Montag, 4. August 2014

Weniger Testosteron führte vor 50.000 Jahren zu Kultur- und Technologie-Boom


Gegenüberstellung der Schädelmerkmale von frühen modernen Menschen mit einer starken Überaugenwulst und einer größeren Gesichtsfläche mit dem Schädel eines neuzeitlich modernen Menschen (r.). | Copyright: Robert Cieri, University of Utah

Durham (USA) - Zwar reichen Fossilien modernder Menschen rund 200.000 Jahre zurück, doch erst seit etwa 50.000 Jahren begannen diese Menschen damit, ausgefeilte Werkzeuge aus Geweih, Knochen und Stein herzustellen, Objekte zu verzieren und Nahrung zu kochen. Warum der moderne Mensch hierzu so lange gebraucht hatte, war lange Zeit ein Rätsel. Jetzt zeigen US-Wissenschaftler, dass dieser frühgeschichtliche Technologie- und Kultur-Boom mit einem sinkenden Testosteronspiegel einherging.

Wie Forscher um Robert Cieri von der University of Utah und der Duke University aktuell im Fachjournal "Current Anthropology" (DOI: 10.1086/677209) berichten, zeigen sich anhand der Analyse von mehr als 1.400 frühzeitliche und moderne Menschenschädel physiologische Veränderungen, wie sie ein Absinken des Testosteronspiegels in etwa zu jener Zeit nahe legen, in der die modernen Menschen damit begannen, ihre Kultur zu entwickeln.


"Die Verhaltensweisen der modernen Menschen und ihre technologischen Innovationen, sowie die Entwicklung von Kunst und kulturellem Austausch entwickelten sich zur gleichen Zeit, in der die Menschen auch ein eher an Gemeinschaftssinn orientiertes Temperament entwickelten", so Cieri. Und dieses lasse sich wiederum an den Schädelmerkmalen ablesen.


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Das Sexualhormon Testosteron kommt zwar in beiden Geschlechtern vor, unterscheidet sich aber in Konzentration und Wirkungsweise bei Man und Frau deutlich. Es ist unter anderem für die Entstehung des männlichen Phänomtyps und die Spermienproduktion, Geschlechtsentwicklung, Körperbehaarung und Muskelaufbau verantwortlich. Eine künstliche Zufuhr von Testosteron bei Frauen, kann zu einer Vermännlichung der eigentlich weiblichen Körpermerkmale führen.


Während bei Tieren das Sexualhormon starke Auswirkungen auf Imponiergehabe, Kampfverhalten sowie den Begattungsdrang zeigt, gelten entsprechende Auswirkungen beim Menschen unter Wissenschaftler noch immer als umstritten.


An den untersuchten Schädeln jedoch gilt Testosteron als direkt verantwortlich für die Ausbildung stärkerer Überaugenwülste und eine runderen Kopfform, erläutert der Duke-Anthropologe Steven Churchill. Anhand dieser und anderer Körpermerkmale können die Forscher also auf den Testosteronspiegel der jeweiligen Menschen rückschließen.


Die Tierverhlaltens und -kognitionsforscher Brian Hare und Jingthi Tan, ebenfalls von der Duke University, sehen die Ergebnisse von Cieri und Kollegen als übereinstimmend mit dem, was bereits für nicht-menschliche Arten als nachgewiesen gilt: So konnte eine Studie an sibirischen Füchsen zeigen, dass jene Tiere, die gegenüber Menschen ein deutlich weniger aggressives und weniger misstrauisches Verhalten an den Tag legten, nach mehreren Generationen gezielter Züchtung ein anderes, eher jugendliches Aussehen und Verhalten entwickelten.


"Betrachten wir diesen Prozess, der zu entsprechenden Veränderungen bei anderen Tieren führt, so könnte diese Erkenntnis erklären, warum wir zu dem geworden sind, was wir heute sind", so Hare, der auch das Verhalten von eher aggressiven Schimpansen und den eher gutmütigen Bonobos untersucht. "Diese beiden Menschenaffenarten entwickeln sich ganz unterschiedlich und reagieren auch unterschiedlich auf sozialen Stress: Schimpansen-Männchen erfahren während der Pubertät einen starken Anstieg an Testosteron - was bei den Bonobos nicht der Fall ist. Auch unter Stress produzieren Bonobos - im Gegensatz zu Schimpansen - nicht mehr Testosteron, sondern produzieren das Stresshormon Cortisol."


Vor dem Hintergrund der aktuellen Studie verweist der Forscher auf den Umstand, dass auch bei den Menschenaffen höhere und niedrigere Testosteronspiegel mit der Entwicklung bestimmter Schädelmerkmale einhergehen: "Bei Bonobos sucht man meist vergebens nach einer markant ausgeprägten Überaugenwulst."


"Um neue Technologien, Fertigkeiten und Kunst weiterzugeben, mussten die prähistorischen Menschen näher zusammenleben, sich hierzu sozial aufeinander ein- und abstimmen und einen toleranteren Umgang entwickeln", so Cieri abschließend. "Der Schlüssel zum Erfolg war die Fähigkeit zur Zusammenarbeit, zum miteinander Leben, um so auch voneinander lernen zu können."


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Quelle: duke.edu
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