Dienstag, 15. November 2011

Wikinger-Religion Asatru: Neues Forschungsprojekt ergründet den Glauben von Odins Nachfahren

Archiv: Detailausschnitt aus dem Gemälde "Thor" von Mårten Eskil Winge (1872). | Copyright: Public Domain

Würzburg/ Deutschland - Während die Religionswissenschaftlerin Dagmar Fügmann mit Satanisten beschäftigt – jetzt interessiert sich die Forscherin erneut für die Anhänger einer ungewöhnlichen Glaubensrichtung. Diese lassen die alte Religion der Wikinger wieder aufleben und verstehen ihren Glauben als modernes germanisches Heidentum.

Es geht um die Asen, die Götter der nordischen Mythologie, zu denen Odin, der Allvater, der einäugige Himmelsgott, und Thor, sein Sohn, zählen. Freya, die Göttin der Liebe, spielt eine wichtige Rolle, und jede Menge Fabelwesen wie Elfen, Kobolde und Wichtel tauchen auf. Opferfeste und rituelle Trinkgelage sind zentraler Teil der Religionsausübung; die Bücher der Edda, skandinavische Götter- und Heldensagen aus dem 13. Jahrhundert, dienen der Religion als Vorlage.

Laut der Pressemitteilung der "Julius-Maximilians-Universität Würzburg" (uni-wuerzburg.de) streben sogenannte Asatru-Gemeinschaften danach, die religiösen Vorstellungen der vorchristlichen Germanen wieder zu beleben und als moderne Religion in der heutigen Zeit zu etablieren. "Sie verstehen sich als modernes germanisches Heidentum und sehen sich deshalb zumindest in Deutschland dem Vorwurf ausgesetzt, rassistischen Vorstellungen und nationalsozialistischem Gedankengut wenigstens nahe zu stehen."

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In anderen Ländern sieht das allerdings ganz anders aus: "In Island wurde die Asatru-Bewegung bereits 1973 als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft neben dem Christentum von staatlicher Seite offiziell anerkannt“, erläutert Fügmann. Während sich in Deutschland Asatru-Anhänger teilweise lieber im Verborgenen treffen und nur selten öffentlich zu ihrem Glauben bekennen, taucht die Wikinger-Religion in Island auf offiziellen Behördenseiten gleich hinter der evangelisch-lutherischen und der katholischen Kirche auf.

"In Island ist Asatru überhaupt nicht völkisch oder nationalistisch negativ besetzt“, erläutert Fügmann. Ob den Gruppen in Deutschland die Nähe zur Ideologie der Nationalsozialisten völlig ungerechtfertigt angedichtet wird oder ob es nicht doch auch ein paar verkappte Nazis gibt, wisse sie noch nicht.

Die Frage, welche Auswirkungen diese unterschiedliche Wertschätzung und Behandlung in Island und in Deutschland auf die jeweiligen "Gemeinden“ hat, ist der Inhalt des neuen Forschungsprojekts der Religionswissenschaftlerin, das von der "Deutschen Forschungsgemeinschaft" (DFG) mit 240.000 Euro gefördert wird. "Mich interessiert vor allem die Frage, ob sich die Gruppen und ihre Form von Religion in Deutschland anders entwickeln als in einem Land, in dem sie zumindest rechtlich gleichgestellt sind", so Fügmann.

Dies sei eine "klassische Aufgabe für Religionswissenschaftler", die allerdings genauso gut am Beispiel Islam in der Türkei und in Deutschland hätte untersucht werden können. Weil das für eine Person alleine aber eine Nummer zu groß gewesen wäre, wird sich Fügmann jetzt also um Asatru kümmern. "Kleine, greifbare Gruppen, mit denen es sich als 'Ein-Frau-Betrieb' besser arbeiten lässt“.

"Asatru bedeutet übersetzt: Asentreue", erläutert die Pressemitteilung weiter. "Asen bilden das eine Geschlecht der Hauptgottheiten der Germanen. Wanen ist der Name des zweiten Geschlechts. Weil am Ende des sogenannten Wanenkrieges alle Wanengötter in die Reihen der Asen aufgenommen wurden, ist der Glaube an die Wanen, die Vanatru, heute fester Bestandteil der Asatru. Und alle Menschen stammen von den Göttern ab, sind von ihnen mit Leben und Geist erfüllt worden."

Die Methoden, mit denen Dagmar Fügmann die Asatru-Anhänger erforschen wird, sind die gleichen wie schon bei ihrer Arbeit über Satanistengruppen in Deutschland: Über das Internet knüpft sie erste Kontakte und stellt ihr Anliegen vor. In Island sei dies relativ einfach: "Dort gibt es offizielle Leiter sämtlicher Asatru-Gemeinden, die bereitwillig Rede und Antwort stehen. In Deutschland gestaltet sich das Vorhaben schwieriger, weil hier Asatru-Anhänger in der Regel Wert auf Anonymität legen."

Nachdem Fügmann das Vertrauen ihrer Ansprechpartner gewonnen hat, will sie umfangreiche Fragebogen mit ganz allgemeinen Fragen zur Person und sehr speziellen zur religiösen Biographie und Religionsausübung oder zu rituellen Vorlieben verschicken. Durch Interviews mit isländischen und deutschen Asatru-Anhängern erhofft sie sich dann Antworten auf Fragen wie: Welchen Wertvorstellungen hängen Asatru-Anhänger an? Welche ethischen Richtlinien bestimmen ihr Handeln? Wie weit klaffen Theorie und Praxis auseinander? Und zeitgleich plant Fügmann den Besuch zentraler Rituale in den Asatru-Gemeinden.

"Ich habe vor, die jeweiligen Hauptrituale zum Sommer- und zur Wintersonnwende in Island und Deutschland zu besuchen und vielleicht auch die zur Tag- und Nachtgleiche im Frühling und Herbst", so die Forscherin. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, will sie an einem Blot teilnehmen - dem germanischen Opferfest. "Aber keine Sorge: Tiere werden dabei, wie einst bei den Germanen, nicht mehr geopfert. Heutzutage bekommen die Götter Trank- oder Speiseopfer. Der Opfernde will auf diese Weise mit ihnen in Kontakt treten und sie für seine Anliegen positiv stimmen."

Selber trinken heißt hingegen das Motto beim "Sumbel" - einem rituellen Trinkgelage. Dort wandert ein Trinkhorn im Kreis der Teilnehmer, begleitet von Trinksprüchen, Eiden, Gelübden, Liedern und Gedichten – solange, bis der geweihte Kelch in der Mitte geleert ist. Mit schwerem Alkoholismus hat das nicht unbedingt etwas zu tun: "Ich habe gehört, dass die Isländer dabei auf alkoholfreien Honigwein zurückgreifen." sagt Fügmann.

Am Ende des Datensammelns steht dann die Auswertung. Unter anderem mit Hilfe einer Metaphernanalyse will die Religionswissenschaftlerin dann "das Gemeinte hinter dem Gesagten“ finden. Diese Analysemethode hat sie in einem vom Qualifikationsprogramm für Wissenschaftlerinnen an der Universität Würzburg finanzierten Postdoktorandinnen-Projekt für die Religionswissenschaft bereits ausgearbeitet.

Eine vorab formulierte Hypothese verfolgt die Religionsforscherin bei ihrer Arbeit allerdings nicht: "Ich lasse mich überraschen und bin selbst gespannt, was am Ende herauskommen wird", sagt sie. Nur eines ist ihr wichtig: Die Asatru-Anhänger und ihren Glauben moralisch beurteilen, das will sie nicht. Schließlich sei es oberstes Prinzip der Religionswissenschaft, Befunde möglichst neutral zu beschreiben, nicht moralisch zu bewerten.

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Quellen: uni-wuerzburg.de / grenzwissenschaft-aktuell.de
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