Dienstag, 15. Juli 2014

Auch Nutztiere wissen, wann sie von Menschen beobachtet werden


Symbolbild: Hausziege. | Copyright: Fir0002 / GFDL-1.2

Halle-Wittenberg/Dummerstorg (Deutschland) - Werden Nutztiere von Menschen beobachtet, verändern sie ihr Verhalten. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie die zeigt, zu welchen höheren Erkenntnisleistungen diese Tiere fähig sind.

Wie der Biologe Christian Nawroth vom Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg als Ergebnis seiner Doktorarbeit in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Nutztierbiologie Dummerstorf im Fachjournal "Animal Cognition" (DOI: 10.1007/s10071-014-0777-5) aufzeigt, reagieren Zwergziegen deutlich auf die Aufmerksamkeit des Menschen.


In den Versuchen waren die Tiere zum Beispiel weniger aktiv und starrten länger, wenn der Experimentator seinen Kopf von den Tieren abgewandt hatte oder ihnen sogar den Rücken zudrehte. "Das deutet darauf hin, dass Zwergziegen die Rolle eines Menschen, und hier speziell dessen Aufmerksamkeitszustand ihnen gegenüber, im Kontext der Futtergabe interpretieren können", sagt Nawroth. Durch weitere Tests, in denen den Ziegen verschiedene menschliche Zeige- und Kopfgesten die Position einer versteckten Futterbelohnung anzeigten, konnte darüber hinaus nachgewiesen werden, dass Zwergziegen zwar in der Lage sind, zwischen verschiedenen Kopforientierungen eines Menschen zu unterscheiden, jedoch die Blickrichtung des Menschen alleine nicht als Informationsquelle bei der Futtersuche nutzen können.


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Diese vermeintlich einfachen Erkenntnisse sind neu und nützlich. "Aufbauend auf dem Wissen über die kognitiven Fähigkeiten von Nutztieren kann deren Haltung verbessert und ihr Wohlbefinden gesteigert werden. Fehlende Kenntnisse über ihr kognitives Potenzial können sowohl zu einem falschen Umgang mit den Tieren als auch zu fehlerhaften Planungen im Stall führen", erklärte Nawroth das Ziel seiner Untersuchungen am Lehrstuhl für Tierhaltung und Nutztierökologie bei Prof. Dr. Eberhard von Borell an der Universität Halle.


Wie die Pressemitteilung der beteiligten Institute erläutert, wurde für die Untersuchung aus dem Bestand des Leibniz-Instituts für Nutztierbiologie, an dem Wissenschaftler bereits seit mehreren Jahren das Lernverhalten von Nutztieren untersuchen, zwölf weibliche Zwergziegen (Capra hircus) mit einer bisher vorrangig bei Primaten und noch niemals bei Nutztieren verwendeten Versuchsanordnung getestet. "Ein Experimentator präsentierte - unerreichbar für das Tier - ein Futterstück hinter einem Gitter. Anschließend nahm er für die Dauer von 30 Sekunden verschiedene Kopf- und Körperhaltungen ein, mit denen ein unterschiedlicher Grad an Aufmerksamkeit gegenüber dem Tier ausgedrückt werden sollte. Erst danach gab er dem Tier das Futter durch das Gitter.


Video 1: Der Experimentator widmet dem Tier sein Aufmerksamkeit


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Video 2: Der Experimentator wendet sich von dem Versuchstier ab


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Wurde in ähnlichen Versuchen bei Primaten in diesem Zeitraum meistens die Anzahl und Dauer von so genannten Bettelgesten zur Interpretation der Aufmerksamkeit des Menschen gemessen, musste bei den Zwergziegen auf andere Verhaltensparameter zurückgegriffen werden."


Die Wissenschaftler untersuchten, wie intensiv die Ziegen eine Erwartungshaltung der kommenden Futtergabe in ihrem Verhalten anzeigten - entweder durch gesteigerte Aktivität vor dem Gitter (s. Video 1) oder in einer Art Alarmstellung, in welcher die Tiere reglos auf die Futterbelohnung "starrten" (s. Video 2).


Auf diese ersten Ergebnisse aufbauend soll nun in weiterführenden Studien am Leibniz-Institut für Nutztierbiologie geklärt werden, inwiefern Zwergziegen über ein tatsächliches Verständnis der Aufmerksamkeitszustände anderer Individuen verfügen oder ob das gezeigte Verhalten ausschließlich auf komplexe Lernvorgänge zurückführbar ist. Ersteres konnte bisher nur bei Primaten und einigen Vogelarten nachgewiesen werden. „Die Ergebnisse des Projekts legen nahe, dass domestizierte Nutztiere offensichtlich zu höheren Erkenntnisleistungen befähigt sind, als dies bisher vermutet wurde“, so Nawroth.


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Quelle: uni-halle.de, fbn-dummerstorf.de
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