Montag, 20. Oktober 2014

Megalith-Tempel von Göbekli Tepe birgt Wurzeln der Schrift


Gesamtansicht des Grabungsfelds mit den Anlagen A–D, Zustand 2011. | Copyright: Teomancimit (WikiCommons), CC-by-SA 3.0

Bonn (Deutschland) - Schon seit Jahren arbeiten deutsche Archäologen an der Ausgrabung einer der ältesten megalithischen Tempelanlagen weltweit, Göbekli Tepe in der heutigen Türkei. Auf den zahlreichen Stelen und Wänden des steinzeitlichen Höhenheiligtums entdeckten deutsche Forscher nun ein Zeichensystem von dem sie glauben, dass es die Wurzeln der ersten Schriftzeichen darstellt und so vor rund 12.000 Jahren die kulturelle Entwicklung beflügelte.

In seinem neu erschienenen Buch "Medienevolution und die Gewinnung neuer Denkräume. Das frühneolithische Zeichensystem und seine Folgen" erläutert der Ägyptologe Prof. Dr. Ludwig Morenz von der Universität Bonn, wie diese frühen Vorläufer der Schriftzeichen zu einer kulturellen Revolution im Denken und Handeln der Menschen führte.


"Seit Urzeiten hat sich der Mensch für die Nachwelt verewigt", erläutert die Pressemitteilung der Universität Bonn. Vor Jahrzehntausenden hinterließen eiszeitliche Jäger ihre Höhlenmalereien. Über abstrakte Bildzeichen ging die Entwicklung allmählich weiter bis zur Schrift. Bereits vor mehr als 5.000 Jahren verwendeten die Altägypter Hieroglyphen als älteste Schriftzeichen. "Wie sich abstrakte Bildzeichen in Schriftzeichen wandelten, lag lange weitgehend im Dunkeln", so der Forscher.

www.grenzwissenschaft-aktuell.de
+ + + HIER können Sie unseren täglichen Newsletter bestellen + + +

Das Höhenheiligtum stelle dabei so etwas wie das "fehlende Bindeglied" zwischen Bildern und den ersten Schriftzeichen dar, sagt Prof. Morenz, der zusammen mit Prof. Dr. Klaus Schmidt von der Universität Erlangen-Nürnberg, der die Grabungen leitet, mehrere Jahre lang die in Göbekli Tepe entdeckten frühneolithischen Zeichen untersuchte. "Sie erlauben neue Einsichten in historische Tiefen der menschlichen Kommunikation." Gerade auf den für die Anlage charakteristischen T-förmigen Pfeilern finden sich immer wieder in Flachreliefen dargestellte Tiere, darunter Schlangen, Skorpione, Füchse, Kraniche, Gazellen und Wildesel. Außerdem gibt es stärker abstrahierte Zeichen wie Tiere, Hände oder die Kombination aus Mondscheibe und -sichel.

"Es handelt sich dabei um einen Sprung in eine neue mediale Welt", sagt der Experte für Bildersprache und Zeichentheorie. Immerhin sei diese frühe Form der Bildzeichen mehr als doppelt so alt wie die ältesten Schriftzeichen der Altägypter. Zum Ende der Eiszeit wurden Grundlagen gelegt, auf denen die spätere kulturelle Revolution aufbauen konnte. Prof. Morenz: "Göbekli Tepe steht für die Entwicklung von reinen Bildern zur Kodierung von darüber hinaus gehender Bedeutung."



Relief auf der raumzugewandten Seite von Pfeiler 2. | Copyright: Teomancimit (WikiCommons), CC-by-SA 3.0

Während es sich bei der Darstellung eines Stieres etwa in der Höhle von Altamira in Spanien um das direkte Abbild des Tieres handelt, sei ein Stierkopf in dem Höhenheiligtum der Türkei von der primären Bildbedeutung losgelöst als abstraktes Symbol für eine Gottheit zu verstehen.

Seine These untermauert Morenz zudem mit der Tatsache, dass insgesamt rund 20 verschiedene Bildzeichen in ähnlicher Form auch noch in anderen frühneolithischen Fundorten im Umkreis von 150 Kilometern um das Höhenheiligtum Göbekli Tepe herum entdeckt wurden. In dieser fruchtbaren Landschaft zwischen den Oberläufen von Euphrat und Tigris wurden Menschen früh sesshaft. Sie teilten in den verschiedenen Siedlungen mit leichten Abwandlungen die gleichen Bildzeichen. "Das kann kein Zufall sein, die Menschen dieses Kulturraumes müssen sich auf ein einheitliches Zeichensystem geeinigt haben", ist Prof. Morenz überzeugt.

Zum Thema

Die Bildzeichen könnten gleichzeitig mehrere Bedeutungen haben: So stehe beispielsweise eine Schlange einerseits für Bedrohung, könne aber auch als Zeichen für etwas Abwesendes verstanden werden - weil der Abdruck der Schlange im Sand verbleibt, wenn das Tier längst weitergezogen ist. Das Abbild einer abstrahierten Hand lasse sich als Geste - etwa von Abwehr - interpretieren. Manche Zeichen waren in kleine, flache Steine geritzt - quasi als "Heiligtum für die Hosentasche". "Bei dieser frühen Bildsprache handelt es sich aber noch um keine Schriftzeichen", stellt Prof. Morenz fest. Schriftzeichen seien noch einmal deutlich differenzierter und umfassten auch die lautliche Dimension, das heißt wie ein bestimmtes Zeichen ausgesprochen wird.

Anhand der Untersuchungen des Bonner Ägyptologen zeigt Göbekli Tepe eindrücklich, wie komplex und spezialisiert bereits die steinzeitliche Gesellschaft vor rund 12.000 Jahren war. "Der Gebrauch von Sprache, Hand und Hirn gingen mit einander einher". In dem Maß, wie sich die Menschen damals mit großem handwerklichen und intellektuellem Geschick eine abstrakte Bildsprache schufen, drangen sie jenseits der Herausforderungen des Alltags in religiöse Sphären vor und stellten sich bereits den Grundfragen der Menschheit nach dem Jenseits. "Es handelt sich um den Beginn der medialen Entwicklung und um den Aufbruch in neue Denkräume", so Prof. Morenz abschließend.


grenzwissenschaft-aktuell.de
Copyright: grenzwissenschaft-aktuell.de
(falls nicht anders angegeben)


Für die Inhalte externer Links übernehmen wir keine Verantwortung oder Haftung.


WEITERE MELDUNGEN finden Sie auf unserer STARTSEITE