Freitag, 23. August 2013

GreWi-Interview Exklusiv: Planet X, Nibiru & Co - Astronomen suchen nach noch unentdeckten Planeten im Sonnensystem

 Archiv: Was wussten die Sumerer über bislang noch unbekannte Planeten im Sonnensystem? Auf einem akkadischen Rollsiegel m das heute im Berliner Pergamon-Museum aufbewahrt wird, sind zehn Planeten im Sonnensystem eingezeichnet.

Saarbrücken (Deutschland) - Mit Pluto wurde der letzte und einst neunte Planet des Sonnensystems erst im Jahre 1930 entdeckt - 2006 aber auch schon wieder zu einem Kleinplaneten degradiert und die Anzahl der Planeten unseres Sonnensystems damit auf offiziell acht reduziert. Doch schon im frühantiken Mesopotamien wussten die alten Mythen von einem weiteren Planeten zu berichten, den sie "Nibiru" nannten. Ähnlich wie Nibiru so sorgt bis heute die Vorstellung, dass es im Sonnensystem noch bislang unentdeckte Planeten geben könnte für ebenso viele Fantasien wie wissenschaftliche Spekulationen. Im GreWi-Interview erläutert der australische Astronom Dr. Geroge Hobbs, dessen Team mit Hilfe eines neu entwickelten Computerprogramms und durch die Beobachtung von Pulsaren auch die Frage nach noch unentdeckten Massen - also Planeten - im Sonnensystem klären will (...wir berichteten), den aktuellen Stand der Suche nach "Planet X", Nibiru und Co.

GreWi: Dr. Hobbs, erst kürzlich haben sie eine neue Software vorgestellt, mit der Pulsare (also extrem dichte und ebenso schnell rotierende Zwergsterne, die ähnlich einem Leuchtturm extrem regelmäßige Radio- und manchmal auch Röntgenimpulse aussenden) nicht nur sozusagen als autonomes "kosmisches Navigationssystem", sondern auch zur Suche nach noch unbekannten Planeten im Sonnensystem nutzen lassen. Können Sie uns zunächst diese Technologie und Methode kurz erläutern?


Dr. George Hobbs. | Copyright/Quelle: csiro.au

Hobbs: Seit etwa fünf Jahren arbeiten wir nun schon an einem Projekt mit der Bezeichnung 'Parkes Pulsar Timing Array'. Das Hauptziel dieses Projekts ist die präziseste Beobachtung von Pulsaren, um mit ihrer Hilfe den ersten Nachweis für Gravitationswellen erbringen zu können.


Hierzu haben wir eine neue Beobachtungs-Hardware und eine dazugehörende Analyse-Software entwickelt. Eines der Hauptprobleme für den Nachweis von Gravitationswellen ist, dass ihre erwarteten Auswirkungen auf die Pulsarbeobachtung geradezu winzig sind. Aus diesem Grund müssen wir alle physikalischen Effekte ausschließen können, die das Signal von Gravitationswellen verdecken könnten. Hierzu müssen wir wiederum sehr genau wissen, wo sich die Erde im Verhältnis zum Massezentrum unseres Sonnensystems befindet, dem sogenannten Baryzentrum.


Die Technik, die wir hierzu entwickelt und in besagtem Paper veröffentlicht haben (...wir berichteten), erlaubt es uns, die Position eines jeden Teleskops derart präzise zu bestimmen, mit dem eine Gruppe von Pulsaren beobachtet wird. Der Hauptautor dieser Studie, Xinping Deng, arbeitet für das Nationale Chinesische Raumfahrtzentrum und hat deshalb die Arbeit so konzipiert, dass sie zur Navigation von Raumschiffen benutzt werden kann. Er ging davon aus, dass sich besagtes Teleskop auf einem Raumschiff befindet und hat deshalb mit dieser Methode so die Position eines solchen simulierten Raumschiffs ermittelt.


Künstlerische Darstellung eines Pulsars (Illu.). | Copyright: NASA

Allerdings beobachten wir ja schon heute Pulsare auch mit erdgestützten Teleskopen. Wir können also im Kontext unserer Methode auch davon ausgehen, dass in diesem Fall die Erde unser 'Raumschiff' ist und somit sehr genau ermitteln, wo die Erde sich gerade befindet.


Wie dies zu erwarten war, belegen auch unsere Daten, dass auch die Erde das Massezentrum des Sonnensystems umkreist. Dieses Massezentrum wurde von Forschern beispielsweise am Jet Propulsion Laboratory der NASA in den USA anhand der Beobachtungen der Positionen von Planeten, Finsternissen, an Planeten vorbeifliegenden Raumschiffen und nahezu allen uns vorliegenden Informationen über die Objekte in unserem Sonnensystem errechnet.


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GreWi:
Und wo kommt nun die Frage bzw. Suche nach bislang noch nicht entdeckten Planeten ins Spiel?


Hobbs: Genau an diesem Punkt sind wir jetzt: Wenn nun also etwas nicht stimmt - wenn etwa unsere Daten die Masse eines Planeten falsch ausweisen würden oder es sogar einen vollständig unbekannten Planeten wie etwa Nibiru geben würde, dann wäre auch die zuvor ermittelte Position des Baryzentrums des Sonnensystem falsch.


Wir können also unsere Messergebnisse mit der vorhergesagten Position dieses Massezentrums vergleichen. Wenn wir nun Abweichungen feststellen würden, so könnten wir sagen, dass das Massezentrum des Sonnensystems in die ein oder andere Richtung von der Position abweicht, an der sie sich nach den bisherigen Modellen eigentlich befinden sollte - wenn diese bisherigen Modelle stimmen. Dann könnten wir genau in der entsprechenden Richtung nach einem möglichen unbekannten Planeten suchen.


GreWi: Und wurden solchen Versuche bereits unternommen?


Hobbs: Ja, wir haben entsprechende Messungen und Berechnungen für die uns bekannten Planeten durchgeführt, um zu sehen, ob es hier Fehler in den bislang bestimmten Massenwerten gibt. Das Ergebnis haben wir 2010 veröffentlicht (http://adsabs.harvard.edu/abs/2010ApJ...720L.201C). Diese Arbeit führte auch zur Veröffentlichung der bis dahin genausten Angaben der Masse des Jupiter-Systems.


GreWi: Und haben Sie auch nach unbekannten Planeten gesucht?


Hobbs: Ja, wir haben erst kürzlich nach unbekannten Massen im Sonnensystem anhand möglicher Fehler in der Position des Massezentrums des Sonnensystems gesucht - bislang jedoch noch nichts gefunden. Wir versuchen immer noch die Bedeutung dieses Ergebnisses und seine Implikationen richtig zu verstehen, da es natürlich einfacher ist, große Objekte mit kurzen Umlaufbahnen von etwa 20 Jahren zu finden als weniger massereiche Objekte mit langen Umlaufbahnen von beispielsweise 200 Jahren. Deswegen wurde das Ergebnis dieser Suche nach unbekannten Planeten (im Sonnensystem) und deren Nicht-Nachweis auch noch nicht veröffentlicht. Bislang haben wir aber auch nur nach Objekten mit vergleichsweise kürzeren Umlaufperioden gesucht.


Aktuell wendet eine Gruppe des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie in Bonn unter Patrick Lazarus die beschriebene Methode auf deutlich größere Datengrundlagen an und wird ihre Ergebnisse ganz bestimmt in den kommenden Monaten veröffentlichen.


GreWi: Würde Ihre Methode auch Planeten wie den von Ihnen explizit genannten "Nibiru" nachweisen können, deren große und stark elliptische Umlaufbahn sie über große Teile ihres Sonnenumlaufs weit aus dem klassischen Sonnensystem hinausführt?


(Anm.d.GreWi-Red.: Zumindest laut einem der populärsten Vertreter der Deutung von Nibiru als unbekannten Planeten des Sonnensystems, Zecharia Sitchin, soll dieser eine extrem elliptische Umlaufbahn bzw. -zeit von 3.600 Jahren besitzen, s.f.Abb.)



 
Orbitaldiagramm des sumerischen "Götterplaneten" Nibiru nach Sitchin.

Oder würde Ihre Methode die Existenz eines solchen Planeten immer nur dann offenbaren, wenn ihn sein Umlauf zur Beobachtungszeit zufällig gerade wieder in durch das klassische Sonnensystem führt?

Hobbs: Diese Frage ist berechtigt. Ein Objekt mit (einer solch elliptischen Umlaufbahn) wäre natürlich einfacher zu entdecken, wenn es sich zur Beobachtungszeit möglichst nahe in Richtung Sonne befände. Wenn sich ein solches Objekt - was bei einer derartigen Umlaufbahn wahrscheinlich wäre - während unserer Suche jedoch deutlich außerhalb der Plutobahn befände, so müsste es schon wirklich sehr massereich sein, damit wir es finden könnten.



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GreWi: Wenn ich Sie richtig verstehe, sind Sie und ihre Kollegen also für die Vorstellung, dass es noch bislang unbekannte Planeten in unserem Sonnensystem gibt, grundsätzlich offen oder ist es das Ziel entsprechender Beobachtungen, Theorien über Nibiru und/oder 'Planet X' zu widerlegen?


Hobbs: Die Modelle unseres Sonnensystems, wie sie von Astronomen und den Raumfahrtagenturen und -behörden der USA, Europas und Russland entwickelt wurden, sind sehr gut! Auf ihrer Grundlage können wir Raumschiffe etwa zum Mars schicken, ohne dass diese verloren gehen. Diese Modelle werden auch dafür benutzt, um Finsternisse erfolgreich vorherzusagen. Ich persönlich bezweifele von daher, dass es weitere große Planeten sozusagen unter den bereits bekannten Planeten gibt.


 

 
Modell des Sonnensystems. | Copyright: NASA

Allerdings verliefen die meisten der bisherigen Raumflüge innerhalb der Ekliptikebene. Es wäre also nicht unmöglich, dass ein unbekanntes planetares Objekt deutlich außerhalb dieser Ebene existiert. Das ist denn auch genau die Art von Objekten, die mich bei meiner Suche besonders interessieren. Natürlich fehlen in den Modellen des Sonnensystems zahlreiche kleine asteroidengroße Objekte und wir haben wahrscheinlich auch nicht genügend feinfühlige Instrumente, um alle diese Objekte zu entdecken.


Es ist auch möglich, dass ein großes Objekt in den weit entfernten Ausläufern unseres Sonnensystems existiert. Aber auch hier gilt, dass ein solches Objekt wirklich sehr schwer zu finden wäre. Grundsätzlich sind wir also durchaus offen für die Möglichkeit, dass es noch weitere, bislang unbekannte Planetenobjekte im Sonnensystem gibt. Zugleich glaube ich aber nicht, dass das bisherige Planetenmodell falsch ist. Ein unbekannter Planet würde also wahrscheinlich die Sonne auf einer, im Vergleich zu den bereist bekannten Planeten, sehr merkwürdigen Umlaufbahn umkreisen.


GreWi: Dr. Hobbs, wir danken für die interessanten Antworten und Informationen.





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