Dienstag, 7. April 2015

Forscher bewerten Theorien zum Niedergang der Osterinsel-Kultur


Historische Aufnahme einiger Moai von 1880. | Copyright: gemeinfrei

Bremen (Deutschland) - Theorien darüber, wie und warum es zum Niedergang der Kultur der Osterinsel kam, sind ebenso zahlreich wie kontrovers. Bis heute zeugen kolossale Steinskulpturen, die sogenannten Moai, Felszeichnungen und eine einzigartige Schrift von einer hochentwickelten Kultur, die ihre letzten Geheimnisse noch nicht preisgegeben hat. Deutsche Wissenschaftler haben nun die vorhandenen Daten zusammengeführt und anhand dieser und darauf aufbauender mathematischer Modelle die bisherigen Theorien überprüft und konnten damit bislang noch offenen Fragen beantworten.

Wie die Forscher um Gunnar Brandt vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT) aktuell im Fachjournal "Frontiers in Ecology and Evolution" (DOI:
10.3389/fevo.2015.00013) berichten, werde die Geschichte der Osterinsel wird oft als düstere Warnung vor unserer Zukunft angesehen, als Parabel für die Rücksichtslosigkeit des Menschen gegenüber seiner fragilen Umwelt. Hinzu schaffe das Fehlen schriftlicher Quellen und eine karge Datenlage Raum für Spekulationen. So ranken sich denn auch um den Untergang des Volkes der Rapa Nui hauptsächlich zwei sehr gegensätzliche Theorien, erläutert die ZMT-Pressemitteilung:

- Vertreter der sogenannten Ökozid-These stellen die Zerstörung der Lebensgrundlage in den Vordergrund. Auf der einst dicht mit Palmen bewachsenen Insel wurde der Wald intensiv abgeholzt, um Brenn- und Baumaterial zu gewinnen. Mit dem Wald verschwand die wichtigste Ressource der Insel. Diese ökologische Katastrophe soll schließlich auch zu einem dramatischen Rückgang der Bevölkerung geführt haben.


- Die Theorie des Genozids legt den Schwerpunkt dagegen auf den Kontakt mit europäischen Entdeckern im 18. Jahrhundert. Sie brachten Infektionskrankheiten wie Grippe, Pocken und Syphilis auf die Insel. Sklavenjäger verschleppten zudem tausende von Insulanern als Zwangsarbeiter zu den Guano-Minen in Peru. Die Population soll dadurch in sehr kurzer Zeit fast ausgerottet worden sein, so dass 1877 nur noch 36 Ureinwohner auf der Insel gezählt werden konnten.


"Wir fragten uns, ob die Rapa Nui diesen katastrophalen Entwicklungen tatsächlich so hilflos ausgeliefert waren", erläutert Agostino Merico, Koautor der Studie.


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Die Forscher haben nun ein mathematisches Modell entwickelt und testeten verschiedene Theorien über den zeitlichen Verlauf der Abholzung und der Bevölkerungsentwicklung auf ihre Plausibilität. Das Modell stützt sich insbesondere auf Rückstände des verschwundenen Palmenwaldes, die mit der Radiokarbonmethode datiert wurden.

Als Ergebnis stellen die Autoren der Studie nun fest, dass sich der Niedergang der Rapa Nui wahrscheinlich sehr viel länger hingezogen hat als bisher angenommen. "Zwar ging die Zahl der Ureinwohner schon vor dem Eintreffen der Europäer zurück. Doch scheinen sie über lange Zeit in der Lage gewesen zu sein, sich an die Veränderungen in ihrer Umwelt anzupassen und ihre Ressourcen so zu bewirtschaften, dass ein abrupter Kollaps ausblieb. Die Ankunft der Europäer bedeutete schließlich eine zusätzliche, sehr dramatische Störung, der die bereits angeschlagene Inselbevölkerung nicht mehr trotzen konnte."


Die Forscher selbst bezeichnen ihre Studie abschließend als "großen Fortschritt in der Debatte um die Geschichte der Osterinsel, da sie die kontroversen Theorien anhand objektiver und quantitativer Daten bewertet. Sie zeigt, dass erst ein Zusammenspiel von Übernutzung natürlicher Ressourcen, Dezimierung durch Krankheiten und Versklavung den Niedergang der Rapa Nui zufriedenstellend erklären kann."


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