Dienstag, 9. Dezember 2014

Studie: Mitteleuropa wohl keine Kontaktzone von Neandertalern und modernen Menschen


Knochenspitzen aus Mokriška jama, Slowenien. | Copyright: Foto: Tomaž Lauko, Slowenisches Nationalmuseum Ljubljana

Neuwied (Deutschland) - Dass sich Neandertaler und moderne Menschen zweitweise nicht nur einen weitflächigen Lebensraum teilten, sondern auch aufeinander trafen und sich sogar vermischten, gilt mittlerweile anhand von DNA-Analysen als gesichert. Wie sich das Nebeneinander beider Menschenarten jedoch genau gestaltete und wo sie sich trafen, bleibt indes eine kontrovers diskutierte Forschungsfrage. Zumindest Mitteleuropa war, das zeigt nun eine aktuelle Studie, jedoch nicht wie bislang vermutet, die Kontaktzonen der beiden Menschenarten.

Wie das internationale Team um Dr. Luc Moreau vom Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution (MONREPOS) am Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) - Forschungsinstitut für Archäologie aktuell im Fachmagazin "Journal of Human Evolution" (DOI: 10.1016/j.jhevol.2014.09.007) berichtet, haben sie untersucht, welchen Beitrag Neandertaler zur ältesten modernmenschlichen Kultur Europas, dem sogenannten "Aurignacien", geleistet haben.


Hierzu haben die Archäologen Knochenspitzen und Steingeräte von rund 30 bis 40.000 Jahre alter hochalpinen Fundstellen in Slowenien untersucht, gilt diese Zeit doch als eine der turbulentesten Phasen der frühen Menschheitsgeschichte in Eurasien: "Schlagartig tritt ein ganzes Paket kultureller Neuerungen mit Kunst, Musik und Bestattungen auf", erläutert die Pressemitteilung des RGZM und führt weiter aus: "Zeitgleich vollzieht sich ein umfassender demographischer Wandel: anatomisch moderne Menschen wandern vor über 43.000 Jahren nach Europa ein und die Neandertaler verschwinden. Fest steht, dass es ein zeitweises Nebeneinander beider Menschenarten gab. Denn genetisch sind wir noch heute ein stückweit Neandertaler."


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Das südliche Mitteleuropa zwischen Balkan und Mittelmeer, nimmt als potentielle Einwanderungspassagen des anatomisch modernen Menschen eine Schlüsselposition für die Untersuchung des Aurignacien ein: Waffenspitzen aus Knochen, Geweih oder Elfenbein, ein wesentliches Merkmal des modernmenschlichen Innovationspakets, treten hier in Massen auf. "Dass bereits Neandertaler Waffenspitzen aus Knochen, Geweih oder Elfenbein hergestellt haben, möglicherweise in Folge einer Interaktion mit modernen Menschen, ließ sich nach Lage der archäologischen Befunde bislang nicht ausschließen. Deshalb nehmen die Knochenspitzen eine wichtige Stellung in der Forschungsdiskussion um die Entstehung von kultureller Modernität am Übergang zwischen Neandertalern und modernen Menschen ein. Es hat mich besonders gereizt, hierfür endlich eine solide Diskussionsbasis zu schaffen", so Dr. Luc Moreau.

In ihrer Studie haben die Forscher nun den Beginn des Aurignacien im südlichen Mitteleuropa erstmals auf ein verlässliches chronologisches Fundament gestellt. Die neuen Datierungen typischer Knochenspitzen, darunter auch solche mit gespaltener Basis, durch die 14C-Methode ergaben nun jedoch ein Alter um 32.000 Jahren. Das ist wesentlich jünger, als die letzten Neandertaler in dieser Region!


"Hier sind sich Neandertaler und moderne Menschen also offenbar nicht begegnet", so die Schlussfolgerung der Forscher. "Die modernmenschlichen Siedler wanderten in ein bereits über einige Tausend Jahre bevölkerungsleeres Gebiet ein."



Lage des Fundplatzes Potočka zijalka (s. roter Pfeil o.l.) in Slowenien im Hochgebirge (1630 m ü. HN). Der rote Pfeil deutet auf den Höhleneingang. | Copyright: Luc Moreau, MONREPOS

Auch die Ergebnisse der Untersuchungen der Steinwerkzeuge, die immer wieder als Hinweis auf eine kulturelle Kontinuität zwischen Neandertalern und anatomisch modernen Menschen angeführt werden, entziehen dieser Diskussion den Boden: "Die Steingeräte zeigen keinerlei neandertalertypische Kennzeichen, sondern spiegeln technologisch, logistisch und typologisch allein charakteristische modernmenschliche Verhaltensweisen des Aurignacien wider."


Die Befunde seien auch insofern bemerkenswert, als zwei der Fundplätze im alpinen Hochgebirge liegen. Fertige Waffen und 90 Prozent des Steinrohmaterials aus einem über 20 Kilometer und 500Höhenmeter entfernten Flusstal wurden eigens zu den 1600 Meter hoch gelegenen Jagdplätzen geschafft und hier offenbar sogar gehortet: allein in der Höhle "Potocka zijalka" wurden 125 Knochenspitzen gefunden. Diese Befunde belegen vorausschauendes Planen und eine ausgefeilte Logistik der Hochgebirgsjäger, die die Höhle immer wieder kurzzeitig aufgesucht haben. "Diese Art des Risikomanagements und die bis ins Detail geordnete Logistik sind typisch modernmenschliche Verhaltensweisen", so der Moreau abschließend.


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