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Montag, 26. Mai 2008

Kontroverse um Exorzismus in Deutschland

Dämonenaustreibung durch Jesus Christus, auf einem Fastentuch im Gurker Dom aus dem Jahre 1458, von Meister Konrad von Friesach | Copyright: Public Domain

Köln/ Deutschland - In einem Interview mit den Radiosender "WDR 5" offenbarte der katholische Priester Jörg Müller von der "Heilenden Gemeinschaft", dass alleine seine Einrichtung im vergangenen Jahr rund 350 Anfragen für ein "Befreiungsgebet" erhalten habe. Im gesendeten Feature wird dies mit den stereotypen Vorstellungen exzessiver Exorzismen gleichgesetzt, einer Darstellung, der die Verantwortlichen deutlich widersprechen.

In dem Radiofeature "Beten auf Teufel komm raus - Exorzismus in Deutschland heute" von Marcus Wegner und Theodor Dierkes, und der gleichartigen TV-Dokumentation (BR) die am 18. und 21 Mai 2008 ausgestrahlt wurden, erklärte der Leiter des psychotherapeutisch-christlichen Bildungs- und Therapiezentrums, dass in den vergangenen Jahren die Anzahl derartiger Anfragen ständig zunehmen: "Leuten die glaubten, sie wären verwünscht, besessen oder abhängig von irgendwelchen Geistwesen oder Menschen und die Therapie – wenn sie überhaupt eine gemacht hatten – hat nicht geholfen. Also wollten sie einen Exorzismus haben, ein Gebet der Befreiung, ganz klar und bitten mich, dies zu tun."

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Müller ist Theologe und Psychotherapeut und leitet die den sog. Münchner Kreis, eine Anlaufstelle, die aus Ärzten, Psychologen, Priestern und Laien besteht und dem Erzbistum München-Freising untersteht. Auch die Unterstützung "begabter Damen und Herren" nimmt Müller in Anspruch, wenn es darum geht einzuschätzen, um zu erkennen, ob tatsächlich ein Mensch von einem Dämon besessen ist. Diese Personen hätten, so zitiert die WDR-Doku den Exorzisten "die Gabe, Dämonen im Körper anderer zu erkennen und zu fühlen. "Bei zehn Prozent aller Anfragen lägen zunächst Anzeichen einer Besessenheit vor, nach Prüfung bleibt aber nur eine Handvoll für den priesterlichen Befreiungsdienst übrig."

Müller selbst habe schon an zahlreichen Exorzismen teilgenommen, sei sich selbst jedoch in keinem Fall ganz sicher, "ob wirklich dämonische Mächte am Werk waren oder andere Kräfte wirkten." Es bleibe immer eine Grauzone und Restunsicherheit. Da es keine hundertprozentige Gewissheit gebe, sei das Gebet sehr gefährlich und erfordere Klugheit, Diskretion und Prüfung.

Ein weiterer Grund dafür, dass Exorzismen heutzutage in der Öffentlichkeit mit einem Tabu belegt sind und Informationen darüber kaum an die Öffentlichkeit dringen, liegt im wohl ebenso berühmtesten wie auch umstrittensten Exorzismus, der je hierzulande durchgeführt wurde. 1976 starb die 24-jährige Anneliese Michel an den Folgen von Unterernährung und Entkräftung, die wiederum - so die spätere Anklage - Folge zahlreicher an ihr durchgeführten großen Exorzismen nach dem katholischen "Rituale Romanum" gewesen sein sollen.

Über die Hintergründe für die durchgeführten Exorzismen streiten sich bis heute Verteidiger und Kritiker des Exorzismus und seiner Grundlagen. der Fall Anneliese Michel gehört zu den wohl am besten belegten, dokumentierten und in der Öffentlichkeit diskutierten Exorzismen und diente als Grundlage für zahlreiche literarische und filmische Umsetzungen des Themas - zuletzt in den Kinofilmen "Requiem" (2006) und "Der Exorzismus von Emily Rose", bei dessen Entstehung auch Dr. Felicitas Goodman beteiligt war und hierbei für eine nach ihrer These korrekte Darstellung des Exorzismus und der Besessenheitsphänomene sorgte. Goodman erklärt die Ereignisse auf der Grundlage ihrer selbst entwickelten kulturanthropologischen Forschungen. Demnach gebe es in allen Religionen das sogenannte Phänomen eines religiösen Ausnahmezustandes, der sowohl positiv als auch negativ auftreten könne. Dieser Ausnahmezustand sei im Menschen prinzipiell angelegt, wobei verschiedene Menschen unterschiedlich begabt für das Erreichen dieses Zustands seien. Wird der Ausnahmezustand positiv erfahren, so wirke er sich im Lustzentrum des Gehirns aus, andernfalls erreiche er das Strafzentrum.

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Weitere Informationen über den Fall Anneliese Michel finden Sie HIER

Das Ergebnis der WDR/BR-Produktion selbst sieht Jörg Müller indes eher kritisch und erklärt auf der Homepage des Pallotti Hauses, dass "das Thema 'Exorzismus' in den Medien derzeit einseitig und auch falsch behandelt, auch bewusst dramatisch hochgeschaukelt werde, um einerseits Quote und andererseits Stimmung gegen die Kirche zu machen."

Immer wieder, so der Theologe weiter, würden Journalisten versuchen, den Begriff Exorzismus einzubringen und den interviewten Priester mit seinen Aussagen in eine bestimmte Ecke zu drängen: "Absicht ist es, das alte klassische Bild eines schreienden, möglichst noch gefesselten Menschen zu zeichnen, der mit beschwörenden Worten und Schlägen vom Teufel befreit werden soll. Dieses mittelalterliche Spektakulum hat sich als Konditionierung in der Gesellschaft festgebissen und wird durch die Medien (und Filme) allzu gern aufrechterhalten."

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Dass es solche Szenen weltweit noch gebe, sei schlimm genug. In Deutschland seien derartige Vorgänge seit Klingenberg 1976 jedoch verboten. Die Behauptung des Journalisten Markus Wegner, in Deutschland würden "täglich in unzähligen Pfarrhäusern exorziert" sei nicht belegbar: "Wahrscheinlich verwechselt er das Gebet um Heilung und Befreiung mit dem dramatischen, mittelalterlichen Exorzismus. Es ist eher so, dass die Priester sich scheuen, diesen Dienst zu tun, weil sie nicht wissen, wie es geht und weil sie Angst haben vor den Auswirkungen.

Zwei Lager, so Müller, stünden sich gegenüber: "Die einen glauben an die Möglichkeit dämonischer/ geistiger Beeinflussung, die anderen glauben dies auf keinen Fall und bemühen medizinische/ psychologische Erklärungen. Beide Positionen können ihren Glauben empirisch nicht beweisen. Es bleibt eine Grauzone des Unerklärlichen. Das Freiburger Institut für Parapsychologie spricht von 14 Prozent. Während die einen alles ausschließlich mit psychischen Erkrankungen erklären, versuchen die anderen, in medizinisch aussichtslosen Fällen und nach Prüfung der Lage durch Gebet und religiöse Rituale/Sakramente Heilung zu bewirken. Dabei ist der Exorzismus als letzte Möglichkeit in den seltensten Fällen eine Option."

Das Missverständnis mit dem Begriff Exorzismus, liegt auch für Jörg Müller im Fall Michel, seit dem es in Deutschland keinen offiziellen Exorzismus mehr gegeben habe. "Es gibt wohl die Praxis der Befreiungsgebete, die jedoch nichts mit dem Exorzismus im klassischen Stil zu tun haben." Das "imprekative Gebet", bei dem der Dämon persönlich mit den Worten "Ich gebiete dir, Dämon" angesprochen wird, sei in Deutschland verboten - lediglich das "deprekative Beten", in dem Gott um die Befreiung des betroffenen Menschen von den Angriffen böser Mächte gebeten werde, sei gestattet. "Solche Gespräche können ohne besondere Erlaubnis von jedem Priester und Christ gesprochen werden, wobei es zu empfehlen ist, Begriffe wie 'Teufel' oder 'Dämon' zu meiden, da sie eher Angst machen als beseitigen."

Müller plädiert in seinem Artikel denn auch für die Abschaffung des Begriffs "Exorzismus", weil er zum einen "falsche, angstbesetzte und dramatische Assoziationen weckt" und zum anderen "dem tatsächlichen pastoralen Dienst nicht gerecht wird." Vielmehr solle der Begriff "Befreiungsdienst" als umfassender pastoraler Dienst verwendet werden.

Gemeint sei hierbei das, was z.B. der "Münchener Kreis" tue. "Wenn sich herausstellt, dass eine Person, die geistig gesund ist, überzeugend und selbstkritisch genug von Phänomenen spricht, die aus medizinisch- psychologischer Sicht nicht klärbar sind, wird sie eingeladen in das Team. Dabei ist es nicht immer möglich, die Symptome eindeutig zuzuordnen, etwa einer Borderline-Erkrankung, einer nach Missbrauch entstandenen Dissozation der Gefühle, einer Psychose oder einer wirklich bösartigen Attacke"

Es gehe nicht um Austreibung, sondern um Heilungsgebete, bestehend aus Psalmen, Litaneien, evtl. frei gesprochenen Bitten um Genesung und Befreiung von Hass, rachsüchtigen Personen, von vermeintlichen oder wirklichen Verfluchungen. Der Vorgang sei alles andere als spektakulär: "Er ist sehr nüchtern, ermüdend, und somit für die Medien höchst uninteressant."

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Zu jenen Menschen, die sich an seine Institution wenden, zählten hauptsächlich Personen, die durch magische Praktiken, Verstrickung in okkulten Szenen, auch durch heftige Traumatisierungen und rituellen Missbrauch im Satanskult massive Störungen aufzeigen, die mit gängigen Psychotherapien oder Medikamenten nicht zu beeinflussen seien: "Viele dieser Personen halten sich für besessen, sind es aber nicht. Manche kommen als austherapierte Klienten zum Team. Auch nimmt sich das Team jener Fülle an, die von häuslichen Spukphänomen sprechen, seien sie orts- oder persongebunden. Ein Exorzismus, wie man ihn kennt, gibt es nicht, wäre kontraproduktiv und dem Menschen nicht dienlich." Die Möglichkeit einer geistigen Beeinflussung (z.B. durch dämonische Wesen, durch Verstorbene, durch telepathische Übertragungen usw.) werde zwar nicht geleugnet, spiele aber im gesamten Dienst eine "marginale Rolle".

"Es wäre unverantwortlich, diese Menschen in ihrer Hilflosigkeit abzuweisen, zumal selbst Chefärzte von psychiatrischen Kliniken zugeben, dass 10 Prozent ihres Klientels in die Hand eines Priesters gehören. Wir vermitteln Therapeuten vor Ort oder begleiten selber die Menschen."

Sollte es die in den Medien breitgetretene Szenerie spektakulärer und fragwürdiger Teufelsaustreibungen in Deutschland trotz des Verbots weiterhin geben, würden sie nicht den wirklichen Stand der Dinge widerspiegeln. "Die Existenz von Engeln - darunter auch Dämonen - wird nicht geleugnet. Aber der Teufel wird nicht an die Wand gemalt; eine Demokratie gibt es nicht, lediglich eine verantwortungsvolle Gruppe von Fachleuten, die sich in der Grauzone von Medizin und Mystik umschaut und den Notleidenden dort abholt, wo er emotional und geistlich steht."

Quellen: grenzwissenschaft-aktuell.de / pallottiner-freising.de / wdr5.de / wikipdia.de


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, 26. März 2008
Verwirrung um angeblich päpstliche Pläne für neue Exorzismus-Kampagne, 31. Dezember 2007
Polen: Erstes Zentrum für Exorzismus, 21. Dezember 2007
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