Dienstag, 23. September 2014

Moderne Menschen teilten sich Zentraleuropa mit Neandertalern länger als bisher gedacht


Archiv: Schädelvergleich zwischen modernem Menschen (l.) und Neandertaler. | Copyright: Foto/Bearbeitung: Matt Celeskey via Flickr/DrMikeBaxter via Wikimedia.org / CC-bySA 2.0

Leipzig (Deutschland) - Eine, internationalen Anthropologenteam ist der Nachweis gelungen, dass der modernen Mensch den zentraleuropäischen Raum schon deutlich früher besiedelt hatte als bislang bekannt. Anhand von Werkzeugfunden datieren die Wissenschaftler die Anwesenheit früheste von Homo sapiens auf rund 43.500 Jahre. Eine Untersuchung des Bodens ergab, dass damals ein kühles Klima vorherrschte und in der steppenähnlichen Landschaft Nadelholzwälder entlang der Flusstäler wuchsen. Das Alter der Fundstücke belegt damit aber nicht nur, dass moderne Menschen Zentraleuropa früher besiedelten sondern auch, dass sie sich die Region über einen längeren Zeitraum hinweg mit den Neandertalern teilten als bisher angenommen.

Wie die Forscher um Philip Nigst von der University of Cambridge und vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Bence Viola am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie aktuell im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS; DOI: 10.1073/pnas.1412201111) berichten, haben sie Steinwerkzeuge untersucht, die sie während einer Neuausgrabung in der Fundstätte der sogenannten "Venus von Willendorf" in Österreich entdeckt hatten. Diese Werkzeuge konnten nun der archäologischen Kultur des Aurignacien zugeordnet werden, die generell als Indiz für die Präsenz moderner Menschen gilt.


"In Willendorf konnten wir das frühe Aurignacien auf ein Alter von 43.500 Jahren datieren, um einiges früher als anderswo. Darüber hinaus überschneidet sich das mit direkt datierten Überresten von Neandertalern“, erläutert Philip Nigst.


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Über welche Fähigkeiten Neandertaler verfügen, wird noch immer heiß diskutiert. Während einige Forscher der Meinung sind, dass die kulturellen Fertigkeiten der Neandertaler denen der modernen Menschen ähnelten, bevor sie von diesen verdrängt wurden, denken andere, dass die Ähnlichkeiten erst dann auftraten, als Neandertaler mit modernen Menschen in Kontakt kamen. "Die neuen Daten aus Willendorf zeigen deutlich, dass moderne Menschen schon im heutigen Österreich lebten, als Teile Europas noch von Neandertalern besiedelt waren. Die beiden Arten trafen also möglicherweise aufeinander, und es kam zu einem Partner- und Ideenaustausch", so der Forscher Nigst. "Die Veränderungen der materiellen Kultur der letzten Neandertalergruppen stehen also sehr wahrscheinlich mit dem direkten oder indirekten Kontakt der Neandertaler mit modernen Menschen im Zusammenhang", fügt Jean-Jacques Hublin, Direktor der Abteilung für Humanevolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hinzu.

Besonders interessant sei, dass das Aurignacien in Willendorf in einer relativ kalten Klimaperiode auftritt, wie dies die Forscher anhand von Bodenanalysen aufzeigen konnten. "Diese frühesten (die aus den wärmeren Landschaften Südeuropas kamen) Siedler waren also bereits an verschiedene klimatische Bedingungen angepasst, für die sie verschiedene Überlebensstrategien benötigen“, sagt Nigst abschließend.


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Quelle: hublin@eva.mpg.de
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