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Samstag, 8. November 2008

Die Eylandt-Recherche: 'Mockumentary' und 'Scripted Reality' statt Alien-Doku

Archiv: Panorama von Duisburg | Copyright: Smit/GNU FDL

Köln/ Deutschland - Schon seit einigen Monaten sorgt ein Internetauftritt und gezielt auf UFO-thematisch orientierten Seiten platzierte Werbung für den am 6. November in ausgewählten Kinos gestarteten Film "Die Eylandt Recherche" besonders im Internet und Online-Foren für Diskussionen über den Inhalt des als Spielfilm-Doku daherkommenden Films. Doch schon die offizielle Presseinfo zum Filmstart verrät die tatsächlichen Hintergründe des Projekts.

Der Inhalt der "Eylandt Recherche" ist schnell erzählt: Anhand von Briefen seiner Schwester Josefine Eylandt erfährt der New Yorker Rechtsanwalt William Singer von deren unglaublicher Geschichte. Im Zweiten Weltkrieg will sie drei schwer verwundete "Herrschaften, die nicht von unserer Welt stammen" bei sich zuhause aufgenommen und in einem extra dafür hergerichteten Kellerraum in ihrem Haus in Duisburg Jahrzehnte lang versteckt haben, bis deren Abreise zum europaweiten Stromausfall 2006 geführt haben soll. Um diese unglaublichen Angaben zu überprüfen, beauftragt Singer einen lokalen Detektiven, der sich später gemeinsam mit einem Lokaljournalisten und einem Kamerateam auf die Suche nach der Wahrheit hinter der Story der Eylandt-Briefe macht und im Keller des Familienhauses fündig wird.

Ohne den Schluss und weitere Inhalte des Film vorab verraten zu wollen, sorgte die Vorabplatzierung von Schlüsselinformationen, die Homepage, ein mehr oder weniger geheimes Online-Forum und die Veröffentlichung der Abschriften der Eylandt-Briefe in Form eines Büchleins, für genügend Grundlagen, um schon vor dem Filmstart nach bester Art des "viralen Marketings" einen eigenen Mythos um die vermeintlichen Hintergründe des Films zu erzeugen und thematisch Interessierte dazu zu bringen, durch Diskussionen - vornehmlich in Online-Foren - Teil des Konzepts zu werden.

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Doch schon eine kurze Online-Recherche offenbart, dass es sich bei zahlreichen Protagonisten nicht um die - anhand von im Stile von dokumentarischen Namens- und Titeleinblendungen - behaupteten Personen, sondern in vielen Fällen um Schauspieler handelt. Einen Umstand, der sich jedoch dem unbedarften Zuschauer beim Ansehen des Films, selbst beim geduldigen Abwarten des Abspanns nicht erkennbar erschließt.

Lediglich wer auch bis zum letzten Satz des Abspanntitels ausharrt, bekommt eine erste Minimalinformation, wenn hier folgender bekannter juristischer Schlusssatz von Spielfilmen - nicht jedoch Dokumentarfilmen - zu lesen ist: "Die Handlung des Films ist in de Spielszenen frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre daher ein zufällig und in keinster Weise beabsichtigt."

Vor diesem Hintergrund ist dann auch das "Essay" im Anhang der Presseinformationen zum Film mehr als aufschlussreich, dass "Von Mockumentary und Scripted Reality" berichtet: In der Tradition von inszenierten Nachrichtenmeldungen im Stile Orson Welles' Hörspiel "Krieg der Welten" von 1938 (als der Radiobericht eines fiktiven Angriffs feindlicher Marsbewohner bei unbedarften Zuhörern eine Panikreaktion hervorrief,) beschreibt der Begriff "Mockumentary" eine Art von Dokumentationen, die nur so tun als ob sie dokumentarisch seien und setzt sich vielsagend aus den englischen Wörtern "to mock" (also "sich lustig machen") und eben "documentary" (Dokumentation) zusammen. Als aktuelle Beispiele nennt die Presseinfo der Produktionsgesellschaft Wfilm die britische TV-Serie "The Office" und ihr deutsches Pendant "Stromberg". "Zu den generellen Merkmalen einer Mockumentary zählt zum Beispiel, dass der Inhalt Bezug auf wahre Begebenheiten nimmt. Darüber hinaus kommen etwa Interviews mit Persönlichkeiten, aber auch Schauspielern vor (...). Um den dokumentarischen Charakter zu verstärken, wird oft bewusst billiges Filmmaterial mit grober Auflösung verwendet, die Kamera verwackelt und mit improvisierten Dialogen gearbeitet."

Auch die Berufung der Produktion auf frühere Genrebeispiele, die im Gegensatz zu Serien wie "Stromberg", für den unbedarften Zuschauer schwerer auf den ersten Blick als fiktive Story erkennbar sind (und tatsächlich hier und da für einige Verwirrung sorgten), werden die legendäre "Spaghetti-Ernte" der BBC von 1957 oder der französische TV-Film "Kubrick, Nixon und der Mann im Mond" (2002). Letzterer gibt vor, dass die amerikanische Mondlandung nicht nur auf der Erde, sondern auch von Kult-Regisseur Stanley Kubrick in Londoner Filmstudios inszeniert und aufgenommen wurde. Durch die schauspielerischen Einlagen von einstigen hochrangigen Politikern, wie dem Mondfahrer Aldrin und dem ehemaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, als angebliche Zeitzeugen der Verschwörung, bedient sich der Film zugleich auch den real existierenden Verschwörungstheorien rund um die Apollo-Landungen auf dem Mond und verwischt somit absichtlich die Grenzen zwischen Realität, Verschwörungstheorien und Fiktion.

Ein anderes Beispiel für derartige Kunstkonzepte ist die besonders online vertretene "Alternate Reality"-Bewegung. Vornehmlich in als Diskussionsforen getarnten und Rollenspielen ähnelnden Online-Spielen, werden fiktive Szenarien - etwa die Suche nach einer bestimmten angeblich historisch belegbaren Person - der Spielergemeinde durch vermeintlich reale beweise in Form von Fotos, Dokumenten, Link-Verweisen und Lexika-Einträgen, derart präsentiert, dass diese selbst versucht weitere Informationen zum Thema zu recherchieren und beizutragen. Da diese in einem erfolgreichen "Alternate Reality Game" (Informationen und Hintergründe zu einem solchen "ARG" finden Sie HIER) die Vorgaben der Spiel-Initiatoren verlassen und sich somit die ganze Sache sehr schnell verselbstständigen kann, wird das Konzeptziel oft sehr schnell erreicht: Alternate Reality - Die Grenzen zwischen Fiktion und möglicher Realität verschwimmen. Die Realität wird verändert.

Während die Mocumentary im besten Fall das Ziel hat, Menschen zum Nachdenken zu bringen, ein intensiveres Medienbewusstsein zu schulen, gibt es auf der anderen Seite auch Pseudo-Dokumentationen oder so genannte Scripted Reality. "Hier", so die Presseinfo weiter, "wird trotz des fiktionalen Stoffes suggeriert, dass es sich um einen Dokumentarfilm handelt. Dabei werden unter anderem gerne Laiendarsteller verwendet, das Kamerateam mit in die Handlung einbezogen oder auch Protagonisten durch Tricktechnik unkenntlich gemacht (Beispiele: Gerichts- und Detektiv-Dokus im Privat-Fernsehen."

Somit offenbaren nicht zuletzt auch die Aussagen von Regisseur und Produzent Michael W. Driesch (Don Miguel) die wirklichen Hintergründe des modernen "Eylandt-Mythos":
"Das Zielpublikum, so Driesch, habe sich während der Entwicklung des Drehbuchs ein wenig geändert. "Ganz am Anfang wäre es eine klassische Dokumentation gewesen, mit starkem Aspekt auf den Zweiten Weltkrieg. Da hätte man es mit einem Publikum zu tun gehabt, das sich für Geschichte interessiert. Für den klassischen Mystery- und Fanatsy-Fan ist der Film möglicherweise einen Takt zu dokumentarisch und für den klassischen Dokumentarfilmzuschauer einen Takt zu mystisch... Deswegen ist meine Quintessenz: Er ist eigentlich für beide etwas."

"(...) Man muss sich nur den Film ganz ansehen, dann wird man schon fest stellen , mit was für einem Film man es zu tun hat. (...) Natürlich steckt (auch hinter der 'Eylandt Recherche') Wahrheit dahinter. Ein Großteil der Dinge, die hier beschrieben werden, sind wahr: Natürlich gab es den Zweiten Weltkrieg, natürlich gab es den großen Luftangriff auf Duisburg, natürlich gibt es eine 'Area 51' natürlich gibt es SETI (...) natürlich gibt es die Aussagen der Psychologin, die sich mit Klaustrophobie beschäftigt. Es gab auch eine Familie E. in Duisburg-Rheinhausen, die einen Friseursalon dort hatte. Natürlich sind auch manche Sachen fiktiv, es gibt Wahrheiten in dem Film, aber eben auch Teilwahrheiten..."

Quelle: grenzwissenschaft-aktuell.de / eylandt.de
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