Samstag, 15. November 2014

Erz-Skeptiker Michael Shermer: "Ich habe etwas erlebt, das so mysteriös war, dass es meinen Skeptizismus im Kern erschüttert hat."


Michael Shermer. | Copyright: David Patton / (WikimediaCommons) CC-by-SA 3.0

Beverly Hills (USA) - Als Gründer der "Skeptics Society" und des "Skeptic Magazine", seine "Skeptic"-Kolumne für "Scientific American" und nicht zuletzt durch sein Buch "Why People Believe in Weird Things" (Warum Menschen merkwürdige Dinge glauben) gehört der Wissenschaftsjournalist Michael Shermer zweifelsohne zu den einflussreichsten Wortführern, wenn nicht sogar zu den Gründervätern der US-amerikanischen und weltweiten Skeptiker-Bewegung. Während er seit Jahrzehnten den Kampf gegen das Paranormale führt, hat Shermer vor einigen Wochen in seiner Kolumne eingestanden, erst kürzlich ein Erlebnis gehabt zu haben, dass seine skeptizistische Überzeugung bis ins Mark erschütterte - und damit für heftige Kontroversen gesorgt.

Unter dem Titel "Infrequencies" (Seltenheiten), berichtet Shermer in seiner "Scientific American"-Kolumne, von seiner Hochzeit im vergangenen Juni, von seiner deutschen Frau Jennifer, deren enger Bindung an ihren für sie väterlichen Großvater und Jennifers Umzug von Köln nach Beverly Hills.


Zu den wichtigsten persönlichen Gegenständen, die Jennifer in die USA brachte, gehören demnach Erinnerungsstücke an ihren Großvater Walter - darunter auch ein altes Transistor-Radio vom Typ "Philips 070" von 1978 (s.Abb.). Um seiner Frau eine Freude zu machen bemühte sich Shermer darum, das offenbar seit Jahrzehnten verstummte Radio wieder in Gang zu bringen:

"Ich habe neue Batterien eingelegt und das Gerät geöffnet, um zu sehen, ob es darin vielleicht lose Verbindungen gab. Ich habe sogar versucht, das Gerät durch einen leichten Stoß wieder in Gang zu bringen, wie er bei derartigen Geräten bekanntlich Wunder wirken soll. Doch es half nichts. Das Gerät blieb stumm und wir haben es dann wieder in einer Schreibtischschublade in unserem Schlafzimmer verstaut."
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Drei Monate später feierten das Ehepaar dann gemeinsam mit Shermers Familienangehörigen in den USA im Familienkreis die standesamtliche Bescheinigung der Hochzeit und wollten bei dieser Gelegenheit auch die Ringe austauschen.
"9.000 Kilometer von ihrer Familie und von Freunden in Deutschland getrennt, fühlte sich Jennifer nicht wohl und einsam. Sie wünschte sich, dass ihr (mittlerweile bereits verstorbener) Großvater da sein könne und flüsterte mir zu, dass sie mir alleine etwas sagen wolle. Aus diesem Grund entschuldigten wir uns von unserer Gesellschaft und gingen in den hinteren Teil des Hauses. Hier hörten wir nun Musik, die aus unserem Schlafzimmer zu kommen schien. Allerdings haben wir darin keine Musikanlage oder Lautsprechersysteme. Deshalb suchten wir nach Laptops und iPhones und öffneten sogar die Tür, um uns zu versichern, ob nicht etwa unsere Nachbarn Musik spielten. Danach folgten wir dem Klang bis zum Drucker auf unserem Schreibtisch und fragten uns absurderweise sogar, ob vielleicht dieses Gerät - eine Kombination aus Drucker, Scann und Fax - nicht vielleicht auch ein eingebautes Radio besitzt. Aber nein.

In diesem Moment warf mir Jennifer einen Blick zu, wie ich ihn seit dem Film 'Der Exorzist' nicht mehr gesehen hatte und fragte: 'Das kann nicht das sein, was ich vermute was es ist, oder?' Dann öffnete sie die Schreibtischschublade und zog das Radio ihres Großvaters hervor, aus dem ein romantisches Liebeslied tönte. Wir saßen einige Minuten lang in verblüffter Stille da. 'Mein Großvater ist gerade bei uns', sagte Jennifer den Tränen nah. 'Ich bin nicht allein.' Während das Radio weiter spielte gingen wir zu unseren Gästen zurück und erzählten, was wir gerade erlebt hatten. Meine Tochter Devin, die nur kurz vor Beginn der Zeremonie aus ihrem Zimmer kam fügte hinzu: 'Ich habe die Musik aus Eurem Schlafzimmer in dem Moment gehört, als wir gerade beginnen wollten.' Ebenfalls merkwürdig war, dass wir selbst noch kurz zuvor im Schlafzimmer gewesen waren ohne, dass die Musik gespielt hatte. Am Abend sind wir dann zu klassischer Musik aus Walters Radio eingeschlafen. Passenderweise hörte das Radio am nächsten Tag wieder auf zu spielen und schweigt seither wieder ununterbrochen."
Wäre dies jemand anderem passiert, erklärt Shermer weiter, "hätte ich das wohl mit einer elektrischen Anomalie und mit dem bekannten Gesetz der großen Zahlen erklärt, wonach täglich Milliarden von Menschen Milliarden von Ereignissen widerfahren und somit zwangsläufig auch einige geben muss, die den Zeugen bedeutend erscheinen. Allerdings sind solche Anekdoten keine wissenschaftlichen Beweise dafür, das die Toten überleben oder dass sie mit uns mittels elektronischer Ausrüstung kommunizieren können."
Abschließend hebt Shermer nochmals hervor, dass seine Frau Jennifer genauso skeptisch gegenüber paranormalen und übernatürlichen Phänomenen sei wie er selbst.
"Dennoch vermittelte die merkwürdige Verknüpfung dieser tief bewegenden Ereignisse in meiner Frau das starke Gefühl, dass ihr Großvater anwesend war und dass die Musik sein (unsere Hochzeit) anerkennendes Geschenkt an sie war."
"Auch ich muss eingestehen, dass (dieses Ereignis) mich und meinen Skeptizismus im Kern erschüttert hat. Und ich das Erlebnis selbst mehr zu schätzen weiß, als eine Erklärung.

Die emotionale Interpretation derart anomaler Ereignisse verleihen ihnen Bedeutung - unabhängig von ihrer kausalen Bedeutung. Und wenn wir das naturwissenschaftliche Credo wirklich ernst nehmen, uns also einen offenen Geist bewahren und weiterhin agnostisch bleiben, sollten die Beweise unschlüssig oder ein Rätsel ungelöst sein, dann sollten wir nicht die Türen der Erkenntnis verschließen, wenn sie uns vielleicht die Möglichkeit erlauben, das Rätselhafte zu bestaunen."

- Michael Shermers Originalartikel finden Sie HIER


Im wahrsten Sinne große Worte eines Erz-Skeptikers wie Sherman, die unmittelbar darauf auch für viel Unverständnis innerhalb der skeptischen Gemeinde besonders in den USA sorgten. Schon in vielen Kommentaren zu Shermans "Infrequencies" selbst wird diese Empörung deutlich. Hier zwei Beispiele:


"Michael, das Lesen Ihres letzten Absatzes hat mich geradezu beschämt. Für was bitteschön sollen wir denn einen offene Geisteshaltung bewahren? Dass Jenifers verstorbener Großvater das Radio repariert haben könnte? Wusste er einst überhaupt, wie man Radios repariert? Gäbe es nicht vielleicht viel einfachere Wege für die Verstorbenen, um mit den Lebenden zu kommunizieren. Gelinde gesagt wäre ganz bestimmt interessant, einen Elektriker bestimmen zu lassen, was mit dem Radio nicht stimmt."


"Ich bezweifele, dass Ihre Entscheidung, diese Geschichte öffentlich zu erzählen, die richtige war. Sie haben sich selbst und für zukünftige Diskussionen eine Achillesferse geschaffen und ihren Gegenübern einen Weg geebnet, ihnen Heuchelei vorwerfen zu können: Wer öffentlich von anderen fordert, irrationale Glaubensvorstellungen und ungewöhnliche Erfahrungen kritisch zu hinterfragen, darf für sich selbst und in seinem privaten Leben keine anderen Standards ansetzten.


Wenn Sie selbst wirklich glauben, dass hier eine übernatürliche Kraft am Werk war, so ist es nur ehrlich, dies auch so zu berichten und ein solcher Schritt verdiene zumindest Respekt. Wenn Sie aber im Innern Ihres Herzens einsehen, dass es für dieses Ereignis eine natürliche Erklärung gibt, dann schadet diese Art eines unkritischen Beitrags nicht nur Ihrer Professionalität sondern auch anderen Skeptikern, die wahrscheinlich mit dieser Geschichte im Sinne einer 'Bekehrung im Alter' konfrontiert werden (...)."


Andere Kommentatoren weisen Shermer eher sachlich auf die "naheliegenste Erklärung" hin:


"Da ich selbst schon einige merkwürdige elektronische Fehlfunktionen erlebt habe, würde ich sagen, dass die An-Aus-Schalter-Kontakte wahrscheinlich stark oxidiert waren und dass das Radio selbst eingeschaltet war und dann bleib, als Sie die neuen Batterien eingelegt hatten. Durch Erwärmung und Abkühlung und oder Vibrationen können kleine Metallteile in einem typischen 1970er Transistor plötzlich korrodieren und dadurch einen Kontakt herstellen. Die durchschnittliche Batterieleistung in einem alten Transistorradio entspricht hinzu - abhängig von der gewählten Lautstärke - in etwa 24 Stunden. Das Timing dieses Vorgangs... nun gut, dass ist eben einfach nur merkwürdig."


Wiederum andere Kommentatoren beschrieben sich selbst als "ebenso skeptisch" wie der Autor, fühlen sich jedoch durch dessen Offenheit dazu ermutigt, von eigenen "unerklärlichen Erfahrungen" zu berichten:


"Obwohl ich selbst schon mein ganzes Leben lang ein Skeptiker bin, hatte aber auch ich einmal ein Erlebnis, das ich nicht erklären konnte: Ich wachte eines Nachts völlig verängstigt auf und hatte das Gefühl (bzw. viel eher sogar die Gewissheit), dass jemand neben mir auf meinem Bett saß. Später konnte ich mir die Sache nur dadurch erklären, dass das ein Geist gewesen sein muss - obwohl ich selbst nicht an Geister geglaubt habe. Diese Erfahrung hat zwar nicht meinen Skeptizismus verändert, aber ich konnte es seither auch nicht mehr vergessen. Viele Jahre später habe ich erfahren, dass es sich dabei um ein recht häufiges Phänomen handelt, während dessen eine Hälfte unseres Gehirns wach ist, die andere aber weiterhin schläft. Auch ich vermute, dass Oxidation im Radio die bislang beste Erklärung für Ihr Erlebnis ist, da ich schon viel Erfahrung mit batteriebetriebenen Geräten dieser Art und deren merkwürdigem Verhalten gemacht habe."


Ein anderer Kommentator berichtet:


"Auch ich habe eine naturwissenschaftliche Geisteshaltung, wurde jedoch von folgendem Erlebnis überrumpelt: Ich war in einer vierstündigen Examensarbeit, konnte mich aber einfach nicht konzentrieren. Vier Nächte zuvor, hatte ich den Fragebogen dieses Examens in einem Traum gesehen. Ich rief umgehend meinen jüdischen Vater an und fragte ihn, ob so etwas möglich sein könne. Er erinnerte mich daran, dass Träume auch in der Schrift eine Rolle spielen. Das Ende meiner Geschichte war dann, dass der Fragebogen aus meinem Traum exakt dem entsprach, der nun vor mir lag. Ich war starr als ich das bemerkte. Dann aber habe ich die Fragen beantwortet, mit einer extrem hohen Bewertung bestanden und bekam in Folge dieses guten Abschlusses bekam ich ein Promotionsstipendium. Bis heute wundere ich noch über dieses Erlebnis."


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