Freitag, 27. Februar 2015

Forscherin untersucht das "Sterben vor laufender Kamera"

Symbolbild: Kameraobjektiv. | Copyright: grewi.de

Bochum (Deutschland) - Videos von sterbenden Protestteilnehmern aktueller Konflikte tauchen immer häufiger bei YouTube auf. Was lösen sie aus? Wie verändern sie die Medien und unsere Sicht der Dinge? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die RUB-Medienwissenschaftlerin Mareike Meis am Beispiel der Konflikte in Iran und Syrien. Sie stellt fest: Bilder von Sterbenden, auch aus der Perspektive des Sterbenden selbst, sind nicht neu. Aber die Qualität der Bilder hat sich verändert, die Begegnung mit dem Tod ist intensiver, intimer. Was macht das mit dem Betrachter? Wie wirken die Videos auf Betroffene der Konflikte?

- Bei dieser Meldung handelt es sich um eine Pressemitteilung der Ruhr-Universität Bochum


Echt oder nicht: Zweitrangige Frage


Teheran, Juni 2009: Verwackelte Bilder zeigen eine junge Frau, die getroffen von einem Schuss zu Boden geht. Der Tod von Neda Agha-Soltan, aufgezeichnet mit einer Handy-Kamera, schlägt sofort hohe Wellen bei YouTube, wird aufgegriffen von den weltweiten Massenmedien, auch von ARD und ZDF. Ob Neda zu den Demonstranten gehörte, ist unklar, ebenso, ob das Video vielleicht inszeniert ist, wie das iranische Regime behauptet. Szenenwechsel: Ein Schusswechsel im syrischen Bürgerkrieg 2011. Ein Handyfilmer filmt seinen eigenen Tod, deutlich ist der Schütze zu erkennen. Für Mareike Meis zwei Ausgangspunkte für ihre Analyse. Für sie ist die Frage nach der Echtheit des Sterbens in diesen Filmen zweitrangig. Sie fragt, was solche Videos diskurstheoretisch und medienästhetisch auslösen.


Perspektive des Sterbenden ist nicht neu


"Zwischen den beiden Filmen und überhaupt zwischen weiteren Filmen aus den beiden Konflikten gibt es einen großen Unterschied", sagt sie. "Die Perspektive wechselt von der des Beobachters zu der des Filmenden." Im syrischen Konflikt nimmt der Betrachter häufig die Perspektive des Filmenden ein und im speziellen Fall des Handy-Todesvideos sogar die des Sterbenden selbst. „Diese Darstellung des Sterbens im Video erscheint zunächst neu, als etwas, das bislang so nicht sichtbar war“, sagt die Forscherin. Wenn man genauer hinsieht, stellt man aber fest, dass die Motive durchaus bekannt sind. "Man denke nur an die Bilder des sterbenden Benno Ohnesorg bei den Studentenprotesten der 1960er-Jahre", erklärt Meis. Auch die Kameraperspektive des Sterbenden ist nicht neu. Während des Militärputsches in Chile 1973 filmte Leonardo Henrichsen seinen eigenen Tod durch einen Pistolenschützen der Armee.


Neu ist die Intimität der Begegnung mit dem Tod


Neu ist tatsächlich die Qualität der Bilder des Handys: Die Begegnung mit dem Tod ist intensiver und intimer als zur Zeit der Massenmedien. Etwas, das auch dazu führt, dass die Betrachtung der Videos mit Angstlust, Voyeurismus, Obszönität, Pornografie zu tun hat. Eine weitere Frage, die Mareike Meis im Rahmen ihrer Arbeit noch beantworten will, ist die nach den Auswirkungen solcher Videos auf Betroffene der Konflikte. Dazu plant sie Gespräche mit Künstlern, die mit den Videos arbeiten und teils Helfer in den Krisengebieten haben, die vor Ort filmen. Über diese Akteure hofft sie auch in Kontakt zu weiteren Konfliktbetroffenen treten zu können, die zurzeit in Deutschland im Asyl sind.


- Ein ausführlicher Beitrag findet sich im Onlinemagazin RUBIN, dem Wissenschaftsmagazin der RUB


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