Samstag, 13. September 2014

Vampirglaube in Norddeutschland: Grabfunde belegen Bestattungssrituale gegen Wiedergänger und Nachzehrer


Das Skeletts eines einst mit einem großen Stein beschwerten und offenbar als sogenannter Wiedergänger im ehemaligen Kloster Harsefeld. | Copyright/Quelle: Kreischäologie Stade, D. Nösler

Stade (Deutschland) - Dass die Menschen schon von jeher und noch bis in die jüngere Vergangenheit an die Existenz von Untoten, Vampiren und Werwölfen glauben, ist sowohl aus zahlreichen Sagen und Legenden als auch anhand zeitgenössischer Dokumente bekannt. Nachdem Forscher in ganz Europa angebliche "Vampirgräber" entdeckt haben (...wir berichteten, s. Links), haben Wissenschaftler nun auch in Norddeutschland archäologische Beweise nicht nur für diesen Glauben sondern auch für rituelle Bestattungsrituale gefunden, die potenzielle Wiedergänger und Nachzehrer davon abhalten sollten, Unglück über die Lebenden zu bringen.

Daniel Nösler ist Kreisarchäologe des Landkreises Stade und machte seine erste Entdeckung des Grabes einer Person, die offenbar als Vampir galt, eher zufällig: "Vor zehn Jahren habe ich bei einer Grabung im ehemaligen Kloster Heiligengrabe eine Bestattung mit zwei Totenmünzen gefunden", erinnert sich Nösler gegenüber "grenzwissenschaft-aktuell.de".


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Was auf den ersten Blick an das antike Brauchtum erinnern könnte, bei dem den Verstorbenen eine kleine Münze mitgegeben, um damit bei Charon die Überfahrt ins Totenreich bezahlen zu können (sog. Charonspfennig), machte den Archäologen stutzig: "Da ich mir nicht erklären konnte, dass sich heidnische Bräuche über so lange Zeiträume halten konnten und dies auch noch im Hort des Christentums, begann ich zu recherchieren. Es gibt eine unglaubliche Vielzahl von volkskundlichen Hinweisen, Sagen, Märchen usw., die die Problematik der Wiedergänger und Nachzehrer behandeln. Zudem sind in den letzten Jahren immer mal wieder entsprechende Bestattungen bei Grabungen gefunden wurden.

Bei mittelalterlichen/neuzeitlichen Bestattungen findet man ab und an Münzen im Mund. Die Totenmünze im Mund sollte das 'Schmatzen' oder 'Nachzehren' bei den Hinterbliebenen verhindern. Hierfür gibt es einige Belege aus der Volkskunde, dass damit nicht ein Charonspfennig gemeint war, sondern es sich um ein Abwehrzauber gegen Untote gehandelt hat, die - anders als Vampire oder Wiedergänger - das Grab nicht verlassen. Gegen das Nachzehren hat man generell die verschiedensten Dinge in den Mund oder gegen das Kinn (Gesangbuch, Bibel, Stein, Torfstück usw. oder wie bei einem Fund in Oldendorf 2010 einen fremden menschlichen Knochen) gelegt. Der Mund musste unbedingt geschlossen bleiben, da den Hinterbliebenen sonst Unheil drohen konnte."



Ein fremder Oberschenkelknochen sollte den Mund dieses befürchteten Nachzehrers in Oldendorf geschlossen halten. | Copyright/Quelle: Kreisarchäologie Stade, D. Nösler

Bei der Durchsicht der digitalisierten Bilder des Diaarchivs ist dem Archäologen dann die mit dem Findling beschwerte Bestattung aufgefallen und er begann auch an der Niederelbe nach entsprechenden Belegen zu recherchieren.


Bei dieser Bestattung handelte es sich um das Grab eines Mannes aus dem 14. oder 15. Jahrhundert auf dem Friedhof des ehemaligen Klosters Harsefeld, das schon 1982 ausgegraben und dokumentiert wurde. Tatsächlich fand sich unmittelbar neben dem Schädel ein ungewöhnlich großer Stein, der den Schädel zur Seite und auch den Rest des Skeletts teilweise verschoben hatte. "Da damals solche Sonderbestattungen noch nicht im Fokus der Archäologie standen, blieben die Befunde unbeachtet", erläutert Nösler.



Weitere Ansicht des Wiedergänger-Skeletts im Kloster Harsefeld. | Copyright/Quelle: Kreisarchäologie Stade, D. Nösler

Dass der schwere Brocken zufällig ins Grab gerollt sein sollte, glaubt der Archäologe nicht: "Mindestens zwei starke Männer müssen mit angepackt haben, um ihn überhaupt bewegen zu können", so Nösler gegenüber Spiegel-Online. Auch an einen Zufall glaubt er nicht: "Der Boden des Friedhofes ist sehr feinkörnig. Darin liegen sonst nicht mal Kieselsteine."


Zudem wies die Erde unmittelbar über dem Skelett eine leicht andere Färbung auf als die übrige Verfüllung des Grabaushubs. Der Stein wurde also nicht gleich in das Grab hineingeworfen, sondern dieses wahrscheinlich später nochmals geöffnet, nachdem der Tote bereits bestattet war.


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Gemeinsam mit seinem Kollegen Dietrich Alsdorf, der schon vor 32 Jahren im westlichen Kreuzgang des Klosters von Harsefeld Grabungen durchgeführt hatte und dabei einen ungewöhnlich tief und verkehrt herum gelagerten Sarg entdeckte, der zudem mit Ziegelsteinen worden war, ist sich Nösler sicher, dass sich auch auf sonstigen alten Friedhöfen noch so manche vermeintlichen Untote, Wiedergänger und Nachzeherer finden lassen, wenn man nur danach sucht: "Jetzt wissen wir, dass die Leute in dieser Gegend tatsächlich an Wiedergänger geglaubt haben - und können ganz gezielt nach entsprechenden Hinweisen suchen", so die Archäologen. Einen der Gründe für den mittelalterlichen Vampirglauben sehen auch die Stader Archäologen in den großen Seuchen des Mittelalters: "Wenn einer starb, dann folgten oft weitere Familienmitglieder. Damals war eine gängige Erklärung, dass der erste Tote die anderen ins Grab nachholt."

Derzeit wird der Fund des Nachzehrers aus Oldendorf für eine wissenschaftliche Publikation ausgewertet, die im kommenden Herbst veröffentlicht werden soll.


wir werden berichten...

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