Samstag, 18. April 2015

Forscher stellt Seevölker-These zum Kollaps der Levante-Reiche am Ende der Bronzezeit infrage


Seeschlacht im Nildelta zwischen den Streitkräften von Ramses III. und den „Seevölkern“. Umzeichnung eines Wandreliefs im Tempel von Medinet Habu. | Copyright: gemeinfrei

Tübingen (Deutschland) - In seiner Forschungsarbeit widerlegt ein Doktorand des Sonderforschungsbereichs 1070 RessourcenKulturen an der Universität Tübingen die bis heute in der biblischen Archäologie vieldiskutierte These, dass Seevölker aus dem nördlichen Mittelmeerraum für den Kollaps der Reiche in der Levante am Ende der Bronzezeit verantwortlich waren.

Wie die Pressemitteilung der Universität erläutert, galt bislang eine Inschrift aus dem Totentempel von Ramses dem III in Medinet Habu aus dem Jahr 1180 v.Chr. (s.Abb.), auf der die Invasion von Fremden, die über das Meer kamen, als Grund für den Niedergang ägyptischer Nachbarreiche genannt wird, als Beweis für die Existenz dieser Seevölker. Die bisherige archäologische Forschung leite daraus die Vorstellung ab, dass Seevölker aus dem Mittelmeerraum auch für den ökonomischen Kollaps in der Levante, also der Länder östlich von Italien am Mittelmeer liegen (Morgenland), verantwortlich gewesen.


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Wie der Jesse Millek nun jedoch anhand seiner Forschungsarbeit berichtet, sprechen die neuesten Erkenntnissen jedoch dafür, dass die Ursachen für den starken Rückgang des Handels viel komplexer sind als bisher angenommen und eher auf einen internen, gesellschaftlichen Umwälzungsprozess und auf einen veränderten Umgang mit Ressourcen zurückzuführen sind. Die Dokumentationen archäologischer Grabungen an 16 Fundorten der Region werden in der Forschungsarbeit des SFB 1070 kritisch neu bewertet und ausdifferenziert. Ein Beispiel ist die Fundstätte Lachisch, 44 Kilometer südwestlich von Jerusalem, eine der größten und bedeutendsten Fundstätten der Levante.

"In früheren Grabungen wurden in der spätbronzezeitlichen Zerstörungsschicht 7 die ausgebrannten Überreste eines Tempels und eines Gebäudes entdeckt", so die Pressemitteilung weiter. "Diese Funde interpretierte man in Untersuchungen als Hinweise auf eine kriegerische Auseinandersetzung mit den Seevölkern. Die kritische Neubetrachtung der Grabungsdokumentation zeigt, dass bei der initialen Interpretation einige Faktoren übersehen wurden."


"Der bronzezeitliche Gebäudebrand in Lachisch begann nachweislich im Küchenbereich - auch in der Bronzezeit gab es ganz alltägliche Ursachen für Zerstörungen“, berichtet Millek. "Der Tempel weist keinerlei Vandalismus und keine Anzeichen von Schatzräuberei auf und wurde vor der Zerstörung vollständig geräumt. Alles deutet auf eine kultische Stilllegung der Stätte hin. Die heiligen Gegenstände wurden geordnet und systematisch entfernt. Der Standort des Tempels blieb dennoch als heilige Stätte tabu, auch in späterer Zeit." Die geordnete Stilllegung von Heiligtümern deute auf einen veränderten Umgang mit spirituellen Ressourcen und eine kulturelle Neuordnung von Werten innerhalb der Gesellschaft hin. In der weiteren Forschungsarbeit soll nun geklärt werden, inwieweit der Rückgang des Handels mit diesem Wertewandel zusammen hängt.


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