieser verdichtete Blutfluss, der all diese lebendigen und starken Empfindungen anregt. Es ist die ruhige und gleichmäßige Verteilung, die diese Empfindungen so angenehm macht."


Zum Thema


Mit dieser Theorie vermutete der Mediziner Mitte des 18. Jahrhunderts also genau das Gegenteil jener Erklärung, die heute als rationaler Erklärungsansatz von vielen Medizinern und Kritikern einer übersinnlichen Deutung angeführt wird. Diese geht von einer reduzierten Durchströmung des Gehirns aus, wie sie in lokaler verminderter Sauerstoffzufuhr des Hirns einhergeht. Charlier selbst erklärt diesen Widerspruch durch den erst wenig fortgeschritten, zeitgenössischen Stand der Erforschung des menschlichen Körpers.

WEITERE MELDUNGEN ZUM THEMA
Studie: Nahtoderlebnisse gleichen sich mehrheitlich
2. Juli 2014

Nahtoderfahrungen: Forscher weisen erstmals Bewusstseinssignale im sterbenden Gehirn nach 13. August 2013
Psycho-physiologische Studie zeigt: Erinnerungen an Nahtoderlebnisse sind realer als die an fiktive und reale Erfahrungen 29. März 2013
AWARE: Veröffentlichung erster Ergebnisse zu experimenteller Nahtodstudie für kommenden Herbst angekündigt 31. Januar 2013
Nahtoderfahrung: Ehemals skeptischer Harvard-Neurologe will im Himmel gewesen sein 11. Oktober 2012
Wissenschaftler kritisieren Skeptiker-Artikel zu Nahtoderfahrungen 16. August 2012
Stiftung fördert Studie über Unsterblichkeit der Seele mit 5 Millionen Dollar 7. August 2012
Studie über mediale Kommunikation mit Verstorbenen
13. April 2012
Im Interview: The Departed – Dr. Julie Beischel über ihre Forschungen über überlebendes Bewusstsein und Kommunikation mit Verstorbenen 23. September 2009


grenzwissenschaft-aktuell.de
Quelle: resuscitationjournal.com
Copyright: grenzwissenschaft-aktuell.de
(falls nicht anders angegeben)


Für die Inhalte externer Links übernehmen wir keine Verantwortung oder Haftung.


WEITERE MELDUNGEN finden Sie auf unserer STARTSEITE