Dienstag, 5. Mai 2015

Götter oder Ahnengeister: Was führt(e) zur Zivilisation?


Symbolbild: Schnitzerei an einem Maori-Hauseingang. | Copyright: Kahuroa / gemeinfrei

Auckland (Neuseeland) - Es ist wie die Frage nach Huhn und Ei: Was war zuerst da: Komplexe soziale Gemeinschaften, der Glaube an moralisierende hochstehende Gottheiten oder der Glaube an strafende, übernatürliche Wesenheiten wie die Geister der Ahnen? Bislang gingen viele Wissenschaftler davon aus, dass erst der Glaube an moralisierende Götter (Moralizing High Gods, MHG) in sozialen Gruppen Selbstsucht und antisoziales Verhalten unterdrückt und es den Menschen so ermöglicht hatte, jene komplexen Gesellschaftsformen zu entwickeln, die uns bis heute prägen. Eine aktuelle Studie stellt diesen Erklärungsansatz nun jedoch in Frage und zeigt, dass komplexe Gesellschaften selbst zwar dazu tendieren, an moralisierenden Götter zu glauben, dieser Glaube jedoch nicht am Anfang der Entstehung entsprechender Gemeinschaften stand, sondern diese sich erst aus dem Glauben an übernatürliche Geister entwickelten.

Wie die Forscher um Joseph Watts von der University of New Zealand im Fachjournal "Proceedings of the Royald Society B" (DOI: 10.1098/rspb.2014.2556) berichten, stellt gerade der pazifische Inselraum mit seinen auf zahlreiche Inseln verteilten mehr als 400 Kulturen eine ideale Grundlage zur Untersuchung der Entstehung und Verbreitung von Glaubensvorstellungen dar. Nicht nur, dass die meisten dieser Kulturen miteinander verwandt sind, es ist anhand der Sprachen ebenfalls möglich einen kulturellen Stammbaum nachzuzeichnen.


In ihrer Studie haben die Forscher 96 dieser Kulturen analysiert und miteinander verglichen. Dabei ging es vor allem um die Frage, ob die jeweilige Kultur an eine oder mehrere moralisierende Gottheiten oder aber an Geister glaubt, die zwar auch strafend wirken, jedoch kein Interesse daran zeigen, dass ihre Gläubigen zu anderen gegenüber freundlich oder großzügig erscheinen. Zu letzterer Kategorie zählen etwa der Glaube an die Geister der Ahnen, die teilweise heimtückische Handlungen gegenüber den Mitgliedern anderer Familien durchführen. Viele der Untersuchten Gesellschaften, glaubten jedoch an keinerlei Formen strafender Götter oder Geister.


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Das Ergebnis der Analyse belegt, dass komplexe Gesellschaften zwar dazu tendieren, an moralisierenden hohe Gottheiten zu glauben, dass dieser Glaube aber nicht am Anfang der Entwicklung der Gemeinschaften stand. Tatsächlich war es in allen 6 der 96 untersuchten Kulturen, in denen sich solche Glaubensvorstellungen (MHG) entwickelten, diese unabhängig und erst relativ spät entstanden sind.

Im Gegensatz dazu können die Forscher zeigen, dass der Glaube an eine breite Vielzahl übernatürlicher Quellen von Strafen, der Entstehung komplexer Sozialstrukturen voranging.


Zugleich zeigt die Studie aber auch, dass weder strafende Geister noch die moralisierenden Gottheiten auf längere Sicht dazu beitrugen, den entsprechenden Gemeinschaften dabei behilflich waren zu überdauern, da der entsprechende Glaube im Vergleich zu Nichtgläubigen nichts an der Wahrscheinlichkeit des Zerfalls der entsprechenden Kulturen veränderte.


Grundsätzlich scheint also zwar der Glaube an übernatürliche wie moralisierende Gottheiten dabei behilflich zu sein, dass Zivilisationen wachsen und sich entwickeln können, dass hierzu aber schon "kleine Geister" - etwa die verstorbener Ahnen – hierzu genügen und es also keiner "großen Gottheiten" bedarf. Die Autoren der Studie selbst vertreten jedoch eine alternative Erklärung für ihre Ergebnisse:


Die gemeinsame Evolution sowohl von Glaubensvorstellungen weitgefächerter übernatürlicher Strafen (Broad Supernatural Punishment, BSP) und sozial-politischer Komplexität von Gemeinschaften sehen sie darin begründet, dass die allen BSP gemeine Grundlage der Glaube an wirkende Geister der Ahnen ist. Es sei dieser Glaube, der auch zu Ansprüchen auf politische Autorität führe. Als Beispiel nennen die Forscher eine Kultur auf Hawaii, in der die Genealogie dazu verwendet wurde, politische Führungsansprüche geltend und dabei die Ahnen der Stammesanführer zu gottgleichen Personen erhoben wurden, um so den jeweils regierenden Fürsten nicht nur politische Autorität sondern auch übernatürliche Kräfte zu verleihen.


Auf diese Weise könnten lokale Stammesführer ihre Macht auf immer größere Gruppen ausgeweitet und dadurch die ersten Schritte zur Entwicklung einer Zivilisation getan haben.


+ + + GreWi Kommentar

Religion also im Dienste säkularer Macht. Ein Studienergebnis, das nicht wirklich für Überraschungen sorgen dürfte...

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