Donnerstag, 23. Oktober 2014

Genom entziffert: Schon ältester moderner Mensch hatte Neandertaler im Blut


Archivbild: Svante Pääbo mit einem Neandertalerschädel. | Copyright: Frank Vinken, mpg.de

Leipzig (Deutschland) - Deutsche Genetiker haben das Gesamtgenom eines 45.000 Jahre alten modernen Menschen aus Westsibirien entziffert und mit dem Erbgut von später in Europa und Asien lebenden Menschen verglichen. Wie sich zeigte, hatte der Mann aus Ust‘-Ishim - der zu einer Zeit lebte, als die Vorfahren heute lebender Europäer und Asiaten gerade begannen, sich getrennt voneinander weiterzuentwickeln - schon Anteile von Neandertaler DNA in sich. Diese Segmente waren jedoch viel länger als bei heute lebenden Menschen und belegen, dass die Vermischung von modernen Menschen mit Neandertalern schon vor etwa 50.000 bis 60.000 Jahren stattfand.

Wie das Team unter der Leitung von Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie aktuell im Fachjournal "Nature" (DOI: 10.1038/nature13810) berichtet, wurden die Überreste des nun untersuchten Mannes 2008 am Ufer des Flusses Irtysch in der Nähe des Dorfes Ust‘-Ishim in Westsibirien gefunden. Der relativ vollständig erhaltene Oberschenkelknochen half den Forschern dabei, diese mittels der Radiokohlenstoff(14C)-Methode auf ein Alter von etwa 45.000 Jahren zu datieren. "Anhand der Form und Beschaffenheit des Knochens können wir sagen, dass es sich bei seinem Besitzer um einen frühen modernen Menschen handelte. Er war also mit den Populationen verwandt, die die direkten Vorfahren aller heute lebenden Menschen sind", erläutert denn auch Bence Viola, ein Anthropologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der das Fundstück untersuchte. "Der Ust‘-Ishim Mann ist einer der ältesten modernen Menschen, die außerhalb des Mittleren Ostens und Afrikas gefunden wurden."


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Ein Vergleich des Genoms des Ust‘-Ishim Mannes mit den Genomen heute lebender Menschen aus mehr als 50 verschiedenen Populationen offenbarte dann, dass dieser enger mit heute außerhalb von Afrika lebenden Menschen verwandt ist als mit Afrikanern. Es handelt sich bei diesem Mann also um einen frühen Vertreter der modernen Population, die Afrika verließ.

Ein Vergleich seines Erbguts mit dem von Nicht-Afrikanern ergab, dass der Mann aus Ust‘-Ishim ähnlich nahe mit Menschen aus Ostasien verwandt ist wie mit Menschen, die während der Steinzeit Europa bevölkerten, erläutert die Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft weiter.


"Die Population, zu der der Ust’-Ishim Mann gehörte, könnte sich von den Vorfahren heute lebender westasiatischer und osteurasischer Populationen abgespalten haben, bevor oder zeitgleich als sich diese erstmals voneinander trennten", so Pääbo. "Es ist sehr befriedigend, dass wir jetzt zusätzlich zu den Genomen von Neandertalern und Denisova-Menschen auch das Genom eines sehr frühen modernen Menschen in so hoher Qualität vorliegen haben".


Vermutlich gehörte der Ust’-Ishim-Mann einer Population früher Migranten in Richtung Europa und Zentralasien an, die keine Nachkommen in heute lebenden Populationen hinterlassen haben, so die Forscher weiter. Da der Mann aus Ust’-Ishim zu einer Zeit lebte, als es in Eurasien noch Neandertaler gab, wollten die Forscher auch herausfinden, ob sich seine Vorfahren schon mit diesen vermischt hatten. Dabei wurden sie fündig: "Zwei Prozent seines Erbguts stammten vom Neandertaler, also ein ähnlich großer Anteil, wie man ihn bei heute lebenden Ostasiaten und Europäern findet. Interessanterweise sind die Neandertaler-Fragmente im Genom dieses frühen modernen Menschen aber viel länger als bei heute lebenden Menschen, weil die Vermischung mit den Neandertalern noch nicht so lange zurück lag und die Fragmente sich über die wenigen Generationen hinweg noch nicht so stark verkürzt hatten."


Auf diese weise können die Wissenschaftler schätzen, dass sich die Vorfahren des Ust’-Ishim Mannes etwa 7.000 bis 13.000 Jahre vor dessen Geburt bzw. vor etwa 50.000 bis 60.000 Jahren mit Neandertalern vermischt hatten - also schon vergleichsweise kurz nachdem sich der moderne Mensch aus Afrika und dem Mittleren Osten ausbreitete.


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