Mittwoch, 8. Oktober 2014

Studie zu Nahtoderlebnissen legt ein den klinischen Tod überdauerndes Bewusstsein nahe


Symbolbild: Außerkörperliche Erfahrung (Illu.). | Copyright: gemeinfrei

Southampton (England) - Mit der AWARE-Studie haben Mediziner, Psychologen und Neurowissenschaftler seit 2008 nach belastbaren Beweisen für eine Weiterexistenz des menschlichen Bewusstseins nach dem Tode gesucht und erforscht, was mit dem menschlichen Geist und Bewusstsein während des klinisches Todes und bei Herzstillstand passiert. Schließlich berichten 10 bis 20 Prozent jener Patienten, die wiederbelebt werden konnten, von Erlebnissen während dieser Zeit - sogenannte Nahtoderfahrungen. In einigen Fällen berichten diese Menschen davon, in der Lage gewesen zu sein, ihren Körper zu verlassen und die Vorgänge um sich herum gesehen und gehört zu haben. Jetzt liegen die Ergebnisse der AWARE-Studie vor und legen tatsächlich ein zumindest den medizinischen Tod minutenlang überdauerndes Bewusstsein nahe.

Insgesamt wurden 2060 Patienten in 15 Krankenhäusern in Großbritannien, den USA und Australien in die Studie miteinbezogen, in der eine Vielzahl von Erfahrungen in Verbindung mit dem Sterben untersucht wurden. Eines der Hauptexperimente der Studie lag darin, dass in Krankenzimmern und Operationssälen der beteiligten klinischen Einrichtungen auf Ablagen, Schränken und Instrumenten - und damit auf Höhen, die aus normaler Augenhöhe, geschweige denn aus der Perspektive liegender Patienten schlichtweg nicht einsehbar waren, Tafeln mit Abbildungen und Symbolen angebracht wurden.


Sollten die Schilderungen der Patienten über entsprechende außerkörperliche Erlebnisse und Betrachtungen etwa der Operationsszenen aus der Höhe der Realität entsprechen, dann sollten diese also auch die besagt platzierten Symbole beschreiben können, von deren Existenz sie jedoch nichts wussten. Mit diesem Versuchsaufbau wollten die Forscher ausschließen, dass es sich bei den geschilderten Erlebnissen um Halluzinationen oder von den Patienten erfundene Erlebnisse handelt.


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Zudem gab es akustische Signalgeber, die nach dem Herzstillstand drei Minuten lang kontinuierliche Piepstöne erzeugten, anhand derer die Wissenschaftler hofften, einen zeitlichen Abgleich und somit Beweis für ein bewusstes Wahrnehmen während des Herzstillstandes zu finden.

Die Ergebnisse der AWARE-Studie wurden aktuell im Fachjournal "Resuscitation" (DOI: 10.1016/j.resuscitation.2014.09.004) veröffentlicht.


"Im Gegensatz zu der weit verbreiteten Vorstellung ist der Tod kein spezifischer Moment sondern ein potentiell umkehrbarer Vorgang, der nach einer schweren Krankheit oder Unfällen dazu führt, dass das Herz, die Lunge und das Gehirn ihre Funktion einstellen" erläutert der Leiter der AWARE-Studie Dr. Dr. Sam Parnia, Assistenzprofessor für Notfallmedizin und Direktor der Abteilung zur Erforschung der Wiederbelebung (Resuscitation Research) an der State University of New York.


Dr. Sam Parnia | Copyright/Quelle: southampton.ac.uk

"Gelingt es, diesen Prozess umzukehren, so spricht man von Herzstillstand; gelingt dies nicht, so nennt man das Tod. In unserer Studie wollten wir über den emotional besetzten aber bislang kaum definierten Begriff der Nahtoderfahrungen (Near Death Experiences, NDEs) hinausgehen, um objektiv zu erforschen, was passiert, wenn wir sterben."


Während sich 39 Prozent der Patienten, die einen Herzstillstand überlebt hatten und danach in der Lage waren, dazu befragt zu werden, nicht an bestimmte Ereignisse erinnerten, beschrieben 46 Prozent der befragten Patienten eine Vielzahl unterschiedlicher, mit dem Sterbeerlebnis einhergehender mentaler Erinnerungen, wie sie jedoch allgemein nicht mit den Merkmalen einer Nahtoderfahrung übereinstimmten.


Nur 9 Prozent der Befragten schilderten die klassischen Merkmale einer Nahtoderfahrung, und gerade einmal 2 Prozent dieser Patienten erinnerten sich, eine außerkörperliche Erfahrung gemacht zu haben, während derer sie visuelle und akustische Wahrnehmungen hatten.


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In nur einem Fall konnte die von dem Herzstillstandpatienten beschriebenen Erlebnisse auch tatsächlich anhand akustischer und visueller Wahrnehmungen bestätigt werden. Doch für die Forscher um Dr. Parnia war und ist dieser Fall genau das, wonach sie in ihren Experimenten gesucht hatten:

"Dieser Fall ist unter anderem deshalb so bedeutend, weil oft angenommen wird, dass Erlebnisse in Verbindung mit dem Sterben wahrscheinlich Halluzinationen oder Illusionen sind, die sich entweder vor dem Herzstillstand ereignen oder aber mit dem erfolgreichen Wiederbelebungsprozess einhergehen - nicht aber, dass es sich um eine Erfahrung handelt, die mit wirklichen Ereignissen in Übereinstimmung gebracht werden kann, während das Herz aufgehört hat zu schlagen", erläutert Parnia.


In diesem Fall eines 57-jährigen Sozialarbeiters aus Southampton konnten die Erlebnisse des Patienten mittels der akustischen Stimuli überprüft werden. Zu den bewussten Erfahrungen dieses Patienten kam es während einer dreiminütigen Zeit, in der kein Herzschlag existierte - der Patient später aber die während dieser Zeit erzeugten akustischen Signale beschrieb.


"Das ist eigentlich paradox, da das Gehirn normalerweise innerhalb von 20-30 Sekunden ohne Herzschlag seine Funktionen einstellt und diese nicht wieder reaktiviert, bis der Herzschlag wieder hergestellt werden kann. Über die von dem Patienten korrekt beschrieben akustischen Stimuli hinaus gab es auch visuelle Erlebnisse, die mit tatsächlichen Ereignissen in dieser Zeit in Übereinstimmung gebracht und dadurch verifiziert werden konnten
(Handlungen der Ärzte und Schwestern während der Wiederbelebungsversuche usw.)."

"Obwohl aufgrund der sehr geringen Häufigkeit des Auftretens von außerkörperlichen Erfahrungen während der von den Patienten geschilderten Nahtoderfahungen (2 %) die Realität oder Bedeutung dieser Erlebnisse nicht eindeutig bewiesen werden konnte - war es uns auch nicht möglich, diese zu widerlegen", so Parnia abschließend.


- Derzeit stehen wir mit Dr. Parnia in Kontakt und hoffen schon bald, ein Interview mit ihm zu den nun veröffentlichten Ergebnissen der AWARE-Studie nachreichen zu können.

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